Zweiter Weltkrieg : Die Rückkehr: Vor 60 Jahren kamen die letzten Kriegsgefangenen heim

Zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 kamen tausende deutscher Häftlinge aus sowjetischen Lagern frei – dank einer Moskaureise Konrad Adenauers. Die Rückkehrer erkannten ihr Land kaum wieder. Zwei Zeitzeugen erinnern sich.

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Adenauer, Mutter eines Kriegsgefangenen
Adenauer, Mutter eines KriegsgefangenenFoto: Bundesarchiv B 145 Bild-107546, Köln-Bonn

Die Frau steht gebückt, ihr Gesicht ist, von hinten, nur im Halbprofil zu erkennen. Auf dem grauen Haar trägt sie ein schwarzes Kapotthütchen. Schwarz ist auch ihr Mantel. Sie könnte um die 60 Jahre alt gewesen sein, als dieses Foto entstand. Wer die Situation erfasst, wird vermuten, dass die Frau geweint hat in diesem Moment, in dem sie dem vor ihr stehenden, groß gewachsenen Mann die Hand küsst. Der lächelt verlegen. Es ist Konrad Adenauer, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Die Frau, der er aus ihrer Geste der tief empfundenen Dankbarkeit offenbar aufhelfen, sie aufheben möchte, ist die Mutter eines deutschen Kriegsgefangenen. Einem von 10 000 gefangenen Soldaten und 20 000 viele Jahre inhaftierten deutschen Zivilisten, deren Freilassung aus sowjetischer Lagerhaft der Bundeskanzler wenige Stunden zuvor erreicht hat.

Es ist der 14. September 1955. Gerade ist Adenauer auf dem Köln/Bonner Flughafen aus der Lufthansa-Maschine ausgestiegen, die ihn von Moskau zurück in die Bundesrepublik gebracht hatte. Was Adenauer nicht ahnen kann: Keine seiner politischen Leistungen in der langen Regierungszeit von 1949 bis 1963 wird eine solche Welle der Freude, des Dankes und des Gefühls der Befreiung von einer furchtbaren Last auslösen wie der Erfolg dieser Moskauer Mission, zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Heimkehr nach Jahren der Entbehrung

Die Männer, die zwischen dem 7. Oktober 1955 und dem 16. Januar 1956 in der Bundesrepublik eintrafen, fast alle über den Grenzbahnhof Herleshausen, hatten Jahre furchtbarer Entbehrungen hinter sich. Endlose Märsche, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Hunger und Krankheit überlebten viele von ihnen nicht. Und die, die kamen, waren ausgemergelte Gestalten, traumatisiert, noch Jahrzehnte später berichten ihre Frauen, wie die Heimgekehrten nachts schreiend aus dem Schlaf hochschreckten, russische Worte stammelten. Und sie kamen in ein Land, in eine Heimat zurück, die sie oft nicht wiedererkannten. Die Städte waren zerstört, Hunderttausende lebten in Notquartieren. Zwölf Millionen Flüchtlinge aus den besetzten Ostgebieten mussten untergebracht werden, oft zwangsweise einquartiert. Den Begriff der Willkommenskultur kannten weder die, die eine neue Bleibe finden mussten, noch die, an denen es gewesen wäre, zusammenzurücken. Auch wenn die Erinnerung viel verklärt: Die Bundesrepublik der frühen 50er Jahre war ein hartes Land.

Dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, wussten die Spätheimkehrer. Von den Verbrechen an den Juden konnten die meisten erfahren haben, durch das, was sie vermutlich als sowjetische Propaganda einstuften und deshalb nicht glaubten. Und dass die führerhörigen und dem nationalsozialistischen Rassenwahn erlegenen Helfer der Nazis die russischen Kriegsgefangenen mit kaum vorstellbarer Brutalität in der Rüstungsindustrie und beim Bau von Befestigungsanlagen ausgebeutet hatten, das konnten sich die Freigelassenen wohl auch kaum vorstellen.

