Von TISCH zu TISCH : Kronprinz

Spanferkel und Hoppelpoppel

Elisabeth Binder

Vielleicht ist das ein aufkommender Trend, auf jeden Fall aber auch angesichts der in den nächsten Wochen wohl unausweichlichen Fernsehbilder eine willkommene Abwechslung von Sushi, Curry & Co: die gehobene Gasthausspeisekarte, gut gefüllt mit alpenländisch inspirierten Leibspeisenklassikern.

Das Gasthaus Kronprinz macht auf Anhieb einen entspannten Eindruck. Es ist umgeben von einem hübschen Garten mit halbwegs lauschigen Plätzen. Im Innern des in bräunlichen Tönen gehaltenen Gasthauses gibt es einen großen Tresen mit Fernseher dahinter, vielleicht zur Beruhigung für Fußballfreaks. An den blanken Tischen kann man auch einfach nur was trinken. Im hinteren Teil des Lokals sind die Tische weiß, aber nicht feierlich zum Essen gedeckt. An den Wänden Zille-Motive, Kaiserliches, Alt-Berlinisches, und unter der Decke ausladende Leuchter. Insgesamt ergibt das eine ganz gelungene Veredelung der traditionellen Berliner Kneipe zum Restaurant.

Die Kellnerin ist nicht superschnell, aber auf eine lakonische Art freundlich und auf jeden Fall schick angezogen. Der Wirt selber hilft beim Servieren der Getränke. Allein neun Sorten frisch gezapftes Bier stehen zur Auswahl, darunter „1 Meter Dom-Kölsch“.

Die traditionelle Prägung dieses Hauses wird offenbar an den umstehenden Tischen. Die weiblichen Gäste begnügen sich überwiegend mit achtbaren Gläsern aus der kleinen Auswahl offener Hausweine, dem besonders empfohlenen spanischen (0,2 für 6,20 Euro) oder dem italienischen Chardonnay (0,2 für 4 Euro). Die männlichen Gäste schwelgen derweil im gut gekühlten Bierangebot. Ein Renner sind die hauchdünnen Flammkuchen, die köstlich duftend auf großen Brettern serviert werden, zum Beispiel mit Speck, Zwiebeln und Käse (6,20 Euro) oder auch in der Variante „Extra Spicy“ mit Putenbruststreifen, Thaicurry und frischem Ingwer (9,90 Euro).

Der Salat „Kaiser Wilhelm“ besteht aus verschiedenen Blattsalaten mit einem kräftig pikanten Dressing und trägt schwer an fünf großzügig geschnittenen Putenbrustmedaillons und einem gossen Fladen geschmolzenem, warmen Ziegenkäse (10,60 Euro). Man muss aber nicht frühzeitig kapitulieren. Wie wir beobachten konnten, sind Doggie Bags durchaus üblich, das heißt, eventuelle Reste werden auf Wunsch, sorgfältig in Alufolie verpackt, mit auf den Heimweg gegeben,

Bei der frischen Bouillon vom Rindertafelspitz bietet sich das eher nicht an, obwohl auch die großzügig angerichtet ist mit vielen Fleischwürfeln und al dente gegartem Blumenkohl (3,90 Euro)

In der Region „Herzhaft leicht“ finden sich diverse Rösti-Gerichte, unter den originalen Berliner Pfannengerichten auch mal so was Seltenes wie „Hoppelpoppel“. Verschiedene Wochentage haben verschiedene Spezialitäten, montags gibt es zum Beispiel Spanferkel. Wir probierten am Dienstag die würzig frischen Bärlauch-Kalbswürstchen, sechs Stück an der Zahl, dunkelbraun gebraten und glänzend angerichtet auf Champagnerkraut. Dazu gab es süßen Senf und luftig sahniges Kartoffelpüree, eine einfache, gut gemachte Delikatesse (13,50 Euro).

Die sechs Teile vom Backhendl sind umgeben von einer kompakten dunkelbraunen Rüstung, innen aber zart und saftig. Allerdings wirken die mächtigen Brocken auf dem Teller ein wenig Furcht einflößend. Wären es zwei weniger gewesen und hätte es stattdessen zur Zitronenhälfte zusätzlich noch ein oder zwei Dips dazu gegeben, hätte das Gericht gewonnen. (6,50 Euro).

Die „Naschereien zum Nachtisch“ sind gestandene Kalorienattacken wie Kaiserschmarrn oder Marillenknödel. Die Lust auf Süßes im Anschluss an solche Deftigkeiten stellt sich aber unwiderstehlich ein und wird gestillt von einem Stück Apfelstrudel mit vorbildlich dünnem Teig und einer überquellenden fruchtigen Füllung. Dazu noch eine Kugel Vanilleeis (4,50 Euro). Unkomplizierte, gut gemachte Klassiker in einem gemütlichen Ambiente sind nicht so verbreitet, wie man denken sollte. Dafür lohnt auch mal die Anreise aus einem anderen Bezirk.

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