Von TISCH zu TISCH : Mandragoras

Dorade à la caponata.

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Mandragoras, Frohnauer Straße 106, Frohnau, Telefon 404 88 06, täglich 12 bis 24, montags 17 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Mandragoras, Frohnauer Straße 106, Frohnau, Telefon 404 88 06, täglich 12 bis 24, montags 17 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Böse Zungen behaupten, auf kulinarische Fakten gestützt, dass in Berliner Hellas-Restaurants nur selten gelernte Köche arbeiten: Das Essen schmeckt zumeist, als sei der Verantwortliche hauptberuflich Gärtner, Fischfacharbeiter oder Grafik-Designer. Andererseits ist es so, dass die Lage in Griechenland selbst nicht viel besser aussieht – auch dort hat man meist den Eindruck, dass das Essen eher auf familiärer Überlieferung als auf professioneller Ausbildung beruht. Und dass das Prinzip der Verfeinerung, das die meisten Küchen der Welt vorantreibt, dem Griechen irgendwie fremd zu sein scheint ... Siehe auch: Krise, griechische.

Die Leute hierzulande mögen diese Souvlaki-Zaziki-Klischees. Wenn an irgendeiner dunklen Ecke der Republik alles vom Schweinebraten bis zur Ente süß-sauer durchgehechelt ist, zieht immer ein blau-weißes „Hellas“ oder „Akropolis“ ein und kommt, anscheinend, über die Runden. Auch das Frohnauer „Sounion“ war so ein Restaurant, das ich nur vom Vorbeisehen kannte, bis jetzt etwas passierte, was hoffentlich kein Einzelfall ist: Ein drunten offenbar recht angesehener Küchenchef gab sein Restaurant in Saloniki auf und ließ sich in Berlin nieder.

Das Resultat trägt den eigenartigen Namen „Mandragoras“, bezieht sich also auf die Alraune, von der wir bei „hexe.org“ lesen, man habe Alraunen-Wein früher bei Schlaflosigkeit getrunken, „wobei immer die Gefahr bestand, dass man aus dem so gewonnenen Schlaf nicht mehr aufwacht.“ Und bei Harry Potter ... nein, das sprengt hier unseren Rahmen.

Hier leben die Gäste aber alle noch. Verblüffend: Das keineswegs kleine Restaurant ist am Sonnabend bis auf den letzten Platz gefüllt, und in der Raucher-Bar warten die nächsten Hungrigen auf Einlass, das ist angesichts der abseitigen Lage mehr als überraschend. Und vom Nebentisch erfahren wir sogleich, das sei ja hier früher mal so, mal so gewesen, aber mit dem neuen Küchenchef nun auf bestem Wege.

Ist das so? Erst mal Wein. Wir bitten die junge, agile Service-Chefin blind um ein Glas Weißwein: Volles Risiko! Sie lässt einen Assyrtiko der berühmten Domäne Sigalas (Santorin) einschenken (0,2l: 6,50), der schmeckt wunderbar würzig, gut balanciert, und ist dabei nicht schwer. Später kommen wir auf dieser Vertrauensbasis zu einem Sauvignon blanc von Gerovassiliou, der feinste mitteleuropäische Finesse zeigt, dann zu einem international gestylten Chardonnay desselben Erzeugers, sehr gut. Es gibt herausragende griechische Weine, das erfährt man hier; eine aktuelle Weinkarte gibt es aber leider noch nicht.

Ah, das Essen. Fängt großartig an, fällt dann leider ab. Die gemischte Vorspeisenplatte, ja ja, zeigt, wie gut die Klassiker sein können, wenn sie richtig gemacht werden. Dicke weiße Bohnen mal mit Basilikum, mal mit Tomate, frittiertes Gemüse, gut angemachter Salat aus würziger Blattmischung, Zaziki, Weinblätter, die verschiedenen rituellen Pürees, Hackfleisch am Spieß mit würzigem Dip (10,70 Euro für eine Portion, die als Vorspeise für zwei reicht). Ebenfalls sehr gelungen: Carpaccio vom Oktopus, in eher untypisch dicken Scheiben, zart mit Salat und einer cremig grünen Soße (9,60 Euro).

Dann, zu viel Stress womöglich, missrät die uns dringend anempfohlene „Dorade à la Caponata“ (15 Euro). Die beiden Fischfilets sehen wie Wolfsbarsch aus, na gut, und sie sind, wohl in der Fritteuse, knochentrocken totgegart; die gelungene Caponata hätte ich Ratatouille genannt, aber das mag aus griechischer Sicht schwer zu trennen sein. Besser: die Kalbsleber mit roten Beten, kräftigem Fleischjus und einem deftigen Kichererbsenpüree (14 Euro). Sie ist saftig gebraten, allerdings nicht so souverän rosa, wie man sich das wünschen würde, sondern ungleichmäßig mit einem eher rohen Kern, was wiederum auf Küchenhektik deutet. Gut: Die schaumige „Pawlowa“, eine Honigcreme mit Biskuit und Früchten (5 Euro).

Frohnau ist weit, ich weiß. Aber Griechenland-Fans sollten den Ausflug unbedingt riskieren. Wenn auch vielleicht nicht unbedingt am Sonnabendabend.

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