Zu denen, die früh wussten, ahnten, dass es mit dem Naziregime kein gutes Ende nehmen würde, weil schon der Anfang böse war, gehörte Rudolf Schümer, Jahrgang 1924. Er kam 1944 in sowjetische Gefangenschaft, fand im Lager Kontakt zum kommunistischen Nationalkomitee Freies Deutschland und wurde von den Russen bereits kurz nach der Kapitulation freigelassen, in der Hoffnung, in ihm einen Aufbauhelfer für ein sozialistisches Nachkriegsdeutschland zu haben. Die Erwartung trog nicht, Schümer wurde später Mitglied der SED-West und leitete ein Jugendfreizeitheim. Ihm sei es, sagt er jetzt, immer um Vergebung gegangen, die er als Deutscher habe erbitten wollen. Denn der erste Kriegstote, den der junge Soldat Schümer sah, das war ein ukrainisches Kind, gestorben nach einem Bombenangriff. Nach Stalingrad wussten wir, dass der Krieg verloren war, sagt er heute.

Zwölf Worte nach Hause

Auch sehr früh aus der sowjetischen Lagerhaft kam Lothar Scholz frei, aber nur, weil er als vermutlich jüngster Soldat der Wehrmacht mit 16 Jahren nach der Schlacht bei Halbe in Gefangenschaft geriet und auch den Russen klar war, dass sie mit ihm kaum einen Nazi gefangen hatten. Leider erinnerten sie sich wenige Jahre später in seiner Heimat in Fürstenberg an ihn, versuchten, Scholz zu Spitzeldiensten zu erpressen. Er floh nach Hamburg, kehrte ein Jahr später, wie er hoffte unentdeckt, noch einmal zu seiner damaligen Freundin nach Fürstenberg zurück. An ihrem Geburtstag wollte er mit ihr tanzen gehen. Noch heute steht ihm vor Augen, wie dann plötzlich zwei russische Soldaten in der Tür waren, mit Schäferhunden, die sich, malt er die Situation mit einem grimmigen Lächeln aus, gar nicht deutsch verhielten, sondern ihn anknurrten, als die Militärs mit ihm zwischen sich den Saal verließen. Er war verraten worden und nun erneut gefangen. Ein sowjetisches Gericht verurteilte ihn 1947 zu 15 Jahren Lagerhaft, weil er die Zusammenarbeit verweigert, seine angeblichen Verpflichtungen nicht erfüllt habe. Durch Adenauers Intervention in Moskau kam er 1955 frei, am 11. Oktober, wie ein verblichenes Foto dokumentiert.

Lothar Scholz gehört zu den Spätheimkehrern, die ihre Erinnerungen bis heute nicht losgelassen haben. Er hat Bücher darüber geschrieben, „Der verratene Idealismus – Kindheit und Jugend im Dritten Reich“ hieß das erste.

So unterschiedlich das Schicksal der Männer auch war, es stand für den Alltag der Lagerjahre vieler tausend Menschen: dauernder Hunger, Kohlsuppe, Krankheiten, Frost, Schlafen auf blankem Bretterboden oder allenfalls einer Lage Stroh, Arbeit unter unvorstellbaren Bedingungen beim Bau von Eisenbahnen in Sibirien, der Trockenlegung von Sümpfen, dem Fällen von Bäumen. Was sie aufrecht hielt, war die Hoffnung auf ein Wunder – das sich erstmals abzeichnete, als sie auf einer Karte des Roten Kreuzes in zugestandenen zwölf Worten den Lieben daheim mitteilen durften, dass es sie noch gab. Zwölf Worte, die oft so lauteten: Liebe Mutter, ich lebe, es geht mir gut, auf bald Dein Sohn.

