Missbrauch bei den Berliner Grünen : Pädophilie in Kreuzberg: Es wollte keiner hören

Sie hat Kreuzberg geliebt, die Aufbruchstimmung, den Freiraum. Bis Erzieherin Frauke Homann merkte, dass Pädophile in den 80er und 90ern das bunte Treiben in SO 36 auf perverse Weise ausnutzten. Nur hören wollte das in der linken Szene keiner.

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Im Trubel Kreuzbergs konnten sich Pädosexuelle in den 80ern und 90ern noch sicher fühlen.
Im Trubel Kreuzbergs konnten sich Pädosexuelle in den 80ern und 90ern noch sicher fühlen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ausgerechnet sie. Eine Kinderschänderin? So stand es auf den Steckbriefen, die im Sommer 1992 überall an den Bäumen hingen, als Frauke Homann an diesem Morgen zur Arbeit ging. Und das war noch nicht alles. „Homann, wir kriegen dich“, hatte jemand vor ihrem Sozialarbeiter-Büro auf den Gehweg gesprüht. „Da habe ich doch einen Schreck bekommen“, sagt Frauke Homann. Anfeindungen war sie seit Jahren gewohnt, aber nun musste sie auch an die eigene Familie denken. „Erst habe ich Anzeige erstattet – und dann habe ich mich erst mal im Ferienhaus versteckt.“

Die Erinnerung kommt zurück, als Frauke Homann, heute 73 Jahre alt, am Neuen Kreuzberger Zentrum vorbeiläuft, jenem Betonklotz, der am Kottbusser Tor die Adalbertstraße überspannt. Auf dem Platz ist es heute noch so belebt, verwinkelt und unübersichtlich, dass Dealer die Gegend gerne als Deckung nutzen. In diesem Kiez hat Frauke Homann lange gearbeitet – und wurde zur Zielscheibe von Pädophilen, die im bunten, alternativen Kreuzberg ebenso Deckung für ihren Missbrauch fanden wie heute die Dealer am Kotti. Für Homann scheint diese Zeit wieder ganz nah, seit vor wenigen Tagen die Berliner Grünen den Bericht über pädophile Umtriebe in der Partei vorgelegt haben. „Jetzt läuft das alles noch mal wie ein Film ab“, sagt sie. Der Bericht ist für die immer ein wenig spöttisch dreinschauende Frau auch eine Genugtuung. Denn lange hat kaum jemand ihre Warnungen über die Umtriebe der Pädosexuellen in Kreuzberg hören wollen.

Das Leid der Kinder lässt sich an konkreten Orten festmachen

Wer mit Frauke Homann durch SO 36 läuft, der sieht den Kiez danach mit anderen Augen. Denn das Leid der Kinder lässt sich an ganz konkreten Orten festmachen: an der Ecke beispielsweise, wo ein pädophiler Türke eine Eisdiele betrieb und Jungen mit kostenlosen Eiskugeln lockte. In einem Fotostudio nebenan entstanden hunderte Pornobilder mit Kindern. Auf dem kleinen Fußballplatz arbeiteten damals die freundlichen Betreuer, von denen die Eltern nicht ahnten, dass sie sich auf Ausflügen und in Sommerlagern über ihre Kinder hermachten. Und im Prinzenbad, wo im Sommer die Jungen von älteren Männern zum Tischtennisspielen eingeladen wurden, gab es erst zufällige Berührungen, später folgte die Einladung zum Computerspielen in der Wohnung der Erwachsenen.

Daniel Wesener und Bettina Jarasch, Landesvorsitzende der Berliner Grünen, stellen den Bericht zum Umgang der eigenen Partei mit dem Thema Pädophilie vor.
Daniel Wesener und Bettina Jarasch, Landesvorsitzende der Berliner Grünen, stellen den Bericht zum Umgang der eigenen Partei mit...Foto: dpa

Es gibt auch gute Erinnerungen. Mit wie viel Begeisterung Frauke Homann Anfang der 80er Jahre nach Berlin kam, aus dem Dorf in Schleswig-Holstein, das kann man immer noch hören. Ihr Kreuzberg. Eingetaucht ist sie in diese Szene, genoss die damalige Aufbruchstimmung und den Freiraum. Bis die Erzieherin bei ihrer Arbeit feststellen musste, dass Pädosexuelle diesen Freiraum auf perverse Weise ausnutzten. Da hat die Frau ihren Kampf aufgenommen – für die Kinder, denen Gewalt angetan wurde. Sie ließ sich nicht einschüchtern, wehrte sich. Aber die schrecklichen Erlebnisse und die Drohungen „sind am Ende an meine Substanz gegangen“, sagt Homann. Vier Hörstürze hat sie in ihrer Zeit als Sozialarbeiterin erlitten.

