William Gibson : „Archive sind der Quellcode der Mode“

William Gibson, 63, wurde mit visionären Science-Fiction-Romanen berühmt. In seinem neuen Buch „Systemneustart“ steht die Suche nach einem geheimen Modelabel im Mittelpunkt.

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Der Autor William Gibson schreibt Science-Fiction-Romane.
Der Autor William Gibson schreibt Science-Fiction-Romane.Foto: promo

Mister Gibson, in Ihrem neuen Roman spielen Vintage-Marken, also Labels, die sich an historischen Vorbildern orientieren, eine zentrale Rolle. Interessiert Sie dieses Thema persönlich?

Mich interessiert die unterschiedliche Qualität von Waren, und ich weiß einfach mehr über Kleidung als über andere Konsumgüter, weil ich mich immer schon dafür interessiert habe, was Leute tragen, und wie sich zu erklären versuchen, warum sie genau das tragen. Ich bin außerdem alt genug, um mich an die vorige Epoche zu erinnern. Ich bin mit der Kleidung aufgewachsen, die heute von Designern als Vorbild genutzt wird. Also kann ich zurückschauen und diese Etappe der kulturellen Entwicklung überblicken, wenn auch nur einen kleinen Ausschnitt.

Haben Sie ein bestimmtes Beispiel vor Augen?

Wie kam eine Levi’s 501 von 1965, die ursprünglich weniger als 50 US-Dollar kostete, in eine hyperspezialisierte Boutique in Los Angeles, die mehr wie eine Kunstgalerie aussieht, wo sie für 2000 US-Dollar verkauft wird? Wenn man sich tatsächlich daran erinnern kann, genau diese Jeans 1965 gekauft zu haben, kann einem das schon ziemlich merkwürdig vorkommen. Es wird noch merkwürdiger, wenn man erkennt, warum heutzutage jemand bereit ist, so viel für diese Hose zu bezahlen. Als ich in den 70er Jahren Student war, konnte ich mir nur Kleidung aus Second-Hand-Läden leisten. Die waren damals wie Museen, man konnte viel lernen, und sie waren außerdem erstaunlich günstig. Wenn ich mir heute eine Marke wie J. Crew anschaue, kommt es mir so vor, als ob deren Designer meinen Kleiderschrank aus den Siebzigern durchwühlt hätten. Mich interessiert schon lange, warum Leute versuchen, ältere Kleidung exakt zu reproduzieren, obwohl das fürchterlich schwierig sein kann.

Vintage-Labels versprechen Werte wie Produktqualität und Nachhaltigkeit. Sind Sie Teil einer sozialen Strömung, zu der auch der Bio-Trend zählt?

In Deutschland gibt es bereits ein kulturelles Modell wie Manufactum. Die Idee einfacher, überlegener, langlebiger Produkte ist schon vorhanden. Das Phänomen gleicht tatsächlich in gewisser Weise der Slow-Food-Bewegung.

Bei Vintage-Labels zählt nicht das Image, sondern das Produkt. Daher kann der Kunde überprüfen, ob die Versprechen der Marke stimmen. Ergibt sich daraus ein neues Verhältnis von Herstellern und Käufern?

Die wirklich ernsthaften, historisch orientierten Marken benötigen ernsthaft gebildete Kunden. Von beiden gibt es aber ziemlich wenige.

Viele Marken dieses Genres benutzen eine wissenschaftliche Terminologie. Zum Beispiel führen sie eigene „Archive“ oder „Kleidungsbibliotheken“. Ist das nur prätentiös oder steckt mehr dahinter?

Kleidungsarchive sind sehr ernsthafte Einrichtungen, und die historischen Kollektionen bekannter Designer werden für enorme Summen gehandelt. Sie sind buchstäblich der Quellcode der Mode. Neu ist, dass immer mehr Kunden wissen, dass solche Archive existieren und den Ursprung der Kleidung bilden, die sie begehren. Ein ernsthaftes Verständnis solcher Archive gehört schon lange zu den notwendigen Voraussetzungen dieser Art von Design und ist keineswegs prätentiös.

Das Gespräch führte Jan Schröder.

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