Essen & Trinken : Wenn der Rollladen hupt

Leere Dörfer, kaum Umsatz – auf dem Land haben Supermärkte nur eine Chance, wenn sie zum Kunden kommen. Von Lastern und Liebe in Brandenburg

Ariane Bemmer

Man nennt Dörfer wie diese auch Nester. So klein, dass man sie kaum wahrnimmt, bei manchen reicht es nicht mal zum gelben Ortsschild. Nester zeichnen sich dadurch aus, dass nix los ist weit und breit, die Bürgersteige sind leer und gefegt, die einzig sichtbaren Regungen kommen von Hunden, die hinter Zäunen hin- und herlaufen, und die Geräusche von Hühnern, Hahn oder Trecker.

Und noch was verbindet diese Nester: Ihre Bewohner müssen eines Tages fliegen lernen und sich hinausschwingen in die weite Welt. Denn diejenigen, die nicht fliegen können, bekommen Probleme mit der Nahrungssuche.

Oder sie finden einen, der sie füttert.

„HAT JEMAND BEIM BLUMENKOHL GEPENNT?!“ Gerhard Gall, 59, steht in seiner Lagerhalle vor einem Pappkarton mit dem Gemüse. Er bebt empört, und sein Kopf wird rot vom Brüllen.

Es ist kurz nach sechs Uhr in der Früh. Pennen wäre normal. Stattdessen hat in einer weißblauen Halle im Industriegebiet Wittenberge die Arbeit schon begonnen. Vor der Halle beladen fünf Fahrer die Bäuche ihrer Lastwagen mit allem, was frisch ist: Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch und heute auch Schnittblumen.

Sie zählen schnell die Blumenkohlköpfe nach, nö, nicht gepennt, da gellt Galls Stimme schon wieder aus dem Lager heraus: „DER KOPFSALAT MUSS HIER AUCH NICHT RUMLIEGEN!“

Die Fahrer packen und räumen, ihre Trucks sind mit Kühltruhen und Regalen ausgestattet, und Gall drinnen erklärt ungerührt, dass er sich eine Lautsprecheranlage gespart habe, weil sein Organ ganz brauchbar sei. Galls Frau Ursula kichert.

Sie kommt auch jeden Morgen her, mit müden Augen und in Kittelschürze. Und kontrolliert gemeinsam mit ihrem Mann, ob der Lebensmittelkonzern Rewe alles korrekt geliefert hat. Dann wird neu portioniert, abgewogen, mit Preisetiketten versehen und auf die Lastwagen verteilt.

Gerhard Gall füttert seit 1990 die Nestbewohner der Prignitz.

„Rewe & Gall – der Markt auf Rädern“, steht auf seinen Wagen. Fünf Lkw mit Spezialaufbauten, fahrende Supermärkte mit Vollsortiment, sechs Fahrer – einer als Ersatzmann –, fünf Routen. Insgesamt erreichen sie 200 Dörfer im Nordwesten Brandenburgs, im Süden von Mecklenburg- Vorpommern, ein paar in Sachsen-Anhalt, wo besonders die Likörchen gut gehen. Dörfer, die kaum mehr als eine schmale Asphaltstraße und ein gelber Briefkasten der Deutschen Bundespost mit dem Rest der Welt verbinden.

„Die Menschen da draußen sind doch auf uns angewiesen“, sagt Gall. Er war schon zu Ostzeiten Einzelhändler. Zum fahrenden Supermarkt inspiriert ihn seine erste Nachwende-Reise nach Hessen, wo ein ebensolcher vor dem Café, in dem er gerade saß, hielt und hupte.

Acht Uhr, alles ist verladen. Frühstückspause. Fünf Fahrer, Chef und Chefin um einen Tisch mit Plastikdecke. Filterkaffee schwarz, Zigarettenqualm. „Haltet den Weißkohl feucht“, sagt Gall und schaut konzentriert in den Rauch. Die Männer nicken und rauchen. Mmh.

