Beim Glamourfaktor ist noch Luft nach oben

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Michael Müller wird Regierender Bürgermeister : Ein Zauderer packt zu
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Wollen Klaus Wowereit beerben: Jan Stöß, Raed Saleh und Michael Müller.
Wollen Klaus Wowereit beerben: Jan Stöß, Raed Saleh und Michael Müller.Foto: dpa

Ein kleiner, fast zierlicher Mann mit ordentlich geschnittenen Haaren. Ovale Brille mit schmalem Rahmen, Anzug von der Stange und in der Freizeit Jeans und bunt kariertes Hemd. Müller arbeitet viel und achtet trotzdem darauf, dass noch Zeit für die Familie bleibt. Für Ehefrau Claudia, die er 1990 beim deutsch-amerikanischen Freundschaftstag auf der Trabrennbahn Mariendorf kennenlernte, die Tochter und den Sohn. Soweit es möglich ist, bleibt der Sonntag frei.

Seine Claudia, gelernte Bankkauffrau, hat mal gesagt: „Ich mache alles mit“, was auch immer der Ehemann werden wolle. Bei den Mitgliederforen, auf denen noch bis zum 14. Oktober die drei Bewerber um die Gunst der Genossen buhlen, begleitet sie ihn. Die Müllers aus Tempelhof sind nun mal politisch. Auch Vater Jürgen sitzt gern in der ersten Reihe, wenn Sohn Michael redet. Ein Sozialdemokrat seit über 50 Jahren, der den SPD-Ortsverband Alt-Tempelhof führte und bis 1989 Bezirksverordneter war. Damals schon machte in der Tempelhofer SPD ein charmantes und machtbewusstes Nachwuchstalent von sich reden, Klaus Wowereit, der mit Müller senior Freundschaft schloss. Die hält bis heute.

Der streitlustige Charismatiker und das stille Licht

Als der Vater ausschied, kurz vor dem Mauerfall, zog der junge Müller in die Bezirksverordnetenversammlung ein. Bald wurde er hier Fraktionschef, da war Wowereit schon Volksbildungsstadtrat, auch sie wurden Freunde. 1996 kamen beide ins Abgeordnetenhaus. Klaus Wowereit als Haushaltsexperte, später Fraktionschef. Michael Müller als wirtschaftspolitischer Sprecher. Nach dem Bruch der großen Koalition, 2001, übernahm Müller die Fraktionsführung, während Wowereit ins Rote Rathaus einzog.

Ein gutes Gespann. Der streitlustige Charismatiker und das stille Licht. Als Fraktionsvorsitzender und später auch SPD-Landeschef hielt Müller dem Regierenden den Rücken frei, managte die Koalitionsmehrheit im Parlament und hielt die eigene, links gestrickte Partei in Schach, soweit er das vermochte. Müller schwärmte von dem „irren Vertrauensverhältnis“. Das hat erheblich gelitten, als Wowereit die Abwahl Müllers als SPD-Chef in Kauf nahm, aber es ist nicht zerstört. Jetzt will Müller Wowereit ersetzen, die Chancen stehen nicht schlecht.

Er versucht schon mal, dem Wechsel der Charaktere, sollte er Regierungschef werden, mit einem Schuss Selbstironie beizukommen. „Ich gebe zu“, sagt Müller, „mein Glamourfaktor hat noch Luft nach oben.“ Kürzlich sei er mit Wowereit unterwegs gewesen, der habe mal wieder alle Models geküsst und dann auf Müller gedeutet. „Das ist vielleicht der Nächste, den ihr küssen müsst!“ Die schönen Frauen hätten dies „einigermaßen verzweifelt“ zur Kenntnis genommen, sagt Müller, aber daran könne man noch arbeiten.

Ein eigensinniger Vertrauter

Derzeit arbeitet der Kandidat an allem, nicht nur daran, wie man Models küsst. Dabei hilft ihm der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, ehemals rechte Hand des Parteichefs Franz Müntefering und Wahlkampfleiter der Bundespartei. Auch so ein bodenständiger Arbeiter, unauffällig, aber effektiv. 2010 gründete Wasserhövel in Berlin „Elephantlogic“, eine Agentur für Strategieberatung. Nach eigenem Bekunden spezialisiert auf „komplizierte Situationen“. Erst einmal wurde der biedere Internetauftritt Müllers aufgepeppt.

Aber die wirksamste Plattform Müllers ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ein wuchtiges Hochhaus in Wilmersdorf beherbergt in der oberen Etage sein Büro. Mit schönem Blick über die Stadt regiert Müller sein Reich: Planen und Bauen, Mieten und Wohnen, Verkehr und Umwelt. Über 2000 Mitarbeiter sind in der Behörde beschäftigt. Im November 2011, als SPD und CDU die Posten für eine rot-schwarze Koalition verteilten, hätte er lieber auf das überschaubare Wirtschaftsressort zugegriffen. Aber das beanspruchte der CDU-Landeschef Frank Henkel damals für seine Partei. Also nahm Müller, mit klopfendem Herzen, das Mammutressort.

Einen, der schon vorher an Müllers Seite stand, nahm er gleich mit: Christian Gaebler. Verkehrs-Staatssekretär und SPD-Kreischef in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ehemaliger Kneipenwirt und innerparteilicher Strippenzieher. Gaebler ist einen Tag älter als Müller. Kratzbürstig und eigensinnig. Schon als Geschäftsführer der SPD-Abgeordnetenhausfraktion hielt er Müller lästige Genossen vom Hals. Er versuchte auch vergeblich, dessen Abwahl als Parteichef zu verhindern. Beide sind freundschaftlich verbunden, wenn auch nicht frei von Konkurrenz, denn auch Gaebler wäre gern mehr.

Trotzdem wirkt er dezent im Hintergrund, um Müller jetzt zur Mehrheit zu verhelfen. Auch Wowereit und Senatskanzleichef Björn Böhning assistieren diskret. In diesen Wochen darf Müller auffällig oft Pressekonferenzen im Roten Rathaus veranstalten, um Kabinettsbeschlüsse zur Verkehrs- und Baupolitik zu präsentieren. Vor ein paar Tagen kletterte er in Begleitung von Journalisten in der Baustelle der U-Bahnlinie 5 herum, direkt vor dem Regierungsgebäude. Noch ist der Bahnhof am Rathaus eine gigantische Höhle aus Beton, Müller begutachtete mit Helm und gelber Weste den Baufortschritt – was sonst.

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