Bill Clinton, Christoph Daum & Co. : Sieben große Lügen

Einer behauptete, den Vorfahren des Menschen entdeckt zu haben. Ein anderer erfand gleich ein ganzes Land. Was passiert, wenn Lügen auffliegen?

Jesko zu Dohna
Christoph Daum.
Christoph Daum.Foto: AFP

1. CHRISTOPH DAUM

Die Lüge: "Drogen waren, sind und werden nie ein Thema für mich sein." (5. Oktober 2000)

Worum geht's? Der Deutsche Fußball-Bund sucht einen neuen Bundestrainer. Als Topfavorit gilt Christoph Daum - bis Bayerns Manager Uli Hoeneß der "Münchner Abendzeitung" ein Interview gibt, in dem er seinem langjährigen Intimfeind Kokainkonsum unterstellt: "Der DFB kann doch keine Aktion wie ,Keine Macht den Drogen' starten, und Herr Daum hat vielleicht etwas damit zu tun." Hoeneß spricht wörtlich von einem "verschnupften Daum". Der zeigt Hoeneß wegen Verleumdung an und stellt klar: "Ich werde Bundestrainer." Bayern- Vize Fritz Scherer fordert von Daum einen Drogentest. Am 10. Oktober erklärt sich der zu einer notariell beglaubigten Haarprobe bereit: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe."

Wie es rauskommt: Am 20. Oktober holt Bayer-Manager Reiner Calmund die Haarprobe beim Institut ab. Das Ergebnis ist positiv - beweist sogar einen regelmäßigen, exzessiven Kokainkonsum. Calmund zeigt sich fassungslos: "Ich dachte, das gibt es doch nicht. Ich habe mich gefragt, warum hat er nichts gesagt." Noch in der Nacht wird Daum das Ergebnis mitgeteilt. Am nächsten Morgen flüchtet er nach Miami.

Die Folgen: Daum wird als Trainer von Bayer 04 entlassen. Er kehrt erst im Januar 2001 zurück und gesteht auf einer Pressekonferenz mit süffisantem Lächeln den Konsum von Kokain ein: "Die Haarprobe war ein Fehler. Ich hatte mir das anders vorgestellt." Bundestrainer wird Rudi Völler.

2. GREGOR MACGREGOR

Die Lüge: "Ich bin Gregor I., souveräner Fürst von Poyais." (1820)

Worum geht's? Im frühen 19. Jahrhundert erklären sich viele Kolonien in Lateinamerika für unabhängig. Um an Kapital zu kommen, geben die jungen Nationen Staatsanleihen aus - vor allem finanzkräftige Europäer werden angelockt, diese hoffen dank großer Gold- und Silbervorkommen auf hohe Rendite. Der britische Soldat Gregor MacGregor, der unter Simón Bolívar in Venezuela gekämpft hat, nutzt den südamerikanischen Anleihen-Boom aus: Er erfindet 1920 von London aus "Poyais", einen fiktiven Staat, der in etwa auf dem Gebiet des späteren Belize liegt, und wirbt mit dem Reichtum des Landes. MacGregor verkauft tausende Staatsanleihen und Landbesitz in "Poyais". Als Beweise für die Echtheit lässt er ein Buch, Flugschriften und einen Kupferstich der vermeintlich 1730 gegründeten Hauptstadt St. Joseph drucken.

Wie es rauskommt: Am 10. September 1822 macht sich ein Schiff mit neuen Landbesitzern auf den Weg in die Karibik, um Poyais zu besiedeln. Die Europäer finden nicht das beschriebene Paradies vor, sondern dichten Dschungel. Von den 240 Siedler n sterben innerhalb weniger Monate 180. Im Oktober 1823 erreicht die Nachricht vom Schwindel die Zeitungen. MacGregor flieht nach Frankreich, verkauft aber weitere Anleihen an Unwissende.

Die Folgen: Im Dezember 1825 wird er verhaftet und verbringt zwei Monate im Gefängnis. Allein 1822 verdient MacGregor mit seinem Betrug 200000 Pfund, heute umgerechnet 3,6 Milliarden Pfund. Kein Anleger bekommt sein Geld zurück.

