Umdenken bei Berliner Schmuckdesignerinnen : Echt? Jetzt!

Schmuck aus Diamanten, Edelsteinen und Gold passte lange Zeit nicht recht zum Lebensgefühl der Stadt. Nun aber wird er gerade von jungen Labels wiederentdeckt.

Ann-Kathrin Riedl
Diese prägnanten Ohrhänger sind von Denitza Margova
Diese prägnanten Ohrhänger sind von Denitza MargovaFoto: promo

Mehr, mehr und noch mal mehr war lange Zeit nicht nur das Motto, wenn es um Kleidung ging, sondern auch bei Schmuck. In Berlin schoss eine Vielzahl von Schmucklabels aus dem Boden, die ihre Kunden mit möglichst ausgefallenen Stücken versorgten. Kann man doch mit Accessoires schnell und kostengünstig sein Outfit verändern. Nun aber setzt ein Umdenken ein. Wie auch in der Mode entziehen sich einige Designerinnen den alten Kreisläufen der schnellen Modeindustrie. Sie verlegen sich auf echte Juwelierkunst, kombinieren modernes Design mit echtem Gold, Diamanten und Edelsteinen. Das verändert auch das Aussehen der Schmuckstücke. Sie werden nicht mehr für einen kurzlebigen Spaß gekauft, sondern auch als eine zeitlos schöne Wertanlage. Und sollen bestenfalls über Generationen hinweg weitergegeben werden. Wir stellen drei Berliner Schmuckdesignerinnen vor, die das auf unterschiedliche Weise umsetzen.

Armreif mit ungewöhnlichem Verschluss von Ina Beissner
Armreif mit ungewöhnlichem Verschluss von Ina BeissnerFoto: promo

Ina Beissner

Für Ina Beissner begann das Umdenken mit der Geburt ihres Sohnes im vergangenen Jahr. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich mit ihrem Label bereits einen Namen gemacht – und sich am vorhandenen System orientiert: Ihren Modeschmuck aus vergoldetem Messing oder Silber stellte sie in möglichst viele Varianten mit immer neuen Modellen her, um den Kundinnen eine breite Auswahl zu bieten. Das bedeute große Materialeinkäufe, finanzielle Vorleistungen und das Risiko, am Ende der Saison auf manchen Modellen sitzenzubleiben. „Mir wurde klar, dass ich aus dem verschwenderischen Kreislauf aussteigen und meine Arbeitsweise vereinfachen wollte“, sagt Beissner rückblickend.

Seit einem Jahr hat sie sich dem Echtschmuck verschrieben, arbeitet mit Gold von verifizierten Händlern. „Schmuck, der einen sentimentalen Wert haben soll, darf nicht mit Blut befleckt sein.“ Für ihr Label entwirft sie nur noch eine Kollektion pro Jahr, die Bestseller hat sie auf Vorrat, alle anderen Stücke gibt es auf Bestellung. Die Preise sind dadurch gestiegen, bewegen sich nun zwischen 500 bis 8000 Euro. Das hat Einfluss auf das Design. Ina Beissners Entwürfe sind zeitloser geworden, am beliebtesten sind bei den Kundinnen kleine geschwungene Ohrringe, deren Stecker ein einzelner Diamant ziert. Alle Teile ihrer Kollektionen sind mit neuen Stücken kombinierbar. Den Zeitpunkt für den Umstieg auf Echtschmuck hält die Designerin für richtig gewählt. „Es findet ein Mentalitätswechsel bei den Kunden statt. Viele, die früher Modeschmuck gekauft haben, legen jetzt mehr Wert auf Qualität.“

Ring von Ina Beissner
Ring von Ina BeissnerFoto: promo

Denitza Margova

Mit der Idee, mehrere schmale Ringe übereinanderzustecken, bis hin zum obersten Fingerglied, setzte die aus Bulgarien stammende Schmuckdesignerin einen Trend. Von Anfang an arbeitete sie dafür mit Echtgold und Edelsteinen – eher ungewöhnlich für ein junges Label mit kleinem Budget. Doch Denitza Margova war es trotz des Erfolgs wichtig, keine schnell vergänglichen Trendteile zu produzieren.

