Mode : Ein Kleid für alle Kontinente

Eine Globalisierungsgeschichte: Anjana Das ist indischer Abstammung und lebt in Berlin. Ihr Modelabel White Champa hat jedoch seinen Sitz in Delhi.

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Anjana Das in ihrem Showroom in Berlin.
Anjana Das in ihrem Showroom in Berlin.Foto: Thilo Rückeis

„Früher hatte ich Kleider für Europa und andere für Indien und Asien. Das hat mich gestört“, sagt Anjana Das. Mittlerweile kann sie Abhilfe schaffen. Die Designerin hat seit einigen Jahren ihr eigenes Label White Champa, benannt nach einer indischen Heilpflanze. Sie macht Mode, die auf allen Kontinenten funktioniert und fusioniert dafür westliche und asiatische Elemente.

Ihre Schnitte sind „westlicher“, also körperbetonter und modischer als traditionelle asiatische Kleidung. Den fernöstlichen Anteil steuern Stoffe und Stickereien bei, die von indischen Spezialisten gefertigt werden und Motive aus verschiedenen Kulturen aufnehmen.

Den weltumspannenden Anspruch ihres Labels verkörpert Anjana Das auch persönlich. Als Kind indischer Eltern, die 1955 in die Bundesrepublik gekommen waren, wuchs sie in Norddeutschland auf und studierte Indologie in Göttingen und London. Mit ihrem Mann, der im Auswärtigen Amt arbeitet, lebte sie in diversen asiatischen Ländern, wo sie Eindrücke der authentischen lokalen Bekleidungskulturen sammelte. Die bilden nun den Ideenfundus für White Champa. Auch ihr Handwerk erlernte sie in Asien. In Thailand ließ sie sich zur Schneiderin ausbilden, in Chennai arbeitete sie mehrere Jahre lang bei Jean-François Lesage, dem französischen Spezialisten für Luxus-Stickereien.

Doch eigentlich wollte sie immer schon Mode entwerfen. 2005 machte sie sich selbständig, doch Stickereien spielten weiterhin eine Schlüsselrolle in ihrem Schaffen. Sie geben ihren Modellen nicht nur den asiatischen Charakter, sondern sorgen mit ihrer handwerklichen Qualität für eine zeitlose Wertigkeit jenseits des bloß Modischen.

Obwohl Anjana Das inzwischen in Berlin lebt, ist ihr Label in der indischen Hauptstadt Delhi ansässig. Sie führt es also aus einer Entfernung von knapp 5790 Kilometern. Um ihre Vorstellungen in Indien umsetzen zu können, musste sie sich dort eine eigene Infrastruktur aufbauen. Zwar gibt es eine florierende Textilindustrie, die auf Massenfertigung ausgerichtet ist, es fehlten allerdings Schneider, die den Ansprüchen der Designerin genügten: „Die Schneider haben keine gute Ausbildung, gerade in so wichtigen Dingen wie Schnitttechnik oder dem individuellen Anpassen. Die traditionelle Kleidung ist relativ weit, da fällt nicht so auf, ob sie genau sitzt. Und der Sari ist ohnehin ein sehr flexibles Kleidungsstück, das man wickelt und das für jede Frau gleich ist.“

Aber gerade auf die schneiderische Präzision legt sie besonderen Wert: „Ich möchte nicht nur eine Kollektion nach Größen machen, sondern auch Frauen über 25 Kleidung anbieten, die bequem und auf die Figur geschneidert ist.“ Daher bildete sie ihre Schneider selbst aus.

