So schnell geht das also?

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Airport Walks : Zu Fuß von Kreuzberg nach Kopenhagen
Sarah Pepin
Kopenhagen, Nyhavn. Der Weg vom Flughafen Kastrup hierher ist etwa sieben Kilometer lang. Leichtes Gepäck wird empfohlen.
Kopenhagen, Nyhavn. Der Weg vom Flughafen Kastrup hierher ist etwa sieben Kilometer lang. Leichtes Gepäck wird empfohlen.Foto: picture alliance / dpa

Für uns wird es jetzt langsam knapp, es ist kurz nach 17 Uhr. Hoffentlich sind wir schnell genug. Ohne Pause geht es die Strecke der U7 entlang. Kurz vor der Blaschkoallee biegen wir ab nach Osten, es geht die Rudower Straße hinunter. Erwartungsgemäß wird es ruhiger hier draußen, die kleinen Wege haben Vogelnamen: Kolibriweg, Storchenweg, Buchfinkweg. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Google Maps hilft uns bei der Orientierung.

In Britz bestellen ein paar Männer an einer Bude Currywurst gegenüber einer Auto-Werkstatt, Feierabend. Kaufland, Aldi, Lidl, Video-World. Die Gegend wirkt ärmlicher. Hochhäuser ragen an der Johannisthaler Chaussee in den Himmel. Die vielen Bestattungsinstitute fallen uns auf.

Da! Die Rudower U-Bahnstation – hier kommen alle aus dem X9 Bus aus Schönefeld an. Wir sind fast da.

Das Zeitempfinden hat sich durch den langen Spaziergang verändert

An der Waltersdorfer Chaussee gibt es keine hohen Häuser mehr. Stattdessen säumen Bungalows, Kleingärten und Gartenzwerge den Straßenrand. Dann taucht das Flughafengebäude auf, 90 Minuten später seufzen wir, als wir endlich in unsere Flugzeugsessel fallen und uns anschnallen. Geschafft.

Ein Moment, um nachzudenken. Das Zeitempfinden hat sich durch den langen Spaziergang schon verändert. Kaum abgehoben, ertönt bereits die Durchsage: „Crew, please be seated for landing“. So schnell geht das also? Ist das der Unterschied zwischen abwarten, bis man da ist, und reisen?

Um 21 Uhr steigen wir am Kastrup International Airport aus. Entlang der mehrspurigen Autobahn, auf der die Taxis und Shuttlebusse in die Stadt rasen, laufen wir. Es geht in den Vorort Kastrup hinein. Alles ist grün hier. Große Fußballfelder sind zu sehen. Zwei Füchse spielen darauf. Ein malerisches Bild, das uns sonst entgangen wäre. Wir lernen wieder, richtig hinzuschauen.

Die Glasgebäude im Business-Distrikt Kopenhagens wirken surreal

Kleine Straßen schlängeln sich langsam Richtung Zentrum. Gartenkolonien und Ruhe, bis auf die Flugzeuge, die ab und an noch von Weitem zu hören sind.

Häuser aus Ziegeln, Dunkelheit. Wir erreichen Tårnby. Hotels, Lichter. Nach dem scheinbar endlosen Grün wirken die ersten Glasgebäude im Business-Distrikt Kopenhagens surreal.

Dann der Weg durch Amager Fælled, eine Art Niemandsland in der Mitte Kopenhagens. Früher wurde dieses Grüngelände für Militärübungen genutzt, heute haben Investoren es sich geschnappt, und bald werden hier wohl mehr futuristische Gebäude stehen.

Die Gespräche kreisen stetig um die Umgebung. Wie hat sie sich verändert? Wie sieht es hier gerade aus, wo sind wir? Wie wird an dieser Stelle der Stadt gelebt? „Wo müssen wir jetzt hin?“ frage ich müde, als Zuggleise vor uns erscheinen.100 Meter weiter findet mein Mann einen Tunnel, der uns auf die andere Seite führt.

Über Brücken, an kleinen Seen vorbei. Die Stadt wirkt fern, bis wieder große Straßen auftauchen, Fabrikgebäude und Discounter. An die andere Seite Kopenhagens, Sydhavnen. Hier haben die Straßen Namen von bedeutenden Komponisten: Mozartvej, Wagnervej.

Körperlich sind wir müde, doch der Geist ist wach

Menschen im 19. Jahrhundert legten regelmäßig solche Strecken zu Fuß zurück, um in Städte hinein- und wieder hinaus- zulaufen. Damals war die Beziehung zur Stadt und ihren Vororten eine natürlichere als heute. Das schlaglichthafte Erleben – man verschwindet in einem U-Bahnschacht und taucht kilometerweit entfernt wieder auf – hat bestimmt die Geografie unseres Denkens verändert.

Eine kleine Pause, zwei Datteln für den Blutzucker. Mittlerweile sind wir in Valby, dem Zielort, angekommen. Eckcafés und Supermärkte, die Menschen in den Wohnhäusern bereiten sich aufs Schlafen vor, schalten die Lichter aus. Ein Friedhof.

Körperlich sind wir müde, doch der Geist ist wach. Ein Gefühl, sich zwei Städte auf außerordentliche Weise verinnerlicht zu haben, kommt auf. Wir sind frei. Die 45 Minuten im Flugzeug bemerken unsere Körper nicht. Stattdessen dominiert die Empfindung, den angefangenen Spaziergang lediglich fortgesetzt zu haben.

Es ist beinahe Mitternacht, als wir unser Ziel – die Wohnung einer Freundin – erreichen. Insgesamt gut 30 Kilometer haben wir zu Fuß zurückgelegt. Wir haben sie er- statt durchfahren.

Auf der Rückreise: Schienenersatzverkehr vom Bahnhof Schönefeld Flughafen. Das hätten wir zu Fuß schneller geschafft.

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