Berliner Schnauzen (44) : Der Sichuan-Takin

Sie sind selten, Riesenviecher und schubsen sich gern, wenn sie spielen: Takine aus dem Himalaya. Und nur der Tierpark hält alle drei Unterarten von ihnen.

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Weder Ziege noch Schaf, sondern Takin.
Weder Ziege noch Schaf, sondern Takin.Illustration: Andree Volkmann

Xihang will spielen. Das sieht so aus: Die Takin-Kuh reckt ihren Kopf nach vorn, schüttelt ihn, wirft die nach oben geschwungenen kleinen Hörner in die Luft, sie tritt auf der Stelle wie ein bockiges Kind und bäumt sich ein wenig auf. Christian Kern, Kurator für Säugetiere im Tierpark, geht nicht auf das Angebot ein, das ihm Xihang hinter der Absperrung unterbreitet. „Das sind Riesenviecher“, sagt er und spielt auf die Schulterhöhe von 1,40 Meter an sowie auf das respektable Gewicht. Eine Kuh wie Xihang kann mehr als 250 Kilogramm wiegen, ein Bulle schon mal 400. Da verbietet sich das spielerische Gegeneinanderschubsen von selbst.

Xihang ist eine Handaufzucht. Ihre Mutter starb 2006 kurz nach der Geburt, also übernahmen Kern und ein Tierpfleger die Elternrolle, vergesellschafteten das Takin-Weibchen mit einer jungen Hausziege und zogen das seltene Tier groß. Heute lebt es in einer Fünfergruppe, ein kleiner internationaler Haufen: eine Dame aus Rotterdam, eine aus San Diego und jeweils ein Bulle und eine Kuh aus Moskau. Das heißt, ein Drittel aller in Europa gehaltenen Sichuan-Takine bewohnen das großzügige Gelände im Bergtier-Areal.

Ein Mini-Felsen erinnert an das ursprüngliche Biotop. Takine leben an den Hängen des Himalaja, im Sommer klettern sie bis auf 3500 Meter hoch, im Winter kommen sie auf 1500 Meter hinunter. Sie sind den Schafen verwandt, sehen aber anders aus: Laien halten sie für Bergrinder mit einem schmaleren Körperbau. Drei Unterarten gibt es zwischen Nordindien und China, allesamt sind vom Aussterben bedroht, der Mishmi-Takin, der Gold-Takin und der aus der südwestlichen chinesischen Provinz Sichuan.

Letzterem geht es relativ gut. Er teilt sich sein Verbreitungsgebiet mit dem Großen Panda – weil der Bär so strikt geschützt wird, haben es auch die Sichuan-Takine gut. Und weil ihre natürlichen Feinde wie Tiger oder Leoparden beinahe ausgerottet sind. Trotzdem geht der Takin auf Nummer sicher. Die Kälber kommen alle im selben Zeitraum im Frühjahr zur Welt, die Mütter bilden Herden mit ihrem Nachwuchs. Reine Kalkulation: „Damit wird der Druck von Beutegreifern verringert“, sagt Kern. Die Masse schützt den Einzelnen vor Angriffen – ähnlich wie bei den Gnus in Afrika.

Xihang stößt sich nun die Hörner, die wie erhärtete Locken aussehen, an einem Baum ab. Einen Teil der Rinde schält sie dabei herunter, danach reibt sie ihren einfarbig braunen Körper am Stamm. Der einzige Bulle in der Nähe ist leicht an dem goldbraunen Kopf zu erkennen, ein willkommener heller Fleck an einem trüben Januartag. „Er flehmt“, sagt Kern. Was eine gute Nachricht ist: Er zieht die Oberlippe hoch, so dass man sein Gebiss sieht, und zieht den Geruch ein, den der Urin des Weibchens hinterlässt. Die Pheromone in den Körperausscheidungen verraten dem Bullen, ob eine Kuh gerade empfängnisbereit ist.

Christian Kern drückt die Daumen. Dann wäre der Moskauer Bulle zum ersten Mal Vater – und die genetisch unterschiedliche Gruppe mit Nachwuchs gesegnet. Dann könnte Xihang mit einem Kalb spielen und müsste nicht mehr den Biologen mit diesem Tanz animieren, sie mal ordentlich zu schubsen.

SICHUAN-TAKIN IM TIERPARK

Lebenserwartung: 15–20 Jahre

Besonderheit: Der Tierpark hält weltweit als einziger Zoo alle Takin-Unterarten.

Interessanter Nachbar: Blauschaf, Schraubenziege, Bartgeier

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