Levina-Desaster beim ESC : Wie es sich anfühlt, vor Millionen zu versagen

Vor zwei Jahren schnitt eine beim ESC noch schlechter ab als Levina: Null punkte für Ann Sophie. Doch sie hat sich nicht aufgegeben.

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Mit ihrem Song bekam Ann Sophie beim ESC 2015 nicht einmal einen Mitleidspunkt.
Mit ihrem Song bekam Ann Sophie beim ESC 2015 nicht einmal einen Mitleidspunkt.Foto: picture alliance / dpa

Die Frau, die die Frage in den Zuschauerraum der Comödie Dresden ruft, wirkt auf der Bühne größer als im echten Leben. Ann Sophie Dürmeyer, an diesem Tag im Mai 2016 gerade 25 Jahre alt, dunkelbraune Korkenzieherlocken, grelles Make-up, macht eine kleine Kunstpause, bevor ihre Antwort durch den Saal hallt.

„Weil Männer uns ständig falsche Vorstellungen davon vermitteln, was 20 Zentimeter sind!“

Dröhnendes Lachen, auf der Bühne wie im Publikum. „Tussipark“ heißt das Stück, das hier gespielt wird. Vier Frauen stranden nachts in einem Parkhaus, sie erzählen sich Männerwitze, klagen sich Männerleid, grölen Helene-Fischer-Hits, obwohl nur eine von ihnen wirklich gut singen kann: Wanda, Spitzname „die Wanda-Hure“, gespielt von Ann Sophie Dürmeyer, einer Frau, deren bisheriger Lebensweg sich auf zwei Arten zusammenfassen lässt.

Die eine geht so: 1990 als Tochter deutscher Eltern in London geboren, zog es Ann Sophie früh auf die Bühne. Sie studierte Schauspiel in New York, trat als Sängerin in Bars auf, ihre markante Soul-Stimme blieb vielen im Ohr. Mit ihrem Song „Black Smoke“ setzte sie sich 2015 beim nationalen Vorentscheid des Eurovision Song Contest durch und vertrat Deutschland beim ESC-Finale in Wien. Obwohl ihr Lied dort nicht zu den Gewinnertiteln zählte, kletterte „Black Smoke“ in der Folge auf Platz 26 der deutschen Single-Charts und war damit in Deutschland der dritterfolgreichste Song des ESC-Jahrgangs 2015. In Dresden spielt Ann Sophie nun eine der Hauptrollen in einer Boulevardkomödie, deren Erfolg, wie Kritiker schrieben, „vor allem der Idealbesetzung zu danken“ ist. Derzeit sucht die multitalentierte Künstlerin einen Verlag für ihr erstes Kinderbuch, während sie nebenbei noch ein wirtschaftspsychologisches Studium in Hamburg wuppt.

Ann Sophie: "Ich glaube, dass es für alle im Leben einen Grund gibt"

Die andere Version geht so: 1990 in London geboren, ließ sich Ann Sophie von ihrem Banker-Vater ein Schauspielstudium in New York finanzieren. Nebenbei versuchte sie sich als Sängerin, wurde beim deutschen ESC-Vorentscheid mit ihrem Song „Black Smoke“ aber nur Zweite. Dass sie trotzdem zum Finale geschickt wurde, verdankte sie dem eigentlichen Wettbewerbssieger, dem Bluesmusiker Andreas Kümmert, der kurzfristig seine Teilnahme zurückzog, weil er Muffensausen bekam. Ann Sophies Auftritt in Wien wurde zum Fiasko: „Black Smoke“ bekam keinen einzigen Punkt, Deutschland landete auf dem letzten Platz. Es folgte die Rolle im Klamaukstück „Tussipark“, die man Ann Sophie anbot, weil Jeanette Biedermann, die in Dresden als ursprüngliche Darstellerin der Wanda-Hure das Presselob mit der „Idealbesetzung“ eingeheimst hatte, gerade anderweitig beschäftigt ist. Als Kinderbuchautorin versucht Ann Sophie nun, eine Geschichte über einen depressiven Marienkäfer auf den Markt zu bringen. Wenn auch das nicht zündet, will sie auf Wirtschaftspsychologie umsatteln.

Welche Version stimmt? Beide, irgendwie, und keine so ganz. Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern in der Zukunft, wie bei allen Künstlerbiografien. Wer scheitert, scheitert. Wer Erfolg hat, kann über anfängliche Misserfolge lachen, weil sie im Rückblick nur den Erfolg adeln. Ich habe mich durchgesetzt, kann man dann sagen - ich habe gekämpft, hart gearbeitet, nie aufgegeben, an mich geglaubt. Aber um so zu reden, muss man erst mal erfolgreich sein.

„Ich glaube, dass es für alles im Leben einen Grund gibt“, sagt Ann Sophie.

Es ist Samstag, der Morgen nach der „Tussipark“-Aufführung, sie sitzt im Foyer eines Dresdener Hotels, ein paar Tische entfernt von dem schwarzen Konzertflügel, an dem sie in der vergangenen Nacht spontan noch ein paar Lieder für die letzten Bar-Gäste gesungen hat.

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