Kinderläden, Spielzeugläden oder Musikschulen – Kreuzbergs Straßen verlieren neben Frauke Homann ihre Unschuld. So wie die Alternative Liste damals ihre Unschuld verlor. Als 1978 die AL, der Berliner Ableger der heutigen Grünen, gegründet wurde, da galt als die größte Sorge, dass die junge Partei von kommunistischen Gruppen unterwandert werden könnte, erinnert sich der „König von Kreuzberg“, Christian Ströbele. Stattdessen schlüpften unbemerkt ganz andere unter den Deckmantel der Partei. Rund 20 Sexualstraftäter, so heißt es im Grünen-Bericht, wurden AL-Mitglieder. Darunter der vorbestrafte Dieter Ullmann. Er sorgte dafür, dass im Wahlprogramm 1981 die Straffreiheit für Sex mit Kindern gefordert wurde. Als er Kandidat für das Abgeordnetenhaus wurde, saß er in Haft, was keinen störte – im Gegenteil: Ullmann galt in der Partei als Opfer der repressiven Gesellschaft.

Die Mär vom "einvernehmlichen Sex"

„Für mich war neu, wie zielgerichtet und gut organisiert die vorgegangen sind“, sagt der frühere grüne Justizsenator Wolfgang Wieland, der seit Jahrzehnten in SO 36 wohnt. „Der Schwulenbereich war von Anfang an ihre Plattform.“ Damals hätten er und seine Parteifreunde zwar die Abschaffung aller Gefängnisse diskutiert, sich aber nicht gefragt, ob von Sexualstraftätern noch eine Gefahr ausgehe, wenn sie entlassen werden. Oder darüber nachgedacht, welche Schäden ihre Taten bei den Kindern anrichten. Dies solle keine Rechtfertigung sein, sagt Wieland, nur eine Erklärung. „Als im Wahlprogramm Straffreiheit für Sex mit Kindern gefordert wurde, hat das die Öffentlichkeit nicht interessiert“, sagt Wieland über den Zeitgeist.

Nicht nur die Alternative Liste versagte damals, auch sonst brandmarkte in Deutschland kaum jemand die von Pädosexuellen vertretene Mär vom „einvernehmlichen Sex“ über die brutale Gewalt und Vergewaltigung von Kindern. Die AL war Anfang der 80er Jahre Teil einer Bewegung, die sich in Kreuzberg entwickelte, eine wilde Mischung aus Hausbesetzern, Gründern von selbstverwalteten Betrieben, von Frauenpower, schwulem Aufbruch, gewalttätigen Autonomen, Anti-AKW-Aktivisten und Ökologie-Bewegten. „Wir wollten keine verklemmten Kleinbürger sein“, bekommt man heute von damaligen Akteuren der linken Szene zu hören, die lieber schwiegen, anstatt den provozierend offen auftretenden Pädophilen zu widersprechen.

Alles ausprobieren, ohne Grenzen, vorurteilslos – das war ihre Anti-Spießer-Parole. Man träumte von einer Welt ohne Verbote, ohne Tabus und lebte die sexuelle Revolution. In diesem Weltbild war nur die Gesellschaft pervers, nicht der Straftäter. Man verstand sich als Minderheit, die zusammenhalten musste. Kinderschänder präsentierten sich im Kreuzberger Kiez als Kinderfreunde, die Jungen ihre sexuellen Wünsche erfüllten.

Die Auswüchse dieser falsch verstandenen Liberalität haben Frauke Homann, die für das Bezirksamt arbeitete und lange für die Kiezschule in der Skalitzer Straße, bis in die Nächte verfolgt. Entsetzt sei sie gewesen, als sie feststellen musste, dass nahezu alle Jungen in einer Grundschulklasse von einer Gruppe Pädophiler missbraucht wurde. Ein Zehnjähriger, der mit einer Schnittwunde an der Stirn zur Schule kam, erzählte später im Prozess: „Ich wollte seinen Pimmel nicht mehr lecken, da hat er ein Messer nach mir geworfen.“

