Ausflug nach Stettin : Sinfonie einer Hafenstadt

Wer hier mit dem Zug ankommt, denkt erst mal: wirr und vermurkst! Doch Stettin ist jung, lebendig, voll moderner Architektur und liegt direkt vor Berlins Haustür.

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Stettiner Moderne. Der schräg ansteigende Platz vor der Philharmonie ist das Dach des zeitgeschichtlichen Museums.
Stettiner Moderne. Der schräg ansteigende Platz vor der Philharmonie ist das Dach des zeitgeschichtlichen Museums.Foto: Michał Wojtarowicz

Hier muss es sein. Genau hier, vor der neuen Stettiner Philharmonie, diesem bezaubernden, weiß schimmernden Giebelbau, der an eine vereiste Gebirgskette erinnert, soll es stehen: das Haus, das ein internationaler Architekturkongress vor ein paar Monaten zum besten der Welt anno 2016 kürte. Nur wo? Ratlos steht man auf dem schräg ansteigenden Platz, entdeckt erst nach einer Weile den Schlitz, der vom Solidarnosc-Platz in die zeithistorische Ausstellung hinunterführt. Denn der Platz, der an die 16 Opfer des Arbeiteraufstandes gegen die kommunistische Regierung 1970 erinnert, ist das Museumsdach.

Ein Gebäude, egal welches, zum besten der Welt zu ernennen, ist ein verwegenes Unterfangen. Interessant ist das Urteil auf jeden Fall: dass die eigene Zunft sich nicht für einen spektakulären Solitär entschied, sondern für einen Entwurf, der sich ganz zurücknimmt gegenüber dem aufregenden Gegenüber. Die eigentliche Ausstellung liegt passend zum Thema im Untergrund, schwarz ausgekleidet wie ein Kino, Leuchtstreifen weisen den Weg. Plastisch, sachlich, knapp wird hier auf Polnisch, Englisch und Deutsch von der Nazizeit und der kommunistischen Ära erzählt, von Vertreibung, Gewalt, Aufstand und Unterdrückung, von verfolgten Juden, verpflanzten Polen, Umbrüchen aller Art. Kein heiterer Besuch. Aber ein berührend erhellender.

Was beide Bauten demonstrieren, ist eine heutzutage rare Qualität – Respekt. Der oberschlesische Architekt Robert Konieczny hat gar nicht erst versucht, die Philharmonie zu übertrumpfen. Von der einem jeder, wirklich jeder, stolz erzählt, dass sie mit dem Mies van der Rohe-Preis 2015 als bester Bau Europas ausgezeichnet wurde. Die Menschen reden davon wie von einem Adelsschlag – in Europa angekommen zu sein.

Das zeithistorische Museum ist keine patriotische Lehranstalt

Respektiert werden die Nachbarn und die Historie. Die Philharmonie von Alberto Veiga und Fabrizio Barozzi, einem Büro aus Barcelona, auf dem Platz des alten Konzerthauses, dessen Kriegsruine 1962 abgerissen wurde, steht Wand an Wand und auf gleicher Höhe mit dem gründerzeitlichen Polizeirevier. Die Giebel erinnern an die typische Architektur der Hansestädte, zu denen auch Stettin gehörte. Im Inneren lässt die umwerfende weiße Lobby mit der Wendeltreppe an einen Ozeandampfer denken. Die Ostsee ist nur 65 Kilometer entfernt.

Das zeithistorische Museum wiederum ist keine patriotische Lehranstalt. Bei Diskussionsveranstaltungen zwischen früheren Mitgliedern der Solidarnosc und ehemaligen Militärangehörigen kann es schon mal ziemlich laut werden. Aber das ist der Sinn des vor genau einem Jahr eröffneten Centrum Dialogu Przelomy – das Gespräch zu führen.

Der Eingang zum Museum "Centrum Dialogu Prze łomy".
Der Eingang zum Museum "Centrum Dialogu Prze łomy".Foto: Michał Wojtarowicz

Wer in Stettin am Hauptbahnhof ankommt, der früher Berliner Bahnhof hieß, geht nicht gleich in die Knie vor Begeisterung. Der erste Eindruck, gerade zu dieser Jahreszeit: ungemütlich. Der zweite: wirr. Der dritte: vermurkst. Der im Krieg massiv bombardierte Ort wurde nicht auf dem historischen Raster wieder aufgebaut, sondern als Stückwerk kreuz und quer. Wenn man die viel befahrene Straße langläuft, die die Stadt nun von der Oder trennt, gelangt man geradewegs zur autobahnbreiten, verschlungenen Brückenkonstruktion, die das alte Zentrum brutal zerschneidet. Verschmierte Betonkonstruktionen muss man unterqueren, um zur Hakenterrasse zu kommen, dem historischen Schmuckstück Stettins. Ein Ensemble aus drei mächtigen Gebäuden, das mittlere im Jugendstil mit einer prachtvollen Treppenanlage, die an Dresden erinnert und an deren Fuß die Ausflugsboote liegen.

Die deutsche Geschichte der Stadt wurde lange totgeschwiegen

Hermann Haken, von 1878 bis 1907, 29 Jahre lang, Oberbürgermeister von Stettin, hat die Stadt wie kein anderer geprägt. Damals erlebte die Industrie- und Hafenstadt einen Boom, innerhalb weniger Jahrzehnte vervierfachte sich die Bevölkerungszahl. Und Haken trieb die Großstadtwerdung, den repräsentativen Städtebau voran.

Zu kommunistischen Zeiten galten die Deutschen, die hier jahrhundertelang residierten, quasi als Besatzungsmacht, wurden bestenfalls totgeschwiegen. Nach der Wende und der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze drehte sich das Blatt, entdeckten die Stettiner plötzlich ihre jahrhundertealte deutsche Vergangenheit. Alte Ansichten wurden gedruckt, reihenweise Bücher über die Geschichte vor 1945 publiziert.

Unter Historikern brach „eine regelrechte Goldgräberstimmung“ aus, wie der Wissenschaftler Jan Musekamp es nennt, und ein Teil der Altstadt wurde postmodern wieder aufgebaut. Das Museum des Dialogs kann man auch als Reaktion darauf betrachten. Irgendwann war es an der Zeit, daran zu erinnern, dass es auch nach 1945 eine identitätsstiftende Geschichte gab. Was enorm wichtig ist, denn nach dem Krieg wurde die Bevölkerung fast komplett ausgetauscht.

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