Mittlerweile recycelt sie ihre eigene Kollektion. Wenn am Ende der Saison Stücke übrig bleiben, lässt die Designerin sie einschmelzen und nutzt die Rohstoffe für kommende Kollektionen. Zwar muss sie auch neues Material hinzukaufen. Aber: „Ich habe meine eigene Wertschöpfungskette geschaffen.“ Diese Balance zu finden, war ein Lernprozess. „Ich habe gemerkt, dass es für mich keinen Sinn macht, nach Quantität zu arbeiten. Heute sind meine Stückzahlen klein. Im Zweifelsfall lasse ich lieber nachproduzieren.“ Hergestellt werden ihre charakteristischen Ringe mit bunten Edelsteinen, aber auch die massiven Ohrringe aus Gelb- und Weißgold und Siegelringe, in einem kleinen Betrieb in ihrer Geburtsstadt in Bulgarien. Der langjährige, vertraute Kontakt ist der Designerin wichtig, ebenso wie die Verbindung zu ihrem Heimatland. Kürzlich hat sie eine kleine Kollektion mit dem Titel „Heritage Pieces“ herausgebracht. Sie ist inspiriert vom Schmuck ihrer Großmutter. Aus deren ererbten Goldzähnen ließ Denitza Margova einst die ersten Prototypen ihres Labels fertigen.

Damit kann man nichts falsch machen: eine zarte Halskette von Lilian von Trapp
Damit kann man nichts falsch machen: eine zarte Halskette von Lilian von TrappFoto: promo

Lilian von Trapp

Nachhaltigkeit ist der Grundpfeiler, auf dem Lilian von Trapp ihr Label aufgebaut hat. Kurz hintereinander erbte sie den Schmuck ihrer Großmütter und ihrer Mutter. Die opulenten Stücke entsprachen nicht ihrem Geschmack, dennoch wollte von Trapp sie nicht in einer Schatulle verschwinden lassen. Die damalige Jurastudentin fertigte Skizzen an, ließ das Gold einschmelzen, die Edelsteine auslösen und von einem Berliner Goldschmied nach ihren Vorstellungen zu neuen Schmuckstücken umarbeiten.

Nach vielen positiven Reaktionen aus ihrem Umfeld reifte in Lilian von Trapp die Idee zu einer eignen Marke. Sie recherchierte und war von den herkömmlichen Produktionsbedingungen im Bereich Echtschmuck abgestoßen. Viel zu oft, so die Designerin, werden Gold, Edelsteine und Diamanten unter unmenschlichen Bedingungen gefördert und weiterverarbeitet. „Bei Schmuck verdrängen viele Leute jeden Gedanken an Kinderarbeit. Sie denken: Das wird schon seine Richtigkeit haben, es hat ja auch seinen Preis.“

Weil sie selbst nicht Teil dieses Systems sein wollte, beschloss von Trapp, das Vorgehen beim Schmuck ihrer Mutter auch im Großen anzuwenden. Heute führt sie ein Schmucklabel, dessen Kollektionen ausschließlich aus recyceltem Gold und Vintage-Diamanten bestehen. Geeignete Lieferanten zu finden, entpuppte sich als Herausforderung. „Anfangs hat niemand verstanden, warum ich nicht einfach neue Steine einkaufe. Händler boten mir an, auf die Rechnung das Wort Vintage zu schreiben, wenn es das sei, was ich unbedingt wollte“, erinnert sich die Designerin. Heute verfügt sie über ein Netzwerk von deutschen Lieferanten, die ihr ausgelöste Steine verkaufen. So werden keine weiteren Ressourcen verbraucht. Ihr Ansatz wird sich weiter durchsetzen, davon ist Lilian von Trapp überzeugt. In Berlin gibt es schließlich viele Menschen, die im Bio-Supermarkt einkaufen und fair produzierte Kleidung tragen. Da ist es doch nur logisch, dieselben Ansprüche auch beim Brilli am Finger beizubehalten.

Mehr Infos zu Ina Beissner, Denitza Margova und Lilian von Trapp unter: Inabeissner.com, Lilianvontrapp.com und margovajewellery.com

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