Frauke Hoffmann kämpfte als Sozialarbeiterin gegen den Missbrauch. Dafür wurde sie angefeindet.
Frauke Hoffmann kämpfte als Sozialarbeiterin gegen den Missbrauch. Dafür wurde sie angefeindet.Foto: Thilo Rückeis

In den Schulen oder sozialen Einrichtungen für Kinder aus schwierigen Familien, so erfuhr Frauke Homann immer wieder, schlüpften die Täter in die Rolle der Helfer, galten sogar als Vertraute der Lehrer, die es gut fanden, wenn ihre Schüler Nachhilfe bekamen. Und auch viele Eltern oder alleinerziehende Mütter waren froh, wenn ein hilfsbereiter Mann auf die Jungen aufpasste, mit ihnen Schularbeiten erledigte oder Ausflüge unternahm. Dass die Kinder im „Nachbarschaftskeller für Schlüsselkinder“ in der Falckensteinstraße nicht nur spielen konnten, sondern auch missbraucht wurden, flog erst viel später auf. Als Unbekannte eines Nachts „Kinderpuff“ an die Tür sprühten, machte der Laden dicht. Den Pädophilen war’s egal, es gab genügend andere Treffpunkte. So konnte es sogar geschehen, dass einer wie Fred Karst, der aus der Pfadfinderbewegung kam und teilweise rechtsradikale Positionen vertrat, im Kreuzberger Biotop ungehindert seine Triebe ausleben konnte. Der inzwischen verstorbene Karst war Mitglied der Alternativen Liste, saß zeitweise im zentralen Landesausschuss. Seine Wohnung war Treffpunkt der von ihm gegründeten Arbeitsgemeinschaft „Jung & alt“, in der Kinder ein- und ausgingen. In der Zeitung der Partei durfte er noch 1994 behaupten, dass Kinder durch „einvernehmlichen Sex keinen psychischen Schaden“ erlitten. Er flog erst 1995 aus der Partei, nachdem er erneut verurteilt worden war.

Vor 30 Jahren konnten sich Pädosexuelle in Kreuzberg sicher fühlen

Im Rückblick erstaunt die Arglosigkeit, die man auch Gleichgültigkeit nennen könnte, selbst diejenigen, die damals dabei waren. „Jeder hatte seine Ideen und machte sein Ding“, sagt Karl Köckenberger. „Unsere Liberalität war eigentlich Desinteresse.“ Der 59-Jährige steht vor dem „Cabuwazi“-Zirkuszelt, wo Kinder herumtollen oder Kunststücke am Seil trainieren. Köckenberger, gelernter Stahlbauer, hat 1981 die „Regenbogenfabrik“ mit besetzt und dafür gesorgt, dass das Projekt bis heute besteht. Auf dem früheren Fabrikgelände an der Lausitzer Straße sind seine Kinder aufgewachsen. Auch in der Regenbogenfabrik, die ein offenes Haus war mit Kiezküche, Werkstätten und einem Kinderladen, mussten die Erzieher wachsam sein, weil sich dort Pädophile herumtrieben. Köckenberger hat 1993 den Zirkus gegründet, der heute fünf Standorte in Berlin betreibt, um Kindern aus sozial schwachen Familien von der Straße zu holen. Bei „Cabuwazi“ wird genau beobachtet, dass es nicht zu Übergriffen kommt. „Wir gehen sehr bewusst damit um, anders als früher“, sagt er.

Karl Köckenberger vom Zirkus Cabuwazi sagt: "Unsere Liberalität war eigentlich Desinteresse"
Karl Köckenberger vom Zirkus Cabuwazi sagt: "Unsere Liberalität war eigentlich Desinteresse"Foto: Nowakowski

Vor 30 Jahren konnten sich Pädophile im Schutzraum des Kreuzberger Mikrokosmos aber noch sicher fühlen. Egal wie unterschiedlich die politischen Positionen waren, gehalten wurde die Szene von einer merkwürdigen Form von Solidarität: die da draußen, wir hier drinnen. Mochte bei den Hausbesetzern die Front zwischen „Verhandlern“ und „Nicht-Verhandlern“ so unversöhnlich verlaufen wie zwischen den soften „Müslis“ und gewaltbereiten „Mollis“ – in einem waren sich alle einig: Die Polizei bleibt draußen.

