Armenier in aller Welt : Eriwan ist überall

Charles Aznavour und Kim Kardashian sind nur zwei von sieben Millionen in aller Welt. Das winzige Armenien mit seinen drei Millionen Bewohnern ist Sehnsuchtsort der Diaspora.

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Der Münchner Fotograf Erol Gurian fotografierte Auslandsarmenier in Paris, Beirut, L.A. oder Köln und suchte in Armenien nach den Motiven zu ihren Erinnerungen. Sarkis Misakians (im Bild) Familie wollte 1940 aus ihrem Exil in Beirut nach Armenien zurückkehren. Vor sowjetischer Enteignung gewarnt, blieb sie, bis heute, im Libanon.Alle Bilder anzeigen
Foto: Erol Gurian
12.03.2015 15:34Der Münchner Fotograf Erol Gurian fotografierte Auslandsarmenier in Paris, Beirut, L.A. oder Köln und suchte in Armenien nach den...

Armenien ist ein Land im Südkaukasus, klein wie Brandenburg. Vor allem aber ist es ein Gedanke. Und der ist riesig.

Das erfuhr Erol Gurian, 50, Münchner Fotograf, als er sich auf die Reise zu Exilarmeniern machte: Von etwa zehn Millionen Armeniern weltweit leben nur knapp drei Millionen in dem Staat, den sie ihr Mutterland nennen. Der Rest ist überall verstreut, ähnlich wie die Mehrheit der Juden nicht in Israel lebt. Tennisprofi Andre Agassi kommt aus einer Diaspora-Familie, wie Chansonlegende Charles Aznavour und Boxer Arthur Abraham. Hinternwunder Kim Kardashian wirbt gar für das Gedenken an den Genozid.

Erol Gurian ist selbst ein Auslandsarmenier, aufgewachsen in Bayern mit den nahrhaften armenischen Speisen und dem Mythos des Mutterlandes. Dafür steht das „me“ in seinem Ausstellungstitel „terra arMEnia“. Gurians Vater – geboren in Istanbul, über Rumänien, Italien und Frankreich nach Deutschland gekommen – hat Armenien nie betreten. Es würde ihn traurig machen, dorthin zu fahren, sagte er seinem Sohn einst. Der begriff erst, als er die Diaspora in Paris, L.A., Beirut, Istanbul oder Köln aufsuchte und nach Sehnsuchtsorten im Heimatland fragte, was sein Vater gemeint hatte. „Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Utopie, die Armenien in den Träumen der Diaspora-Armenier ist, und der Realität.“

Die Utopie geht so: Die Armenier, dank dem heiligen Gregor dem Erleuchter das älteste christliche Staatsvolk der Welt, sind etwas Besonderes, auserwählt. Nicht zufällig liegt ihre Hauptstadt am Fuß des sanften Berges Ararat, wo Noahs Arche gestrandet sein soll. Sie sind eine Nation von Künstlern, Händlern, Architekten. Sie erbauten die schönsten Klöster, erfanden das erste Brot, den ersten Schuh, eine verschlungene Schrift, die gleichzeitig ein Zahlensystem ist und in Zeiten der Unterdrückung als Geheimsprache diente. Irgendwann werden alle Armenier wieder vereint in einem paradiesischen Land leben, das sie Hayastan nennen.

Die Realität: Das heutige Armenien, ein Zehntel des einst prachtvollen Reiches, ist ein felsiger unfruchtbarer Binnenstaat, ausgemergelt vom Streit mit dem Nachbarn Türkei, vom Krieg mit Aserbaidschan, abhängig von Russland, regiert von Oligarchen,1988 von einem Erdbeben erschüttert, stockfinster nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Industrie in Ruinen.

Das reicht für einen Kulturschock, wie ihn Gurians Vater fürchtete, auch wenn die uralten Klöster noch in den Tälern stehen, der Sewan-See spiegelglatt ruht. Mit dem Hayastan, das sie im Herzen tragen, habe dieser Ort nichts zu tun, berichteten einige Auslandsarmenier dem Fotografen. Eine Rentnerin aus L.A. (neben Moskau, Beirut, Aleppo und Paris lebt dort eine der größten armenischen Gemeinschaften) erzählte Gurian betroffen vom Anblick schwächlicher Großmütter, die Eriwans Straßen fegten. Hierhin wolle sie nicht zurückkehren, obwohl armenische Organisationen mit günstigen Lebenshaltungskosten und unberührter Natur für eine Wiederansiedelung werben.

Im Gegenteil, Armenien blutet weiter aus. Es ist die Diasporisierung einer ganzen Nation. Auswandern fällt leicht, sofern man in eine etablierte Gemeinschaft einwandern kann. „Wenn zwei Armenier aufeinander treffen, irgendwo in der Welt, dann gründen sie sofort ein neues Armenien“, schrieb der Schriftsteller William Saroyan. Allein in Moskau gibt es mehr als 30 armenische Organisationen, in den USA mehr als 20 armenische Zeitungen. Zu den Familien, deren Vorfahren sich 1915 aus den Todesmärschen durch die nordsyrische Wüste retteten – in diesem April jährt sich der Völkermord durch das Osmanische Reich zum 100. Mal – kommen seit der Unabhängigkeit 1991 eine Million Wirtschaftsmigranten. Etliche Weitere waren schon während der kommunistischen Herrschaft geflüchtet, die ihr Weihnachtsfest verlegte und ihre Bräuche verbot.

Exilarmenier, auch das lernte Gurian auf seiner Suche nach dem Armenier in sich, sind oft heimatverbundener als die im Land gebliebenen. Sie hängen sich den Ararat ins Wohnzimmer, jenen Berg, den ihnen, so sagen sie, die Türken geklaut haben, verheiraten ihre Kinder armenisch und reisten nach dem großen Erdbeben zur Katastrophenhilfe an. Die Armenier in der Stadt Gjumri hatten beispielsweise vergessen, wie man traditionellen Mocca kocht. Eine Exilantin, von Gurian porträtiert, brachte ihnen die alte Tradition zurück.

Längst ist die Diaspora Teil armenischer Außenpolitik geworden. Sie kämpft dafür, dass Bergkarabach, die umstrittene Enklave in Aserbaidschan, armenisch bleibt. Dass Regierungen den Genozid anerkennen. In Frankreich konnte die starke Lobby durchsetzen, dass dieser nicht geleugnet werden darf. Wer so viel entbehren musste, gibt nichts mehr her. 94 Prozent der US-Armenier wollen gar den besetzten Teil ihres historischen Landes von der Türkei zurückgewinnen. Dabei sind die armenisch-armenischen Beziehungen nicht immer einfach. Es gibt in Eriwan deshalb ein eigenes Ministerium, das panarmenische Spiele ausrichtet und junge Auslandsarmenier bei einem Praktikum im Mutterland unterstützt. Kirk Kerkorian, einst Besitzer der MGM Studios in Hollywood und einer der fünf Armenier aus der Milliardärsliste des „Forbes“-Magazins, hat Eriwan neue Straßen gespendet und seinen Landsleuten günstige Kredite. Andere stiften moderne Schulen. Manche Inländer finden das übergriffig.

terra arMEnia ist vom 18.3. - 25.5. in der Aspekte Galerie im Münchner Gasteig zu sehen und bei der Improvisation zum Völkermord am 9./10.4. im Maxim Gorki Theater Berlin („Aghet 99+1=100“).

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