„Und passt mir auf die Royal Gala Äpfel auf, die sind weich.“ Mmh.

„Und fahrt mir vorsichtig.“ Mmh.

„Und trinkt viel. Es wird heiß.“

Acht Uhr dreißig. Nacheinander verlassen die Wagen das Gelände, das Industriegebiet, B 189, dann verteilen sie sich in dem Landstrich, in dem nur eines ständig wächst: der Leerstand.

Die Galls gehen nach Hause. Erledigen die Buchhaltung, den Papierkram. Vertrauen auf ihre Männer. Mancher sei schon Verlockungen erlegen: Den ganzen Tag unterwegs mit einem Lkw voller Schnaps und Zigaretten, mit einer Kasse voller Geld und keiner da, der guckt. . .

Georg Deparade ist seit 13 Jahren Fahrer bei Gall. Die Arbeitszeiten von morgens um sechs bis abends 20 Uhr sind auf Dauer mörderisch, die Bezahlung hält dem nicht stand. Aber: Deparade liebt es, draußen zu sein. Hier zwischen Weizen, Raps und Roggen, zwischen Reetz, Platschow und Berge ist er sein eigener Herr. Da gibt es nur ihn, seinen Wagen, seine Kunden. Georg Deparade, 54, hat die Sonnenbräune und die hellen Augen der Menschen hier, die er so liebt. Besonders diejenigen, die zum Fliegen zu alt sind, die in morschen Nestern ihre Federn nur noch ächzend spreizen. Die knorrigen Alten hielten die Gegend hier zusammen, sagt er.

Kilometer 19: Reetz. Deparade parkt am Weiher und stellt sich an die offene Tür seines Lastwagens. Der Himmel ist geputzt, die Bäume wiegen sich in der Brise, die Dorfmitte sieht aus wie gemalt. Und kein Mensch zu sehen. Nach fünf Minuten fährt der Supermarkt wieder ab. Ein Geschäft, das sich nach Ladenschluss auflöst. Fast schon virtuell.

Kilometer 29: Bresch. Diesmal hupt Deparade. Eine Kundin nähert sich, es geht ihr nicht gut. Mühsam steigt sie in den Lkw, geht den Gang entlang zwischen den Regalen links (Kühlregal mit Milch, Joghurt, Wurst, Käse) und rechts (Obst, Gemüse, Shampoos, Konserven, Haushaltsartikel) bis zum Ende (Eistruhe), dann wieder zurück, vorbei an Schnaps, Wasser, Bier, Blumensträußen und Schokolade. Einen Apfelsaft kauft sie und eine Banane. Die Kasse piept, der Einkaufskorb fällt scheppernd auf die anderen. Draußen kräht ein Hahn.

Deparade fährt einen engen Zeitplan. „Gall kommt pünktlich wie gewohnt, ein Einkauf, der sich immer lohnt.“

Berge, 9 Uhr 45. Berge ist ein großes Dorf, Deparade hat hier vier Stopps. „Wie Berge wird die ganze Tour“, sagt er. Und dann sind sie plötzlich da. Alte Frauen in Schürzen über Trainingshosen, die Füße oft in zertretenen Schuhen, die Haare weiß und überm Arm einen Bastkorb. Sie schieben sich durch den Gang, gucken hier und greifen zu. „Hat er Activia mit Cerealien?“, ruft eine. „Zwiebeln hat er auch?“, fragt eine andere. Ja, der Georg, der hat immer ganz schöne Sachen hier, sagen sie, ein bisschen teurer natürlich als bei den Discountern, aber, na ja. Dann: Geschepper. „Huch, der Korb gerät außer Kontrolle!“, ruft Helga Drevenstedt, und alle lachen. Vorne piept die Kasse. „Jetzt kommt er mit Blumen!“ „Wo es im Garten blüht!“ „Die halten sich gut.“ „Ich hatte aber Pech mit den Rosen.“ „Ja, die Rosen, die gingen bei mir auch nicht.“

