Erinnerungen an Muhammad Ali : Der seine Gipfel selbst malte

Muhammad Ali hat die Welt erschüttert. Im Boxring mit seiner Begabung, die Schläge des Gegners zu erahnen. Und im Leben mit seinem Mut zum Widerstand.

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2003 traf der Boxchampion auf Nelson Mandela. Beide wollten der Welt das Versöhnen lehren – und liebten es, Späße zu machen.
2003 traf der Boxchampion auf Nelson Mandela. Beide wollten der Welt das Versöhnen lehren – und liebten es, Späße zu machen.Foto: dpa

Berge. Hohe Berge mit zackigen Gipfeln und tiefen Tälern. Muhammad Ali hat sie erklommen und durchschritten wie kein anderer. Der frühere Box-Champion war einer der letzten Großen des 20. Jahrhunderts, geachtet und geliebt weit über das Boxen hinaus. Einer, der die Welt das Versöhnen lehrte.

Es wird in den kommenden Tagen und Wochen noch unzählige Hymnen und Nachrufe geben auf den größten Boxer aller Zeiten, der am Freitag im Alter von 74 Jahren gestorben ist. Erinnerungen an die frühen Kämpfe gegen Sonny Liston, den Rumble in the Jungle gegen George Foreman, den Thrilla in Manila gegen Joe Frazier. An Alis Weigerung, in den Krieg nach Vietnam zu ziehen, „I ain’t got no quarrel with them Vietcong!“. An die großartigen Comebacks, erst im Ring und später, 1996, als er bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Flamme entzündete, mit zitternden Händen, vor Milliarden Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt. Im tiefen Süden der USA, wo der Boxer, der einmal Cassius Clay hieß, noch in den 60er Jahren kein Hotelzimmer bekommen hätte.

In Berlin hat er Berge gemalt.

Es war im Dezember 2005. In der Schmeling-Halle boxte Alis Tochter Laila, eines von neun Kindern aus vier Ehen und zwei außerehelichen Beziehungen. Um den Größten in die Stadt zu bekommen, trug ihm eine Gesellschaft irgendeine Ehrung an. Niemand rechnete ernsthaft mit seinem Erscheinen, denn seitdem sich sein Leiden am Parkinson-Syndrom dramatisch verschlechtert hatte, mied Ali die Öffentlichkeit. Und dann kam er doch. Immer noch beeindruckend groß und breit, aber mit schwerem Schritt und gebeugtem Kopf, anscheinend versunken in seine eigene Welt, oder doch nur scheinbar?

Wowereit las vom Blatt ab, Ali malte

Klaus Wowereit las eine Rede vom Blatt ab, als Ali einen Kugelschreiber aus der Tasche zog. Behutsam die Karte mit dem Menü des Abends vor sich ausbreitete. Und malte. Große Berge mit zackigen Gipfeln. Auf der Bühne sangen sie Lieder und hielten Reden. Ali malte. Bis einer da vorn von den alten Kämpfen sprach, von den Schlachten gegen Sonny Liston, Joe Frazier und George Foreman. Auf einmal legte der Champion den Stift zur Seite, er fasste sich ans Herz und hob die Fäuste. Zehn, zwanzig Sekunden lang. Eine bewegende Ewigkeit lang waren die großen alten Zeiten wieder da.

Die 60er und 70er Jahre. Damals, als das Boxen noch eine gesellschaftliche Bedeutung hatte, weit über Haken und Jabs und Knockouts hinaus.

Boxen ist heute, zumal in den USA, eine Domäne der Schwarzen. Das war nicht immer so. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weigerten sich die weißen Preisboxer, gegen die schwarze Konkurrenz in den Ring zu steigen. Jack Johnson musste 1908 nach Sydney ausweichen, um als erster Schwarzer den Weltmeistertitel im Schwergewicht zu erkämpfen.

Jack Johnson war der Muhammad Ali des frühen 20. Jahrhunderts. Später landete er im Gefängnis – sein Verbrechen bestand darin, dass er sich mit weißen Frauen eingelassen hatte. Floyd Patterson, auch er ein schwarzer Weltmeister, diente sich in den 50ern an als angepasster, als guter Neger, wie man einen Afroamerikaner damals noch wie selbstverständlich nannte. Ihm folgte Sonny Liston, ein krimineller Schläger im Dienst der Mafia.

Das weiße Establishment reagierte irritiert

Guter Neger, böser Neger. Mit Patterson und Liston konnten sie leben im weißen Establishment. Aber was sollten sie anfangen mit einem wie Muhammad Ali?

Im Frühjahr 2013 hat der Fußballspieler Kevin-Prince Boateng vor den Vereinten Nationen einen Vortrag zum Thema Rassismus gehalten. Boateng ist ein Held der Neuzeit. Einer, der mit seiner Mannschaft vom Platz marschierte, weil er auf der Tribüne mit Affenlauten verhöhnt worden war. „Ich glaube, die Tatsache, dass Barack Obama und ich dieselbe Hautfarbe haben und dass wir das tun, was wir tun, liegt vor allem an Muhammad Ali“, sprach Boateng, und die Welt applaudierte.

Guter Neger, böser Neger. Damals, in einer anderen Zeit, sie liegt noch gar nicht so lange zurück. Die Box-Weltmeister Patterson und Liston spielten die ihnen zugedachten Rollen. Ali wollte keine Rolle spielen. „Er benahm sich nicht so wie man das erwartete von einem Sportler, schon gar nicht von einem schwarzen Sportler“, sagt Jan Philipp Reemtsma. Der intellektuelle Mäzen hat ein Buch über Ali geschrieben, es heißt „Mehr als ein Champion“ und zählt zum Besten, was jemals über Muhammad Ali zu Papier gebracht worden ist.

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