Geheime Protokolle : Das Wesen des Helmut Kohl

Er merkte sich alles. Alles, von dem er dachte, dass es noch einmal wichtig für ihn werden könnte. So ist er immer gewesen, Helmut Kohl. Und jetzt kommt alles wieder zurück.

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Helmut Kohl und seine Ehefrau Maike Kohl-Richter.
Helmut Kohl und seine Ehefrau Maike Kohl-Richter.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Es war im Jahr 1988, die Bundeswehr lud ihre Generäle und Admiräle zur Kommandeurtagung nach Würzburg. Die Armee war, damals schon, in Turbulenzen, es gab Probleme mit Rüstungsvorhaben, mit der Personalstärke, mit dem Tiefflug, ein Parlamentarischer Staatssekretär hatte hingeworfen. Und Helmut Kohl als Kanzler sollte und wollte kommen. Er flog von Bonn aus, mit einem dunkelgrünen Hubschrauber, der hinter dem Kanzleramt landen konnte. Der Landeplatz war uneinsehbar. Eduard Ackermann machte seinerzeit noch die Pressearbeit für Kohl, er war, wie der Kanzler ihn nannte, ein „wirklicher Geheimrat“.

Der Kanzler kannte sich aus, das war schön doppeldeutig: Einmal gab es den Titel in deutschen Kabinetten vergangener Jahrhunderte, dann war Ackermann wirklich Ministerbeamter, Direktor, und arbeitete außerdem oft im Geheimeren. So auch hier: Er organisierte einen Mitflug.

Helmut Kohls Karriere
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1 von 33Foto: ddp
16.06.2011 11:02Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Helmut Kohl als Bundeskanzler und als Vorsitzender der CDU die Politik der Bundesrepublik - länger...


Und der hatte es in sich. Kohl, in großgemusterter mittelgrüner Strickjacke, mit bequemen Schuhen, setzte erst einmal die Puppen gerade: Alles, was er sage, dürfe nicht veröffentlicht werden. Sein Ton war entsprechend und seine Gestalt sowieso bedrohlich. Dann erzählte er los: wie er den und jenen journalistischen Kollegen einschätze, dass dieser JU-Chef von Oberursel gewesen sei und dann Chefredakteur und sich gegen ihn gewandt habe, dass man jenen in einer süddeutschen Zeitung lesen müsse, um zu wissen, was im SPD-Parteivorstand los sei, dass wieder ein anderer heute grob gewirkte, aber teure Pullover trage und den Grünen nachlaufe … Und so weiter und so fort, die Zeit verging wie im Flug, es tat sich ein ganzes Panorama auf. Kohl schien alles über jeden zu wissen und, vor allem, er ordnete jeden ein. Jeden. Es konnte einem in der Höhe das Blut gefrieren.

Ein Mann, ein Politiker, der sich alles merkte

So ist er immer gewesen. Das ist das Wesen des Helmut Kohl. Ein Mann, ein Politiker, der sich alles merkte, von dem er dachte, dass es noch einmal wichtig für ihn werden könnte. Historisches – Kohl ist promovierter Historiker –, aber auch Menschliches. Er kennt nicht nur die Historie der Pfalz, sondern auch die große Politik der europäischen Kabinette von 1871 bis 1914 und die der Kleinen Entente, dem Bündnissystem von 1920 bis 1938 zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien, gefördert von Frankreich und Polen.

Und Kohl kannte als CDU-Vorsitzender zu seinen besten Zeiten nicht nur in der Pfalz jeden Kreisvorsitzenden. Das hatte er mit Willy Brandt gemein, der in der SPD auch jeden persönlich zu kennen schien, und das verband ihn mit Brandt, wie er sagte. Auf Parteitagen wie dem vor Jahrzehnten in Wiesbaden stoppte er schon mal beim Einzug in den Saal, begrüßte einen ihm applaudierenden Delegierten und fragte den nach dem Wohlergehen seiner Frau. „Sie haben mir doch geschrieben.“ Kohl telefonierte nicht nur jeden Tag in die CDU hinein, auf allen Ebenen, er schrieb auch Briefe. Und hatte, nein, hat bis heute ein elefantöses Gedächtnis.


Er kann nicht nur schwer vergessen, er ist auch nachtragend. Alle Sätze, die niedergeschrieben sind, mit denen hat er sie, die ihn vermeintlich oder tatsächlich „verraten“ haben, auch wirklich niedergemacht. Die Weizsäckers, Thierses, Blüms, Schäubles, Töpfers, Wulffs, Merz’, auch und ganz besonders Merkel. Weil sie – aus seiner Sicht – undankbar waren oder hochfahrend oder falsch, weil sie aufgehört hatten, den zu würdigen, der ihnen zu ihrem Amt, ihrer Karriere erst verholfen hatte.