Davon profitiert sie jetzt, denn die Tatsache, dass die Chefin meist mehrere tausend Kilometer von ihrer Firma entfernt ist, erfordert ein intuitives Verstehen, gerade zwischen ihr und dem Leiter der Werkstatt: „Wir haben früher die Schnitte zusammen erarbeitet, jetzt muss ich ihm nur noch sagen, was ich mir vorstelle. Wir haben einen sehr guten Draht, und er ist glücklich, dass er so eng involviert ist.“ Überhaupt sind die Arbeitsbedingungen untypisch für die indischen Schneider. Anjana Das legt in ihrem Betrieb Wert auf europäische Standards, die in der lokalen Textilindustrie sonst kaum verbreitet sind: „Meine Mitarbeiter arbeiten von neun bis fünf, haben normalen Urlaub, und wenn sie krank sind, bezahlen wir die Arztkosten.“

Den fernöstlichen Anteil steuern Stoffe und Stickereien bei, die von indischen Spezialisten gefertigt werden.
Den fernöstlichen Anteil steuern Stoffe und Stickereien bei, die von indischen Spezialisten gefertigt werden.Foto: Thilo Rückeis

In Indien war das Konzept ein voller Erfolg: „Bei mir kaufen junge, berufstätige Frauen, die etwas suchen, was sie zur Arbeit tragen können, was aber auch einen gewissen Anspruch hat.“ Hier zeigt sich auch der kulturelle Wandel der vergangenen Jahre: „In den kleineren Städten war es bis vor nicht allzu langer Zeit noch so, dass man gar nicht westlich gekleidet sein durfte. Gerade bei der Arbeit musste man indische Kleidung tragen, sonst galt das als nicht angemessen. Das ändert sich im Moment rasant.“

Mit sichtlichem Befremden berichtet Anjana Das von der Eröffnung der ersten Zara-Filiale in Indien, die von den Kundinnen geradezu gestürmt wurde. „Diese Verwestlichung bedauere ich und versuche, sie zu bremsen, indem ich indisch inspirierte Stickereien und andere asiatische Elemente einbringe.“ Zu ihren Kundinnen zählen auch Bollywood-Schauspielerinnen, die etwas Neues ausprobieren wollen: „Die traditionelle indische Abendbekleidung ist ihnen oft zu überladen, sie suchen bei mir eher Understatement.“

Aber Anjana Das verkauft nicht nur in Indien, für ihre Stilfusion gibt es keine geografischen Grenzen. Abgewandelt werden müssen die für den indischen Markt konzipierten Stücke aber schon, weil sie an die klimatischen Bedingungen angepasst sind. Für den indischen Sommer mit Temperaturen von 45 Grad im Schatten muss die Kleidung vor allem luftig und gut waschbar sein. Auch wenn es von White Champa ganz klassisch zwei Saison-Kollektionen gibt, ist echte Winterware, die nordeuropäischen Temperaturen standhalten würde, nicht dabei.

Aber auch daran wurde gedacht: „Ich habe Kundinnen in New York, Paris oder Hamburg. Für die mache ich aus den geeigneten Stoffen die gleichen Modelle. Das ist auch eine Aufgabe, die ich mir stelle: Dass die Modelle in verschiedenen Stoffqualitäten funktionieren müssen.“ Genau diese Flexibilität ist ein Geheimnis ihres Erfolgs, der einiges über den Stand der Globalisierung aussagt. Anjana Das hat mittlerweile auch Kundinnen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sie noch nie persönlich getroffen hat: „Für eine habe ich zwei Kleider gemacht, die sie auf Hochzeiten in Argentinien und England getragen hat.“ Der Energieverbrauch wurde durch die Kommunikation per Computer niedrig gehalten, Stickereien wurden gescannt und gemailt. Daran konnte die Kundin sich orientieren und dann entscheiden. „Zweimal war sie allerdings in Indien, beim ersten Mal, um ihre Maße abzugeben, und dann für die Endanpassung und um die Kleider abzuholen.“

Auch für ihre deutschen Kundinnen ist diese weltumspannende Struktur von Vorteil. Die müssen nur mit der Designerin einen Termin in Berlin vereinbaren und bekommen trotzdem ein individuelles indisches Original.

Kontakt: 0157-79560062 oder per E-Mail: anjana@whitechampa.com

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