Von Tisch zu Tisch : Wienerschnitzel mit Gourmetanspruch im "Relish"

Bernd Matthies zu Besuch im Restaurant "Relish: Ein paar Tische für circa 20 Gäste und Hausmannskost mit ein bisschen Gourmetflair.

Bernd Matthies

Es ist in Berlin derzeit praktisch unmöglich, mit Hotel-Restaurants Geld zu verdienen. Die meisten Direktoren würden deshalb ihr Gourmet-Restaurant am liebsten zusperren, den Schlüssel wegwerfen und die Köche fortan im Catering beschäftigen, denn das bringt nach wie vor Profit. Nur: Ganz geht das eben nicht, weil die Gäste in Fünf-Sterne-Häusern ein Restaurant erwarten und meist auch einer dieser Sterne daran hängt, dass zumindest abends warmes Essen serviert wird.

Der Kompromiss sieht gegenwärtig oft so aus, dass am Ende einer rabiaten Schrumpfkur irgendwo in die Halle ein paar Tische gerückt werden, die dann Restaurant heißen sollen. So ist das Hotel Esplanade kulinarisch in die Bedeutungslosigkeit gesteuert worden – und beim Westin Grand Hotel scheint der Plan ähnlich auszusehen. Denn nach Umbau und Schließung sämtlicher Restaurants entlang der Friedrichstraße gibt es nun in einem erweiterten Durchgang am Rand der Halle das „Relish“: ein paar Tische für vielleicht 20 Gäste. Man kann am großen Fenster mit Blick auf die Straße ganz angenehm sitzen oder auch gruselig eng gegenüber an der Wand.

Da gleichzeitig auch eine neue Bar eingefügt wurde, hat dieses Experiment zumindest die Halle merklich belebt. Das „Relish“ ist als Versuch konzipiert worden, das schlechthin Unvermeidliche wie Clubsandwich und Wiener Schnitzel mit ein wenig Gourmetanspruch zu verbinden – Hauptgerichte kosten 23 bis 32 Euro, Vorspeisen um 15. Doch die Realität sieht ein wenig anders aus: Ob wir Lust auf einen Aperitif hätten, werden wir gefragt, es gebe zum Beispiel Sekt oder Prosecco. Pizzabrause wollen wir nicht, fragen also in Erwartung eines feinen Winzersektes zurück, welche Sorte denn angeboten werde? Die Antwort: „Rotkäppchen.“ Hallo? Grand Hotel? Jemand da? Später stellt sich beim Betrachten der gesamten Weinkarte heraus, dass dahinter System steckt, denn sie enthält genau 30 Flaschen, und das auch noch ohne Jahrgangsangaben.

Kommen wir, ach, zum Essen. Es begann mit gebratener Gänseleber, Feldsalat und Holunder-Birnen-Chutney. Das wäre noch ganz gut gewesen, hätte es einer in der Küche geschafft, der Leber wenigstens noch einen rosa Kern zu lassen. So krümelten die viel zu dünnen Stücke trocken vor sich hin. Die laut Speisekarte „krokante“ Terrine aus Kartoffeln und Entenleber verriet nicht, was der Begriff „krokant“ bedeuten könnte. Knuspern oder knacken tat da nichts, es war einfach eine unterwürzte Schichtung von gekochten Kartoffelscheiben und weicher Leber. Dazu eine „Crème brûlée von Rotkohl und grünem Apfel“, hui! War leider nur eine gebrannte Lebercreme, in der wir die versprochenen Zutaten vergeblich suchten.

Das Spanferkelkotelett mit Spinat, Kürbis und Thymian-Polenta ließ zumindest einen Hauch von Kochenkönnen aufblitzen, wenn auch durch das Übereinanderschichten von Spinat und Kürbisscheiben nicht gleich eine „Lasagne“ entsteht. Vergnügungssüchtig ließen wir uns schließlich auf „Trust me“ ein, eine Überraschung des Küchenchefs, die uns lakonisch als „Frischling“ hingestellt wurde – und sich als Frischlingsrücken mit Rosenkohlblättern, Selleriepüree und Kartoffelkrapfen herausstellte, völllig überraschungsfrei, nimmt man die verblüffend altmodische, nahezu schnittfeste Sauce einmal aus. Der freundlich unbedarfte Service schaffte es immer erst mit „Wer kriegt denn jetzt ...?“-Nachfragen, die Teller an die richtige Stelle zu setzen, das hat mit Grand Hotel auch nichts zu tun.

Dessert? Nun ja: Die auf Blätterteig aufgebaute „Apfel-Rosmarin-Tarte“ war ziemlich trocken, aber immerhin von einem Fourme-d’-Ambert-Eis nicht unoriginell begleitet. Die gratinierten Früchte mit Glühweineis blieben dröge; für eine solche Zubereitung sollte die Küche Orangen und Grapefruits wenigstens filetieren und nicht einfach in Scheiben säbeln.

Mehr als eine Mogelpackung ist das „Relish“ also nicht. Ich wüsste keinen Grund hinzugehen, außer man ist Hausgast und hat keine Lust mehr, draußen was Besseres zu suchen.

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