Letzte Hoffnung. Im Grenzdurchgangslager Friedland suchten Frauen mit Schildern nach ihren vermissten Männern und Söhnen.
Letzte Hoffnung. Im Grenzdurchgangslager Friedland suchten Frauen mit Schildern nach ihren vermissten Männern und Söhnen.Foto: picture-alliance/ dpa

Vorhersehbar war der Erfolg der Reise Adenauers auch im Rückblick nicht gewesen. Alles hätte scheitern können. Tatsächlich lag hinter dem deutschen Bundeskanzler, der da auf dem Vorfeld des Flughafens gerührt den Dank einer Mutter entgegennimmt, eine überaus heikle politische Aufgabe. Sein Plan: Er wollte mit dem Besuch in Moskau zwischen dem 8. und dem 14. September 1955 ein großes außenpolitisches, ein nicht weniger schwerwiegendes deutschlandpolitisches und vor allem aber ein humanitäres Problem lösen. Außenpolitisch ging es um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion. Mit den sogenannten Pariser Verträgen, die am 5. Mai 1955 in Kraft getreten waren, hatten England, Frankreich und die Vereinigten Staaten offiziell das Besatzungsstatut für die Bundesrepublik beendet und die Aufnahme des ehemaligen Kriegsgegners in die Nato vereinbart. Damit war auch für die Sowjetunion klar, dass Westdeutschland fest im Westen verankert, die politische Idee eines neutralisierten Gesamtdeutschlands damit erledigt war. Adenauer strebte diplomatische Beziehungen mit der vierten Siegermacht an, weil ihm bewusst war, dass der Schlüssel für eine Wiedervereinigung eines fernen Tages in Moskau lag. Deshalb sagte er nach kurzer Bedenkzeit zu, als die sowjetische Botschaft in Paris am 7. Juni 1955 an die deutsche Vertretung in der französischen Hauptstadt eine Einladung des Kanzlers zu Gesprächen in Moskau übermittelte.

Die Mission war voller Fallstricke. Was außenpolitisch geboten schien, konnte deutschlandpolitisch hochriskant werden, wenn Moskau die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik mit einer für Adenauer nicht verhandelbaren Forderung nach Anerkennung der DDR durch Bonn verknüpfen sollte. Dass diese Bonner Position unverrückbar war, wurde am Ende der Reise dann tatsächlich in einem Schreiben an die sowjetische Führung deutlich gemacht. Den gleichen Weg in gleicher Sache ging übrigens 15 Jahre später die sozialdemokratische Regierung Brandt, als sie 1970 beim Abschluss des Moskauer Vertrages zu Protokoll gab, dass sie am Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung festhalte.

Adenauer musste sich auf ein mündliches Ehrenwort verlassen

1955 war selbst die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Moskau in der Bundesrepublik sehr umstritten. Eindeutig nur, dass ein deutsches Einverständnis dazu von der Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen abhing, wobei Adenauer versuchte, den Eindruck zu vermeiden, dass es da einen verhandlungstaktischen Zusammenhang gab. Als das vereinbarte Ende des Besuchs näher rückte, ohne dass ein klares russisches Ja zur Freilassung der Gefangenen erkennbar wurde, ließ Adenauer durch offen geführte Telefonate seine russischen Zuhörer glauben, er habe, wie angedroht, vorzeitig die Lufthansa-Maschine für den Rückflug angefordert. Die sowjetische Seite wollte keinen Eklat, weder Parteichef Nikita Chruschtschow noch Ministerpräsident Nikolai Bulgarin. Schriftliche Zusagen wollte aber auch keiner von ihnen geben, wären die doch das Eingeständnis gewesen, dass entgegen allen früheren Bekundungen tatsächlich noch tausende von Deutschen in sowjetischen Lagern festgehalten wurden. Adenauer verließ sich dann auf das mündliche Ehrenwort des russischen Ministerpräsidenten Bulganin, die Sowjetunion würde die Freilassung der Gefangenen noch vor seiner Abreise in die Wege leiten. Als Adenauer später gefragt wurde, was ihn so sicher habe sein lassen, dass Bulganin sein Wort halten würde, verwies er auf seine Lebenserfahrung und seine Menschenkenntnis. Bulganin enttäuschte Adenauer nicht.

