Von Tisch zu Tisch : Lutter&Wegner

Zander in Kartoffelkruste und Meerrettichsenf.

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Lutter & Wegner seit 1811, Schlüterstr. 55, Charlottenburg, Tel. 8813440, geöffnet täglich außer Mo. ab 18 Uhr. Foto: K. Kleist-Heinrich
Lutter & Wegner seit 1811, Schlüterstr. 55, Charlottenburg, Tel. 8813440, geöffnet täglich außer Mo. ab 18 Uhr. Foto: K....

Lutter & Wegner seit 1811 ist in der Schlüterstraße ein Unikat und hat nichts zu tun mit den gleichnamigen anderen Lokalen. Es ist gewissermaßen eine Reminiszenz aus der Zeit, als der Gendarmenmarkt, wo das Mutterhaus stand, noch unerreichbar hinter der großen Mauer lag. Nach dem Krieg wuchs in Charlottenburg die westliche Nachfolgerin des Lokal heran, in dem, der Legende nach, das Wort Sekt erfunden wurde, und das vor 200 Jahren bereits gern von Schauspielern und Bohemiens frequentiert wurde.

Das Ambiente hat sich über die Jahre nicht verändert. Dunkles Holz dominiert den betont gemütlichen Gastraum. Eine große Theke, brennende Kerzen, gestärkte weiße Tischwäsche, an der Wand fast noch aktuell eine „Dame mit Hermelin“ schaffen ein gehobenes Wohlfühlambiente, und voll ist es auch noch, es ist tatsächlich bis auf den letzten Platz besetzt. Kaum sitzen wir, bringt die hochprofessionelle Oberin schon ein Körbchen mit frischem Grau- und Weißbrot, dazu Gänseschmalz und Kräuterquark. Anders als bei unserem letzten Testbesuch im Mai 1989 gibt es hier inzwischen auch den gleichnamigen Sekt zu trinken (4,90 l).

Die Küchenrichtung ist gekonnt österreichisch. Die Brühe vom Tafelspitz ist intensiv, frisch gekocht, so wie sie sein muss, mit hauchdünnen weichen Frittaten und reichlich Schnittlauchröllchen (7 Euro). Zwischengerichte laden nicht nur zum Naschen ein, sondern sind auch perfekt als kleine Mahlzeit nach dem Kino oder vor dem Theater. Der Zander in der Kartoffelkruste glänzt zwar nicht gerade vor Saftigkeit, aber die Kruste ist sensationell, schön kross und grob geraspelt. Vielleicht erschlägt sie mit ihrem hohen Leckerfaktor den armen Fisch einfach ein bisschen. Dazu gibt es guten, milden Meerrettichsenf (9,50 Euro). Das sogenannte kleine Schnitzel ist natürlich nicht wirklich klein, sondern immer noch so, dass es einen Vorspeisenteller lässig überlappt. Aber die Panade ist goldbraun und knusprig, das Fleisch innen saftig und zart. Dazu gibt es einen wunderbaren säuerlichen Erdäpfelsalat und ebenfalls säuerlich angemachten Endiviensalat (14,50 Euro). Dann probierten wir noch die kleine Kohlroulade, Wirsingblätter edel und schmackhaft gefüllt mit Gehacktem vom Reh auf einer intensiven dunklen Sauce (9,50 Euro).

Die Marillenknödel auf Zwetschgenmark sind zum Reinlegen gut, kein Wunder, dass die Österreicher berühmt sind für ihre Desserts (7 Euro). So ein Abschluss festigt definitiv den Vorsatz, beim nächsten Mal mit dem Dessert zu beginnen, etwa dem Kaiserschmarrn.

Die Weinkarte ist der Tradition folgend umfangreich und enthält eine ganze Reihe von soliden Klassikern. Es gibt viele Flaschen, für die man auch mal etwas mehr ausgeben kann. Uns gefiel die Oberbergener Bassgeige von Franz Keller, ein Grauburgunder von 2010 (28 Euro).

Überhaupt war dieser Besuch fast ein Grund zur Reue, sehr lange nicht dort gewesen zu sein. Erfahrene Restaurantbetreiber wissen, wie nachhaltig eine einzige Enttäuschung Gäste vergraulen kann. Bei unserem letzten Test stand die Mauer noch, an eine Restaurantszene in Mitte oder Prenzlauer Berg war nicht zu denken, das alles wäre wilde Utopie gewesen. Selbst in West-Berlin waren die Standards, was die Qualität von Speisen betrifft, noch sehr viel geringer als heute.

Damals hatten wir einen guten Eindruck vom Speisen- und Getränkeangebot gewonnen und kehrten nicht viel später mit amerikanischen Freunden zurück. So lange wie an jenem Abend haben wir selten auf ein Essen gewartet, mehrfache Beschwerden halfen nichts. Das war’s dann erst einmal. Der Hinweis einer Vertrauensperson, dass hier derzeit eine besonders gute Köchin am Werk sei, brachte uns schließlich zurück. Freilich schien die schon wieder abhandengekommen zu sein, denn als Küchenchef wurde uns auf Nachfrage Inhaber Michael Eilhoff genannt, der fröhlich mit Gästen im Eingangsbereich plauderte. Dass wir hinter der sich öffnenden und schließenden Tür zur geräumigen Küche zwischenzeitlich einen ziemlich großen Hund erspähten, kam uns am Morgen danach wie ein surreales Erlebnis vor.

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