„Wir haben uns ziemlich bedrängt gefühlt und alleingelassen“, sagt Dagmar Riedel-Breidenstein. Sie gehörte 1987 zu den Gründerinnen von „Strohhalm“, einer Einrichtung gegen sexuellen Missbrauch für Mädchen und Jungen. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied der Grünen, gehörte auch der Aufarbeitungskommission an und hat wie die Sozialarbeiterin Frauke Homann „Einschüchterungen“ und „Drohungen“ erfahren, auch aus der eigenen Partei. Niemand wollte ihre Anklagen gegen die Pädophilen in der Parteizeitung „Kreuzberger Stachel“ zur Kenntnis nehmen. Stattdessen wurde der Redakteur von der Partei gemaßregelt. Die Pädo-Szene war bestens organisiert. Auch die Redaktion der jungen Tageszeitung „taz“ wurde von der pädosexuellen „Indianerkommune“ eingenommen, die ihre Forderungen ins Blatt drücken wollte.

Wie rabiat die Pädophilen vorgingen, erlebte Frauke Homann immer wieder. Einmal wurde sie zum selbstverwalteten „Heilehaus“ in der Waldemarstraße „befohlen“, wo sie eine Gruppe von Pädosexuellen – zusammen mit einem Anwalt – bedrohte. „Wenn ihr nicht aufhört, Stunk zu machen, dann prügeln wir euch aus dem Bezirk“, bekam sie zu hören. Reaktion in Kiez? Keine. Der Ton sei eben ruppig in SO 36, hieß es.

Täter schüchterten die Kinder im Gerichtssaal ein

Absurde Verhältnisse. Pädophile durften offen auftreten, während einem Wirt, der Gerichte mit Preisen über zehn D-Mark anbot, ein Eimer mit Fäkalien ins Restaurant geschüttet wurde. Die Bewohner einer Wagenburg lehnten es ab, einen Pädophilen bei der Polizei anzeigen, obwohl sie sein Treiben widerlich fanden. Stattdessen gab es einen Platzverweis. Sein Bauwagen wurde nach Zehlendorf gefahren – Höchststrafe der gesellschaftlichen Ächtung im linken Kreuzberg. Auch einige Berliner Kinderschutzeinrichtungen stellten damals keine Anzeigen gegen die Täter, weil sie auf „Hilfe statt Strafe“ setzten: für die Opfer ein verheerendes Zeichen.

Frauke Homann hat Gerichtsverhandlungen verfolgt, bei denen Männer in T-Shirts mit der Aufschrift „AG Pädophilie“ im Gerichtssaal ihre Unterstützung für die Täter demonstrierten. In den Pausen schüchterten sie auf dem Gang die Jungen ein, die als Zeugen aussagen sollten, ohne dass das Gericht dagegen eingeschritten wäre. „Ich habe gekocht vor Wut“, sagt Homann. Sie hat häufig erlebt, wie befreit die Jungen waren, wenn ihr Peiniger verurteilt wurde – und auch deren Angst vor jenem Tag, an dem der Täter wieder freikommt.

In SO36 wie bei den Grünen änderte sich das Verhältnis zu den Pädophilen nur langsam. „So banal es klingt“, sagt Dagmar Riedel-Beidenstein, „es wurde anders, als die Szene selber Kinder bekam.“ Die Besetzer des Fabrikgeländes „Kerngehäuse“ in der Cuvrystraße etwa sprühten nach Übergriffen auf Jungen auf etliche Häuserwände im Kiez „Hände weg von den Kindern“. Als auf dem Kinderbauernhof, direkt an der Mauer, ein mitarbeitender Pädosexueller regelmäßig nackt herumlief und sich an Jungen heranmachte, kontrollierten Frauen nachts seinen Wohnwagen. Später verprügelte ihn die autonome „Kiezmiliz“. Der Mann zog in die Reichenberger Straße um, bot sich als Babysitter an und richtete ein „Kindersorgentelefon“ ein – bis er 1994 verurteilt wurde.

An der Ignoranz der Partei hat die resolute Sozialarbeiterin Riedel-Breidenstein, bis vor Kurzem im Projekt „Heroes“ gegen Gewalt im Namen der Ehre engagiert, schwer gelitten. „Es ist doch ein Unterschied, ob die Leute im Biotop Kreuzberg weggeschaut haben oder eine Partei, die eine ganz andere Verantwortung hat“, sagt das Mitglied der Aufarbeitungskommission. Die Jüngeren in der Kommission, erzählt Riedel-Breidenstein, hätten anfangs gedacht, dass die Pädophilen-Vorwürfe gegen die Grünen aufgebauscht und übertrieben seien. Am Ende waren sie entsetzt, dass alles noch viel schlimmer war.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegel

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