Es dauerte allerdings bis zum 7. Oktober, bis die ersten Heimkehrer im Lager Friedland eintrafen. Die meisten erreichten nach einer Fahrt von manchmal mehr als tausend Kilometern mit dem Zug zunächst den Grenzbahnhof Herleshausen in Hessen. In den Reichsbahndirektionen von Berlin, Cottbus, Dresden und Greifswald hatten sowjetische Offiziere bereits Ende September die Anweisung an die DDR-Stellen hinterlassen, Züge mit Personenwagen vorzuhalten. Wofür, sprach sich schnell herum: die Heimholung der russischen Kriegsgefangenen. Von Frankfurt an der Oder gab es damals noch eine Normalspurstrecke über Brest-Litowsk bis nach Gomel, zwischen Kiew und Minsk gelegen. In Herleshausen läuteten am 12. Oktober in der Nacht die Kirchenglocken, als die Bahner die Information bekamen, ein weiterer Zug mit freigelassenen Soldaten würde eintreffen. Einer der Heimkehrer, Gerhard Stelzer, erinnert sich später an die Ankunft: „Was mich besonders tief bewegt, sind die vielen Frauen, Mütter, Väter und Kinder, die auf ihren Tafeln einen ihrer vermissten Angehörigen suchen und sich von uns jetzt vielleicht doch eine Auskunft erhoffen. Die Bilder stehen da wie fragende Säulen ungelöster Schicksale, von denen die meisten wahrscheinlich nie eine Klärung erfahren werden. Mir tut es weh ...“

Manchen brachte der letzte Zug traurige Gewissheit

In den Wochen nach dem 7. Oktober folgten zwölf weitere Züge, die von Erfurt aus mit jeweils mehr als 600 Männern eintrafen. Da ihre Ankunft nie vorhersehbar war, ließen die Bahnmitarbeiter im Bahnhof Herleshausen zu jeder Tageszeit die Sirenen ertönen, wenn sich von der DDR-Seite wieder ein Sonderzug näherte. Der letzte von ihnen kam am 16. Januar 1956 an, heute vor 60 Jahren – und mit ihm auch für die immer noch bis zu diesem Tag auf ein Wunder hoffenden Angehörigen die traurige Gewissheit, dass die von ihnen Vermissten nicht mehr am Leben sein würden.

Die meisten deutschen Kriegsgefangenen waren allerdings schon bis Ende 1948 frei gekommen. Lediglich die Sowjetunion wollte die da noch festgehaltenen 10 000 Soldaten und 20 000 aus politischen Gründen inhaftierten Zivilisten nicht gehen lassen – sie sollten bei der Beseitigung der durch die deutsche Besatzung entstandenen Kriegsschäden helfen. Insgesamt waren zwischen 1941 und 1945 etwa 3,6 Millionen deutsche und österreichische Wehrmachtsangehörige in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Zwei Millionen kehrten in die Heimat zurück, 1,3 Millionen starben in der Gefangenschaft. Im gleichen Zeitraum wurden durch deutsche Truppen fünf Millionen russische Soldaten gefangen genommen. Von ihnen starben in deutschen Lagern und bei dem, was die Nazis zynisch als Vernichtung durch Arbeit bezeichneten, 3,3 Millionen.

Zu den letzten in Herleshausen Eingetroffenen gehörte auch der Kaufmann Paul Bauske aus Pommern, Jahrgang 1917. Am Krieg hatte er vom 1. September 1939 an, als Offizier teilgenommen. Wie die meisten Kriegsgefangenen kannte er die Wahrheit über den Kriegsbeginn nicht. Als er zehn Jahre nach seiner Freilassung, 1966, in seiner neuen süddeutschen Heimat erstmals hörte, dass der polnische Überfall auf den Sender Gleiwitz ein Betrug, eine Propagandainszenierung der Nazis gewesen war, brach für ihn eine Welt zusammen. Mit Tränen in den Augen bekannte er dem jungen Mann, der ihm, ohne zu ahnen, welchen Schock er damit auslöste, die Wahrheit gesagt hatte: „Und ich habe bis heute geglaubt, ich sei in den Krieg gezogen, weil ich Deutschland nach einem polnischen Überfall verteidigen sollte.“

Bei Recherchen zu diesem Beitrag half die Berliner Zeitzeugenbörse, eine von Ehrenamtlichen getragene Organisation, die sich die Vermittlung von Zeitzeugen und die Dokumentation ihrer Erinnerungen zur Aufgabe gemacht hat. Näheres über diese auf Spenden angewiesene Arbeitsgruppe steht unter: www.zeitzeugenboerse.de

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