Glaube, Liebe, Romance Scam : Wie Online-Betrüger arbeiten

Über das Internet lernt Oswald Andrey kennen. Es folgt ein rührender E-Mail-Wechsel. Und ein Betrug, der „Romance Scam“ genannt wird und schlicht Abzocke bedeutet. Tausende haben so viel Geld verloren. Ein Lehrstück über Sehnsucht und Selbstbetrug.

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Suchprogramm. Im Internet gibt es Dutzende Partnervermittlungsseiten. Für jegliche Neigung, jedes Alter, sofort erreichbar.
Suchprogramm. Im Internet gibt es Dutzende Partnervermittlungsseiten. Für jegliche Neigung, jedes Alter, sofort erreichbar.Foto: Mascha Brichta/p-a/dpa

Selbstverständlich ist Oswald nicht sein wahrer Name. Viel zu peinlich ist die Sache, so peinlich, dass er sie noch nicht mal seinem besten Freund erzählt hat. Dem schon gar nicht, denn der Freund hatte ihn früh gewarnt. Und die Sache ist ja nicht nur peinlich in des Wortes neuerer Bedeutung: Man steht dumm da, hat eine Idiotie begangen. Peinlich hieß mal schmerzvoll. Diese Geschichte war nicht nur teuer, sie hat auch sehr wehgetan.

Oswald ist fast 70 und wünscht sich einen Menschen an seiner Seite. Er hat schon vieles ausprobiert, er hat drei Kinder, ist verheiratet aber getrennt, hat mit Frauen zusammengelebt und mit Männern Affären gehabt. Jetzt, nach allem was gewesen ist, wünscht er sich einen Mann fürs Leben, ganz fest, nicht nur zum Spaß. Oswald spricht von „brüderlicher Liebe“, die er sucht, von einem Verständnis, das er mit Frauen so nie hatte.

Nie war es einfacher, dass Menschen zueinanderfinden, die zueinanderpassen. Im Internet gibt es Dutzende Vermittlungsstellen für jegliche Neigung, jedes Alter, sofort erreichbar. Nie war es schwerer, den einen zu finden, denn mit den Möglichkeiten sind die Wünsche gewachsen. Die Vorstellung, wie der Passende geschaffen sein soll, ist so konkret, dass die besten Computer-Algorithmen versagen. Sie können ja nur finden und nicht formen.

Andrey, 14. April 2014: Ich bin 176 Größe und momentan ungefähr 78 kg schwer. Ich bin am 25. Mai 1981 geboren worden.

Oswald, 15. April: Ich glaube du bist ein guter Mann, den ich gerne kennenlernen würde.

Damit begann Oswalds zweiter Versuch. Seinen ersten Versuch, über eine schwule Partnersuchbörse einen Mann zu finden, hatte er ein Jahr davor unternommen. Völlig erfolglos war er nicht; mit einigen hat er sich getroffen, mit einigen hatte er Sex. Er merkte aber auch, dass ihn die Sache absorbierte, dass er nach den Mitteilungen der „Partner“ lechzte, dass die „Partner“ aber keine Partner waren, sondern Männer mit kurzfristigen Interessen: Sex, schnelle Bestätigung, Geld. Liebe, brüderliche Liebe gar? Eher nicht. Oswald war abgeklärt und stark genug, nach sechs Wochen seine Onlinesuche, die fast zur Onlinesucht geworden war, zu beenden.

Sein Verlangen, seine Sehnsucht waren stark genug, ihn im April 2014 wieder ans Gerät zu locken. Er wusste ja nun, sagte er sich, was er wollte. Er würde, nahm er sich vor, sorgfältig auswählen, nur nach dem einen, Echten suchen. Und diesen einen, wusste er, würde er nicht über den Sex kennenlernen.

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