Es sei ja so, sagen die Kunden, dass es hier außer Georg nichts gebe. Die Konsum-Märkte von früher – seit der Wende zu. Dann versuchten sich hier und da noch mal ein paar Super- oder Billigmärkte. Aber erfolglos. Zu wenig Kunden, zu wenig Umsatz. Manchmal kaufen die Kinder für die Alten ein, die haben ein Auto, die fahren einfach in die nächste Stadt. Aber natürlich nicht für zwei Liter Sprudel und einen Cerealien-Joghurt.

Also warten sie, die Alten, auf Georg. Und sie warten gerne. „Der macht auch mal Witze“, sagt ein älterer Mann, Kurt Fiedler, der aus dem Plattenbau gekommen ist, um Pfandflaschen abzugeben. „Der spricht mal mit einem.“ Da trifft man auch die anderen aus der Nachbarschaft und tauscht sich aus. Was machen die Kinder, Enkel von der und dem? Schließt die Schule? Kommt Regen?

Außerdem kann man bei Deparade Sonderwünsche anmelden. Glutenfreies Brot oder Einkellerungskartoffeln. „Das hat der nächstes Mal dabei“, sagt Kurt Fiedler. „Garantiert.“

10 Uhr 23. Immer noch in Berge. Zweiter Stopp. Die Sonderwünsche machen Deparade Spaß. Es ärgert ihn, wenn die Kunden nicht kriegen, was sie wünschen.

Er hat sich mit Spickzetteln die Namen der Nestbewohner gemerkt und ihre speziellen Vorlieben. Es gebe wieder Eisbein, kann er so der einen zurufen und die andere fragen, ob sie noch Zigaretten brauche. Er zieht die Damen auf und die sich gegenseitig. Ist eine frisch frisiert, juchzen die anderen, dass sie es wohl auf Georg abgesehen habe. Sie bringen ihm Eier von ihren Hühnern, backen ihm Kuchen, wenn er Geburtstag hat. Er registriert, wem es wie geht, und wenn eine nicht mehr kommt, macht ihm das zu schaffen.

Ach, unser Georg, sagen die alten Prignitzerinnen und tätscheln ihm den Arm.

Früher war Georg Deparade, Vater von vier Töchtern, Fernfahrer, dann steuerte er Busreisen. Auch da schon am liebsten ältere Herrschaften. Die machten Stimmung an Bord, man sah was von Deutschland und am Ende wurde gesammelt, Trinkgeld für den Fahrer.

92 Mal wird am Ende dieses Sommertages Deparades Kasse gepiept haben. 119 Kilometer wird er gefahren sein, in 12 Dörfern 18 Mal gehalten haben, bei manchen Kunden direkt vor der Tür. Er wird drei alten Frauen ihre Einkäufe bis ins Haus getragen und bei zwei Pausen an der Landstraße Tee aus seiner Thermoskanne getrunken haben.

Der Umsatz an diesem Tag: um die 1500 Euro. Für den letzten Tag im Monat nicht schlecht, sagt Deparade. Denn bei vielen sei Geld dann wirklich knapp.

Gall und seine Frau sind schon am Lager, wenn die Wagen heimkehren von ihren Touren. Dann wird durchgezählt, was verkauft wurde, was nachzubestellen ist. Verderbliche Waren bringen sie übers Wochenende ins große Kühlhaus.

Hoffentlich müssen wir nicht am Wochenende kommen und die Wagen putzen, murmelt einer der Fahrer.

Deparade sagt, dass er den Job nur machen könne, weil die Familie mitziehe. Weil sich seine Frau, obwohl selbst berufstätig, um den Haushalt kümmert. Weil sie, wenn er abends spät heimkehre, alles erledigt hat. Auch die Einkäufe.

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