Köchin Sarah Wiener : Der Herd als Symbol der Selbstfindung

Hoffnung ist erst wieder, wenn ein Huhn 15 Euro kostet, sagt Sarah Wiener, Köchin und Zum-Kochen-Aufforderin. Für die Rückwärtsrevolutionärin ist der Herd keinesfalls Symbol einer mehrtausendjährigen Dauerdemütigung, sondern eines der Selbstfindung und des Stolzes.

von
Kochen kann sie – „von allem, was ich nicht kann noch am besten“, sagt Sarah Wiener. Reden kann sie aber auch, deshalb tritt sie am 21. Januar in Berlin bei einer Anti-Agrarindustrie-Demonstration namens „Wir haben es satt“ auf. Foto: Mike Wolff
Kochen kann sie – „von allem, was ich nicht kann noch am besten“, sagt Sarah Wiener. Reden kann sie aber auch, deshalb tritt sie...Foto: Mike Wolff

Die wichtigsten Dinge im Leben kann man sich nicht aussuchen. Zum Beispiel seine Eltern. Es gehörte gewiss viel pränataler Mut dazu, das Kind des Trompeters der Wiener „Wirklichen Jazzband“ sowie der Jazzband „Jesus Christbaum“ zu werden. Auch weil der Student der Rechtswissenschaft, der Musikwissenschaft, verschiedener afrikanischer Sprachen sowie der Mathematik Oswald Wiener es bald nicht mehr beim Trompete-Spielen belassen würde.

Im Juni 1968 hielt er an der Wiener Universität den künstlerisch-philosophischen Vortrag „Über den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen“, begleitet durch ein vollkommen authentisches Notdurft-Happening seiner beiden engsten Künstlerfreunde. Vielleicht um den bislang übersehenen Ausscheidungscharakter des Sprechens sowie mitunter auftretende Konsistenzähnlichkeiten zu betonen. 1968 dauerte in Österreich genau einen halben Frühsommertag. Alle Anal- und-Oral-Referenten verbrachten den Rest des Frühsommers hinter Gittern. Das Hauptwerk Oswald Wieners heißt „Die Verbesserung Mitteleuropas“.

Berlin. Leibniz-Saal. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Was für ein dynamischer, energetischer Unterkiefer! Und wie er vorschnellt. Unterkiefer können schön sein, Oswald Wieners Tochter ist der Beweis. Man glaubt schon nicht mehr daran, dass der Agrarexperte Doktor Prinz von Löwenstein sich auf seinem Sessel würde halten können, da schwenkt das Kind des österreichischen Grundsatzreferenten in drei halben eleganten Ellipsen zurück, um nun sehr friedfertig aber bestimmt zu erklären: „Wir haben zu viele Autos. Wir müssen zwei Drittel der Autos abschaffen.“ Starker Beifall. Das ist seltsam, denn dies hier ist keineswegs die Jahreshauptversammlung der Fußgänger der Erde, es ist vielmehr ein Podium zur Frage „Was essen wir morgen?“, und alle Sachverständigen sehen sehr bekümmert aus.

Normalerweise geht Sarah Wieners Auto-Satz nämlich noch weiter: Wenn eine Stunde Parken in der Hamburger Innenstadt teurer ist als ein Huhn, dann ist das ein Zeichen, ein Brandzeichen an der schwarzen Weste unserer Kultur. Neben Sarah Wiener sitzt eine zweite Frau mit Unterkiefer. Es ist Renate Künast. Beide kommen schnell überein, dass erst wieder Hoffnung sei, wenn ein Huhn 15 Euro kostet. Das Auditorium blickt verhalten skeptisch bis frenetisch einsichtsvoll. Der Moderator formuliert: „Wie also schaffen wir es, dass ein Huhn 15 Euro kostet?“ Sarah Wiener und Renate Künast bemerken ein leicht ungläubiges Tremolieren der Moderatorenstimme, seine eigene Frage betreffend, und erklären sinngemäß, dass dieser Preis sowohl die Wahrheit als auch die Würde des Huhns sowie unsere eigene Würde widerspiegeln würde.

Und niemand solle glauben, es sei fünf vor zwölf, um uns und unsere Ernährungsweise noch zu ändern. Zehn Sekunden vor zwölf sei es!, verkündet Wiener mit endzeitlichem Charme. Beifall. Ermutigt ruft sie noch ein „Worauf haben wir denn jemals verzichtet?“ in den Saal, um sich wieder weit vorzubeugen, so als wolle sie jeden Einzelnen im Auditorium umarmen. Doch stattdessen öffnet sie die schmalen ausgestreckten Hände weit und schließt sie wieder, als müsse sie etwas Großes, etwas Ungreifbares und dabei doch ganz Naheliegendes umklammern. Da meint man schon, ihren Satz „Braucht man mehr Glück, als zwei Hände umfassen können?“ wieder zu hören, aber jetzt sagt sie etwas anderes: „Wenn wir teilen können, wird für alle gedeckt sein!“

Man teilt sein letztes Brot in Notzeiten. Aber was um Himmels willen sollen Kinder des Überflusses teilen? Die Fragen lauten: Anders als Revolutionen fressen Revolutionäre zwar nicht ihre Kinder – was aber machen sie dann mit ihnen? Und unter welchen Umständen werden aus den Kindern der Revolutionäre wieder Revolutionäre? Es spricht viel dafür, dass Sarah Wiener es nicht wie ihr Vater bei der Verbesserung Mitteleuropas belassen will.

Eigentlich hat sie sich für die friedfertigste, unpolitischste Tätigkeit überhaupt entschieden: Sie kocht. Hat man je von einer Rebellion gehört, die in der Küche begann? Wer kocht, macht keinen Aufstand. Bei dem finden alle Revolutionen, die wirklich zählen, auf der Zunge statt. Oder es gibt doch noch eine andere Verbindung zwischen beiden.

Es gehörte schon viel Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit dazu, das erste eigene Restaurant in einem Berliner Hinterhof abseits der Hauptwege einzurichten und es einfach „Das Speisezimmer“ zu nennen. „Das Speisezimmer“ wurde 1999 eröffnet, gegenüber ist ein Friedhof, der Dorotheenstädtische.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben