Berliner Imbisse im Test : Balzac Coffee

Aus Not, nicht aus Lust, war man hier gelandet. Die Kost war dann besser als erwartet.

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Büromenschen versorgen sich bei Balzac mit Pausenkost. Wer Zeit hat, schlürft Fair-Trade-Cappuccino am Fensterplatz.
Büromenschen versorgen sich bei Balzac mit Pausenkost. Wer Zeit hat, schlürft Fair-Trade-Cappuccino am Fensterplatz.Foto: imago/F.Berger

Es war einmal eine Zeit, da wimmelte es in Berlin nur so vor Konditoreien. In jener Welt spielt Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ (1931), ein Roman, so gut wie sein Titel. Gleich zu Beginn ist von einer kleinen, sehr speziellen Konditorei die Rede, „die hauptsächlich von Journalisten besucht wurde, ein verräuchertes Lokal, schlecht gelüftet durch eine Klappe, die auf den Hof ging, in dem gerade unter der Klappe die Mülleimer standen“.

Heute gibt’s kaum noch Konditoreien in Berlin, und schon gar keine, in denen Journalisten rauchen dürfen, dafür aber eine Gabriele-Tergit-Promenade. Am Potsdamer Platz, zwischen Einkaufszentrum und Ketten-Hotels, überirdischer Wasserleitung und Touristenbussen. Arme Tergit, denkt man sich, während man seinen Fair-Trade-Cappuccino am Fensterplatz des Balzac schlürft. Andererseits: Wäre das nicht genau der Ort, an dem sich die erfrischend unsentimentale Reporterin und Romancière heute rumtreiben würde?

Die Filiale am Potsdamer Platz ist Testort für neue Produkte

Aus Not, nicht aus Lust, war man hier gelandet, eine kurze Pause zwischen zwei Terminen. Die Kost war dann besser als erwartet, statt üblicher Gummibrötchen, in Plastik eingeschweißt, gab’s Käse-Sauerteigstulle, in Butterbrotpapier gewickelt (2,95 Euro). Das rote Beerenmüsli war angenehm fruchtig und unsüß, ohne Zusatzstoffe (2,50 Euro), und der Zitronenrührkuchen so zitronig, wie es sich gehört (1,95). Dazwischen Ungewöhnlicheres wie der Cranberry Breadstick (1,75 Euro). Die Preise: sehr zivil, die Einrichtung – naja, so, wie man sich als Besucher cooles selbst-gebasteltes Berlin vorstellt.

Die beiden Schwestern, die vor fast 20 Jahren das erste Balzac eröffneten (der Autor war passionierter Kaffeetrinker), hatten einen guten Riecher. Aufstieg, dann Ausstieg, Fusion, einige Filialen wurden geschlossen, 43 gibt es noch, die am Potsdamer Platz brummt, ist Testort für neue Produkte. Rein, raus, Büromenschen versorgen sich mit Pausenkost, wer Zeit hat, hockt auf besagtem Fensterplatz, liest eine der ausliegenden Zeitungen, die gibt’s hier noch auf Papier. Wenn’s wärmer wird, kann man auch draußen sitzen, unter dem Tergit’schen Straßenschild, und in ihrem Roman nachlesen, wie sich die Redakteure anno 1931 die Haare raufen und überlegen, womit sie die Zeitung vom nächsten Tag füllen könnten: „Über die Toilettenverhältnisse an den Berliner Schulen sollte man mal schreiben.“

Adresse  Potsdamer Platz 10

Im Netz  balzaccoffee.com

Geöffnet  Mo-Fr 6-23 Uhr, Sa 7-23.30 Uhr, So 7.30-22 Uhr

Interessanter Nachbar  Pavillon der Einheit, vis-à-vis auf dem Potsdamer Platz

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