Berliner Gentleman-Trend : In bester Gesellschaft

Die Männer Berlins standen für schäbigen Charme und raue Umgangsformen. Das ändert sich nun: Der Gentleman ist das aktuelle Vorbild. Die Entdeckung einer neuen Spezies.

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Andre Goerner in seinem "Gentlemen's Circle".
Andre Goerner in seinem "Gentlemen's Circle".Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein Gespenst geht um in Berlin – das des Gentleman. Galt in den 90er Jahren noch der jeans- feine Vormittagsschläfer als Stilikone, machen sich heute Berliner Männer mit Hemden und Lederschuhen schick. Sie treffen sich im „Gentlemen’s Circle“ am Gendarmenmarkt, kaufen bei Purwin & Radczun in Kreuzberg einen Maßanzug oder im „Chelsea Farmers Club“ nahe dem Kurfürstendamm eine Cordhose. Sie reden von Manieren, Ritualen und Bürgerlichkeit. Ein neuer Typus Mann flaniert durch die deutsche Hauptstadt.

Woran das liegt? Alexander von Schönburg hat es nebenbei in seinem Bestseller „Smalltalk“ erklärt. Zwar schreibt er nur über das schöne Parlieren, aber das gesellschaftliche Parkett ist derselbe Resonanzraum. Plötzlich finden wieder gesetzte Essen in Mitte und Kreuzberg statt, es ist nicht mehr die Mittwochsbar, sondern der Borchardt-Salon, wo gefeiert wird. „Wir Deutschen sind das einzige Land in Europa, dem es weitgehend gelungen ist, ganze Eliteschichten zu beseitigen.“ Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, deutsche Teilung, jede Ära hatte ihre Feindbilder, die sie bekämpfte. Adel, jüdische Intellektuelle, linke Schriftsteller, Bürgertum.

Nach 25 Jahren Wiedervereinigung ändert sich das. Pamphlete fordern eine neue kulturelle Elite. So entspannt scheint die Gesellschaft geworden zu sein, dass sie es nicht mehr komisch findet, mit dem Begriff „konservativ“ zu locken. Kaum vorstellbar noch vor zehn oder 30 Jahren im linksliberalen Berlin, wie der Gentlemen’s Circle im Januar zu seiner Eröffnung warb: Er feierte die „Rückkehr eines nostalgisch-konservativen Männlichkeitsideals“.

Mit Politik habe das nichts zu tun, versichert Gründer André Goerner. Wenn schon, dann pflegen die Herren einen Wertkonservatismus. Nassrasur mit Echthaarpinsel, Schweizer Uhren, edle Zigarren. Der Club versteht sich als Treffpunkt für Männer, die Stil mit einer Prise Weltgelassenheit paaren. Ein großer Barbiersalon bildet das Zentrum, Goerner ist schließlich Friseur auf der anderen Seite des Gendarmenmarkts. Eine kleine Bar dient als Wartezone und eine Couchecke unter einem Maxime-Ballesteros-Foto als Gesprächsangebot.

Vor der Tür hängt eine rote Fahne, ein Fantasiewappen mit zwei Greifen darauf, die eine uralte Tradition vorgaukeln. „Eine Sehnsucht nach Beständigkeit“, nennt das Goerner. Nach Dingen, Verhaltensregeln, Beziehungen, die bleiben. „Das hier“, er wischt auf einem imaginären Smartphone herum und ahmt die Selektionsmechanismen der Dating-App Tinder nach, „das bleibt nicht, daran erinnern sich die meisten am nächsten Tag nicht mehr.“

Für Männer ist das Ladenlokal eine Komfortzone unter Artgenossen. „Keine Frau darf hier auf ihren Mann warten, wenn er sich rasieren lässt.“ Mit einem Gutschein schicken Goerner und seine Mannschaft sie freundlich in Richtung Kolja Kleeberg und seinem Restaurant „Vau“. Was bei den Frauen auf Verständnis stoße, sagt Goerner, schließlich mögen sie es auch nicht, wenn ihr Gatte bei der Kosmetik daneben sitzt.

Der gelernte Friseur schwärmt von den neuen Gentlemen, gerade läuft einer am Schaufenster vorbei, der „Zeit“-Autor Moritz von Uslar. „Unser Freund“, sagt André Goerner. Und fügt noch andere Namen hinzu, die er als Berliner Beispiele versteht. Den Musiker Friedrich Lichtenstein, der im anthrazitfarbenen Anzug seinen Hit „Supergeil“ brummt, oder den Fernsehmoderator Klaas Heufer-Umlauf.

Eine Kultiviertheit eint all diese Männer, findet Goerner, eine Leidenschaft und Ernsthaftigkeit für Details. Darf das Kalbsleder olivgrün sein oder nicht? Gin oder Whiskey? Außerdem müsse ein Gentleman bestimmte Verhaltensweisen verinnerlicht und Respekt gegenüber seiner Umwelt haben. „Ich höre immer noch, dass sich Männer mit Frauen nach einem Date die Rechnung teilen.“ Er schüttelt den Kopf. Und wenn Frauen nun darauf Wert legen? André Goerner kann sich das nicht vorstellen. Er ist seit Jahren mit einer Geschäftsfrau verheiratet, die fände es charmant, verwöhnt zu werden.

Goerner will an solche Anstandsfragen anknüpfen. In London ziehen sich Männer dafür in exklusive Clubs zurück, aber in Berlin? Kann man sich im Grill Royal ernsthaft darüber aufregen, wenn Besucher nicht mit Fliege und Frack in die Oper gehen? Im Gentlemen’s Circle soll man das sogar. Und Goerner ist nicht der Einzige, der ein wenig Schirm, Charme und Melone fordert, der ein gewisses Stilrevival favorisiert – ein „The Great Gatsby“ in Mitte.

André Goerner trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd, darüber eine dunkelblaue Krawatte, aus den Schuhen blitzen jagdgrüne Strümpfe aus dem Chelsea Farmers Club hervor – einem Geschäft, das Christoph Tophinke vor ein paar Jahren eröffnet hat. Er war einer der ersten Männer in Berlin, die konsequent einen anderen Kleidergeschmack auf der Straße trugen als die Masse in Clubs und Bars. Als er 2001 aus Hamburg nach Berlin zog, sah er: „Eine Parade junger Menschen, die enthusiastisch in dieselbe Richtung liefen und die gleichen Klamotten trugen – T-Shirts mit komischen Aufdrucken, Plastikbrillen und Latschen.“ Und er? „Blaue Hemden. Nichts anderes steht mir.“ Dazu noch Anzug und Krawatte. „Ich wurde angeguckt, als ob ein Ufo gelandet wäre.“

Tophinke, 46 Jahre, sitzt in seinem Geschäft in der Schlüterstraße. Der Chelsea Farmers Club ist aus Mitte hierher gezogen. Das Geschäft floriert. Die Kunden dürfen sich bei einem Glas Gin & Tonic über das Sortiment beraten. Der Farmers Club verkauft Hemden, Westen, Stoffhosen, kleine Blümchen fürs Revers, alles ein wenig wie für den britischen Landadel gemacht.

„Tolle Kleidung gehört genauso in eine Großstadt wie eine großartige Party“, sagt Tophinke. Er erzählt von einer „Black Tie“-Party in der ersten Etage des Borchardt, jeder Mann sollte einen Smoking tragen, wer ohne kam, erhielt einen Schnurrbart aufgeklebt – als scherzhafte Mahnung, dass man leider etwas zu blöd war, das Besondere der Feierlichkeit zu verstehen.

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