ALTERNATIV : Besten Unsere

In Berlin gibt es – selbst ohne Buchmesse – so viel Gutes: Zum Beispiel Cafés, die auch Bücher verkaufen. Drei Lieblingsläden in unserer Serie, Teil XIII.

Philipp Stute
25 000 Bücher zum Kaffee servieren die Macher des Café Tasso Annette Queck, Jens Kapp, und Sabine Diste. Der Laden wird von dem Verein SinnesWerk e.V. betrieben. Fotos: Mike Wolff (3), Kitty Kleist-Heinrich (2)
25 000 Bücher zum Kaffee servieren die Macher des Café Tasso Annette Queck, Jens Kapp, und Sabine Diste. Der Laden wird von dem...

Wer ins Tasso will, bleibt erst mal hängen. Tische voller roter Bücherkisten umrahmen den Außenbereich des Cafés an der Frankfurter Allee. Darin stapeln sich Krimis, Thriller, historische Romane – literarische Massenware. Aber viele Bände sehen aus wie neu und jeder kostet einen Euro... Da fällt es schwer, nicht sofort wild drauflos zu wühlen.

Doch es lohnt, sich erstmal von den Grabbelkisten zu lösen. Drinnen, im pastellfarbenen Gastraum, duftet es nach Kaffee und Hühner-Frikassee, das Tagesgericht gibt es für 6,90 Euro mit Saft und Salat – der Preis ist bewusst niedrig gehalten. Auch sonst geht es im Tasso moralisch einwandfrei zu: Alle Speisen sind bio, der Kaffee entstammt fair gehandelten Bohnen aus den peruanischen Anden. „Klar, wir haben hier alle einen kleinen Heiligenschein“, sagt Jens Kapp, 30, und lacht. Der Pädagoge arbeitet für den Verein SinneWerk e.V., der das Tasso betreibt. Das Café ist ein integratives Projekt: Rund die Hälfte der Mitarbeiter im Tasso hat ein Handicap und dadurch Schwierigkeiten, einen anderen Job zu finden.

Der Verein eröffnete das Café Tasso 2007 um dauerhafte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Das angeschlossene Antiquariat trägt durch den Verkauf gespendeter Bücher zur Finanzierung bei. „Am Anfang war hier alles noch ziemlich improvisiert, einfach ein Raum voller Bücher und dazu ein bisschen Gastronomie“, erinnert sich Jens Kapp. Gerahmte Fotos an der Wand dokumentieren die Anfangsphase, auf einem ist eine selbstgezimmerte Holztheke zu sehen. Inzwischen ist das Tasso deutlich gewachsen, allein in den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Mitarbeiter auf 30 verdoppelt. Auch der Handel mit den gespendeten Büchern hat deutlich zugelegt.

Das Antiquariat beginnt direkt neben dem Gastraum mit einem Sortiment gebrauchter Koch- und Freizeitbücher. Die wahre Schatzkammer des Café Tasso erreicht man aber über eine schmale Treppe nach unten. In einem verwinkelten Keller reihen sich, unterbrochen nur durch die Bier-Kühlanlage, in Holzregalen rund 25 000 gebrauchte Bücher. Sabine Diste, 30, ist hier die Chefin. „Als ich im Tasso angefangen habe, war mein erster Job, eine Systematik für diesen Keller zu entwickeln“, erzählt die Literaturwissenschaftlerin. Diste tüftelte ein paar Monate, dann herrschte Ordnung. Jetzt sind alle Bände akkurat nach Genre und Autoren geordnet - von kompletten Werkausgaben großer Denker bis zu englischsprachiger Fantasy-Literatur ist in den engen Kellerräumen alles vertreten. Und auch hier gilt die übersichtliche Preisliste des Tasso: Jedes Buch ein Euro.

Um die 800 Bücher verkaufen die Mitarbeiter jeden Tag und etwa genau so viele kommen täglich durch Spenden neu herein, verpackt in 28 Kisten. Größere Büchermengen holen die Mitarbeiter des SinneWerk e.V. direkt bei den Spendern zu Hause ab. Es kommen aber auch Menschen vorbei, die ihre Bücher loswerden wollen. Direkt an der Kellertreppe stehen die Kisten mit den frischen Lieferungen. Ein älterer Herr mit Schirmmütze blättert mit routiniertem Griff durch die Buchrücken. „Wir haben Stammkunden, die jeden Tag mehrmals kommen und die neuen Lieferungen durchstöbern“, sagt Sabine Diste. Mit ein bisschen Glück lässt sich an der Wühlkiste ein teurer Kunstband für einen Euro ergattern. Die ganz dicken antiquarischen Fische werden allerdings schon vorher aussortiert. „Wir hatten auch schon 200 Jahre alte Bibeldrucke, solche Schätze verkaufen wir über das Internet“, erzählt Diste.

Alle Bücher dürfen auch direkt im Tasso gelesen werden. Eine gute Gelegenheit, nebenbei die Küche zu testen, die ganz im Sinne des Hauses dem Kulturaustausch huldigt – vom Frühstück „Brandenburg“ (mit Schinken und Ei) über den hausgemachten Hummus für zwischendurch bis zum deftigen spanischen Omelette . Dazu gibt es preiswerte offene Weine und „Störtebecker“ vom Fass - natürlich allesamt aus biologisch-ökologischem Anbau. Wer danach noch Unterhaltung wünscht, kann im Tasso an vier Abenden pro Woche Lesungen, Konzerte, Aufführungen und Vernissagen besuchen. Philipp Stute

Frankfurter Allee 11, Friedrichshain, Tel. 486 247 08, www.cafe-tasso.de, Küche 9.30 - 17 Uhr, Informationen zur Buchspende unter www.buchspende.org.

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