Griechenland : Radikale Wandlung: Alexis Tsipras hat in den Abgrund geschaut

Syriza-Chef Alexis Tsipras hat Griechenland zu weiteren Sparmaßnahmen verpflichtet - und ist bei seinen Landsleuten populärer als je zuvor. Doch nach den Verhandlungen mit den Gläubigern steht jetzt die schwierigste Aufgabe an: der Kampf gegen seine eigene Partei. Ein Porträt.

von und Yannis Palaiologos
Auflagensteigerung. Regierungschef Alexis Tsipras wurde innerhalb kurzer Zeit vom kompromisslosen Kämpfer gegen den Sparkurs zum Pro-Troika-Politiker.
Auflagensteigerung. Regierungschef Alexis Tsipras wurde innerhalb kurzer Zeit vom kompromisslosen Kämpfer gegen den Sparkurs zum...Foto: REUTERS

Da sitzt er nun auf der Regierungsbank und schaut zu, wie sich seine eigenen Leute zerfleischen. Es ist Freitagmorgen im Athener Parlament, und die entscheidende Abstimmung steht kurz bevor. Die Augenringe des griechischen Premiers sind tiefschwarz, die Debatte begann weit nach Mitternacht. In den vergangenen  Stunden hat Alexis Tsipras gemeinsam mit den Fernsehzuschauern in den griechischen Bars oder Wohnzimmern verfolgt, wie sich seine Syriza-Partei zerlegt. In Echtzeit, live und in Farbe. Abgeordnete, die sich gegenseitig Verrat vorwerfen, beleidigen und verletzen. Die von sich glauben, das Land zu retten, und den anderen unterstellen, es in den Abgrund zu reißen. Abgeordnete, die vor wenigen Monaten noch gemeinsam demonstriert und gefeiert haben. Spätestens in diesem Moment weiß er, es ist vorbei. Er wird regieren, aber anders, als er sich das wohl je vorstellen konnte.

Es sind die vielleicht schwierigsten Tage in der Karriere des erst 41-jährigen Regierungschefs. Er schwankt zwischen Neuwahlen und Aussitzen, zwischen Durchwurschteln und Konfrontation. Dass sich eine Partei spaltet, während sie die Regierung stellt, ist so in 40 Jahren Demokratie in Griechenland noch nicht vorgekommen. Niemand weiß, wie es in den nächsten Wochen weitergeht.

Es ist nicht die Art von Schwierigkeiten, die Tsipras bisher kannte. Die Gegner seiner Politik sitzen nicht mehr im Ausland, mit der verhassten Troika, den Anzugträgern aus Brüssel und Washington, hat er sich geeinigt. Die Konservativen stützen seinen Kurs. Der Widerstand kommt nun aus den eigenen Reihen. Und diese Opposition ist gefährlich.

Als Tsipras zu seiner 40-minütigen Rede ansetzt, in der er seinen gerade geschlossenen Kompromiss mit den Geldgebern verteidigen wird, weiß er: Seine Partei ist in ihrer bisherigen Form Geschichte. Das Bündnis, das vom überzeugten Kommunisten bis zum gemäßigten Sozialdemokraten so viele unterschiedliche Strömungen vereinen konnte, wird das Regieren nicht überleben. Wird die Entscheidung ihres eigenen Chefs nicht aushalten. Und die steht fest: Wenige Stunden später wird sein neuer Finanzminister Euklid Tsakalotos mit Zustimmung des Parlaments nach Brüssel fliegen und das Kreditpaket für weitere drei Jahre beschließen.

Währenddessen wird ein anderer Mann, der Tsipras’ Politik in den ersten Monaten wie kein anderer geprägt hat, mit „Nein“ stimmen und anbieten, nach dem Finanzministeramt auch sein Abgeordnetenmandat niederzulegen. Weil er die Regierung nicht mehr unterstützen kann. Yanis Varoufakis weiß, dass Tsipras sich entschieden hat. Gegen die Revolution. Für neue Kredite aus Brüssel.

Alexis Tsipras hat in den Abgrund geschaut

Doch warum hat Tsipras seinen Kurs so radikal geändert? Was ließ ihn innerhalb kurzer Zeit vom kompromisslosen Kämpfer gegen die Austerität und brennenden Verteidiger der nationalen Souveränität zum Pro-Troika-Politiker werden – bereit, schlussendlich sehr viel härtere Auflagen zu akzeptieren als diejenigen, wegen derer er ein ganzes Land zum Referendum aufrief?

War es vernünftiges Einlenken oder Feigheit? Diese Frage bestimmte nahezu jede politische Debatte der vergangenen Wochen in Griechenland, während sich die alljährliche Sommerruhe so gar nicht über Athen legen wollte.

Es gibt dazu viele Theorien, die Wahrheit kennt aber wohl nur Tsipras selbst. Ein Gerücht, das in den politischen Zirkeln Athens heiß gehandelt wird, besagt, dass der Premier auf einen zehn Milliarden-Kredit von Wladimir Putin gehofft habe, mit dem er die Drachme in ihrer Einführungsphase hätte stützen können (der Kreml hat dies stets abgestritten). Eine andere Theorie, die angeblich von Yanis Varoufakis stammt, ist, dass Tsipras insgeheim darauf setzte, das Referendum zu verlieren und erhobenen Hauptes zurücktreten zu können, ohne neue Austeritäts-Maßnahmen unterschreiben zu müssen. 

Wieder andere vermuten, Tsipras habe schlicht in den Abgrund geschaut und sei davor zurückgeschreckt. Während der Kapitalverkehrskontrollen ist die Wirtschaft brutal eingebrochen, die Banken waren so gut wie pleite – und Tsipras kam zum Ergebnis: Ein Sparpaket kriegen wir am Ende so oder so. Dann lieber mit dem Euro als mit der Drachme. In etwa so beschreibt es auch Tsipras selbst an diesem Freitag im Parlament. Der Feind, er bleibt für ihn offiziell derselbe: Wolfgang Schäuble wolle Griechenland aus dem Euro drängen. Das dürfe nicht geschehen. Der Subtext lautet: Alle, die mit dem „Grexit“ flirten, spielen den Deutschen in die Hände.

Sicher ist nur, dass Tsipras eine spektakuläre Kehrtwende hingelegt hat. Sein Mittelweg – hart verhandeln, die Sparpolitik stark abschwächen, aber die Euro-Zone nicht verlassen und dadurch sowohl die Partei als auch das Land zusammenhalten – er ist längst gescheitert.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben