24-Stunden-Kita in Schwedt : Böse Mutti, armes Kind?

Madleen Sprengel kennt die Vorurteile. Und die Sprüche. 24-Stunden-Kita? Wie im Osten! Geht gar nicht! Doch sie wäre ohne die „Schnatterenten“ in Schwedt/Oder aufgeschmissen. Ein Besuch.

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Die Kita "Schnatterenten" in Schwedt/Oder.
Die Kita "Schnatterenten" in Schwedt/Oder.Foto: Schulze

Emilia kann es gar nicht schnell genug gehen. „Mamaaaa“, schreit sie über den halben Spielplatz hinweg, läuft dann zum Gartentor und fällt Mamaaaa um den Hals. Bei Maximilian ist die Angelegenheit komplizierter. Dreimal muss der Papa ihn bitten, bis sich der Kleine von den Spielsachen trennt und Hand in Hand mit Papa aus der Kita trottet. So geht es weiter. Mit Florian, Nora, Malte, Lilly und den anderen. Jeder auf seine Weise; so lange, bis alle verschwunden sind. Alle, außer Oskar.

Ab 16.30 Uhr ist er mit Erzieherin Elke in der Kita „Schnatterenten“ allein. Oskar, der Übernachtungsgast. Natürlich bekommt der Kleine es mit, wenn die anderen Kinder am Nachmittag nach und nach von ihren Eltern abgeholt werden. Er ist inzwischen fast drei Jahre. Aber sollte es ihn wirklich irgendwie stören, dann lässt er es sich nicht anmerken. Es gibt ja auch genug zu tun, ob mit dem Feuerwehrauto hier oder dem Bagger da drüben. Oskar kennt es nicht anders. Seit er vier Monate jung ist, verbringt er hin und wieder die Nacht in der, nun ja, Kindertagesstätte in Schwedt/Oder. Immer, wenn die Mama ihren Schichtdienst antritt. Für Oskar und Madleen Sprengel ist seit Langem Normalität, worüber sich Politik und Gesellschaft gerade in der Theorie fetzen.

Marlies Helsing will davon am liebsten nichts mehr hören. 24-Stunden-Kita. „Sagen Sie das bloß nicht!“, entfährt es der Leiterin der Schwedter Kita. Allzu wörtlich wurde das von einigen verstanden, nachdem Familienministerin Manuela Schwesig damit hausieren gegangen war, diese Kitas künftig kräftig fördern und deutschlandweit institutionalisieren zu wollen. Bis zu 100 Millionen Euro will sie in den Jahren 2016 bis 2018 ausgeben, damit die Einrichtungen länger und auch über Nacht offen bleiben. Vor allem Schichtarbeiter und Alleinerziehende sollen davon profitieren. Menschen wie die 30 Jahre alte Madleen Sprengel.

Anderen treibt Schwesigs Idee die Zornesröte ins Gesicht. Staatlich verordnete 24-Stunden-Kitas! Wie im Osten! Geht gar nicht! Zischte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer aus Bayern Richtung Berlin. Die Hüter der traditionellen Familie befürchten Schlimmstes: Kinder, die ihre Eltern nur noch in Ausnahmefällen sehen, weil sie die meiste Zeit woanders betreut werden. Wo kommen wir da hin? Die Union kündigte jedenfalls an, keine Betreuung zu unterstützen, die begünstigt, dass Kinder regelmäßig in Kitas übernachten.

„Als ob ein Kind sieben Tage in der Woche 24 Stunden am Tag in die Kita abgeschoben würde“, sagt Frau Helsing. „Totaler Quatsch.“ Traurig findet sie es, dass Eltern abgestempelt würden, sobald sie sich nicht an die konventionellen Betreuungszeiten halten können. Böse Mutti, armes Kind, heiße es dann.

Sehen so eine herzlose Mutter und ihr vernachlässigtes Kind aus? Madleen Sprengel schlendert mit Oskar den kleinen Kopfsteinpflasterweg hinunter Richtung Kita. Sie groß und schlank, die dunklen langen Haare am Hinterkopf zusammengebunden. Er lässig mit einem grauen T-Shirt und passendem Basecap, das er heute verkehrt herum trägt. „Hallo Oskar, geht es dir gut?“, fragt Kitachefin Marlies Helsing zur Begrüßung. Oskar nickt verlegen. Alles bestens, bestätigt die Mutter. Dann tauscht sie seine Straßen-  gegen Hausschuhe, hängt einen Beutel mit frischen Sachen an Oskars Platz und nimmt ihm die Mütze vom Kopf. Ein Kuss und schon ist Oskar untergetaucht, in seiner Gruppe, die gerade den Mittagsschlaf beendet hat. Kein Murren, keine Tränen, kein Quengeln. „Das geht immer völlig problemlos“, sagt Madleen Sprengel. „Wir haben da ja schon Routine.“ Und was für eine.

Was machen die anderen Schichtarbeiter?

30 Stunden hat der Arbeitstag von Madleen Sprengel, mindestens. Sie schiebt 24-Stunden-Dienste beim Kindernotdienst in Schwedt, wohnt aber in Berlin-Charlottenburg. Das heißt, dass sie je zwei Stunden für die An- und Abfahrt benötigt. Sie will es so. Zwar ist sie in Schwedt groß geworden, doch Madleen Sprengel braucht den Abstand zur Arbeit, und sie mag das Leben in der großen Stadt, in der sie später auch mal arbeiten möchte. Von Beginn an hat sie Oskar allein großgezogen, ihren Job wollte sie aber nicht aufgeben.

Also pendeln beide, meistens zweimal in der Woche. Den Rest ist sie ganz für Oskar da, fast fünf Tage. „Im Prinzip verbringe ich mehr Zeit mit meinem Sohn als Eltern, die jeden Tag acht Stunden arbeiten“, sagt Madleen Sprengel. „Das vergessen viele.“ Vor allem diejenigen, die sie schief anschauen. Ein Kind, alleinerziehend und dann noch so einen Job: Wie soll das gehen? Und was ist das eigentlich für ein Mensch, der sein Kind so früh abgibt? Böse Mutti mit armem Kind?

Auf Madleen Sprengel und ihren Sohn passt das zumindest nicht. Oskar, der jetzt mit den anderen Kindern im Sandkasten spielt, scheint viel von Mamas Ruhe, Milde und Ausgeglichenheit abbekommen zu haben. Und die Mutter wirkt so, als habe sie sich das alles ganz genau überlegt. Überhaupt, was wäre denn die Alternative? Bei Verwandten kann sie Oskar nicht lassen. „Da gibt es wenig Kontakt.“ Und auf staatlicher Unterstützung allein will sie sich nicht ausruhen.

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