3. CHARLES DAWSON

Die Lüge: "Der gefundene menschliche Vorfahre ist 500000 Jahre alt." (18. Dezember 1912) Worum geht's? Fälscher und Betrüger gibt es viele in der Geschichte der Wissenschaft, dieser hier zählt zu den dreistesten: 1912 behauptet der britische Altertumsforscher und Archäologe Charles Dawson, in einer Kiesgrube im Dorf Piltdown im Südosten Englands ein Skelett gefunden zu haben. Am 18. Dezember stellt er den archäologischen Fund des Eoanthropus dawsoni (deutsch: "Dawsons Mensch der Morgenröte") vor der British Geological Society in London vor. Es handele sich bei dem "Piltdown Man" um einen 500 000 Jahre alten menschlichen Vorfahren. Die meisten Forscher sind über den Fund begeistert.

Wie es rauskommt: Einige Wissenschaftler, vor allem Deutsche und Franzosen, bezweifeln rasch die Echtheit des Fundes. Erst 1959 wird der Piltdown Man mithilfe der neuartigen Radiokohlenstoffdatierung endgültig als Fälschung enttarnt. Nach der Untersuchung stellen Angestellte des British Museum in London fest: Die Knochenfunde bestehen aus einem Menschenschädel aus dem Mittelalter, einem 500 Jahre alten Orang-Utan-Kiefer und Zähnen von Schimpansen! Damit die Zähne in den Kiefer passen, wurden sie eigens zurechtgefeilt.

Die Folgen: Bis heute wird darüber gerätselt, wer neben Dawson noch für die Fälschung verantwortlich war. Verdächtigt wird der Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle, der in der Nähe des Fundortes lebte. Ein Motiv hätte er gehabt: Doyle war beleidigt, dass seine eigenen Abhandlungen über Geister im wissenschaftlichen Kanon wenig Beachtung fanden.

4. TITUS OATES

Die Lüge: "Es gibt ein greuliches Komplott der papistischen Partei gegen das Leben Seiner geheiligten Majestät." (27. September 1678)

Worum geht's? Der englische Geistliche Titus Oates, der zuvor wegen homosexuellen Geschlechtsverkehrs und diverser Betrugsdelikte wiederholt Priesterämter verloren hat, lernt 1677 im anglikanisch dominierten Großbritannien den Geistlichen Israel Tonge kennen. Der gilt als fanatischer Anti-Katholik. Beide planen eine Intrige: Am 27. September warnt Oates König Karl II. vor einer "Papisten-Verschwörung" - Papist ist damals eine übliche abfällige Bezeichnung für einen Katholiken. Die Verschwörer hätten, lügt Oates, angeblich vor, den König sowie alle wichtigen Protestanten Englands zu töten. Anschließend solle der Herzog von York, ein katholischer Bruder Kar ls II., König werden. Gegenüber einem Richter, der die Anschuldigungen prüft, nennt Oates wahllos 81 Namen prominenter Katholiken. Die Beschuldigten werden verfolgt und angeklagt. Bis 1681 werden 35 Todesurteile vollstreckt, darunter ist auch der Erzbischof von Irland. Oates genießt als "Retter des Vaterlands" die Annehmlichkeiten einer staatlichen Rente.

Wie es rauskommt: Mit der Zeit kommen vermehrt Zweifel daran auf, dass überhaupt jemals eine Verschwörung existierte. Ende 1681 wird erstmals ein Beschuldigter freigesprochen. Der König befiehlt daraufhin Oates, seine Wohnung zu verlassen, verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 100000 Pfund und lässt ihn einkerkern.

Die Folgen: 1685 wird Oates wegen Meineids zu Pranger, Peitschenhieben und lebenslanger Haft verurteilt, später jedoch begnadigt. Er stirbt im Juli 1705 in London. Im Januar 2006 wird Titus Oates von der BBC nach Jack the Ripper und Thomas Beckett zum "Schlimmsten Briten aller Zeiten" gewählt.

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