Charles Bukowski : Gnadenlos direkt

Charles Bukowski war Säufer, Spieler, Frauenheld, Schriftsteller – und Idol einer Generation. Der „Dirty Old Man“ starb 1994 in Los Angeles. Die Geschichte eines exzessiven Lebens

von
Thomas Hoepker/Magnum
Bukowksi und Linda Lee Beighle 1986.

Linda King ist muskulös. Die Bildhauerin weiß genau, wie kräftig sie ist. Doch Charles Bukowskis Betonkopf, den kriegt auch sie nicht klein.
Unzählige Male hat er sie betrogen, zuletzt mit einer Rothaarigen, 38 D, eine deutsche 85 D, Spitzname: „Cupcakes“. King rächt sich, indem sie mit Fremden schläft. Von wem sie schwanger wird, weiß sie nicht. Bei der folgenden Fehlgeburt, sie packt gerade Kartons für ihren Umzug, stirbt sie beinahe.
Bukowski, der als Erzeuger infrage kommt, reagiert gleichgültig. Er habe Cupcakes gerade losgeschickt, Champagner kaufen, erklärt er Linda King am Telefon. Er beabsichtige, mit der neuen Frau die frische Matratze zu feiern, die eben geliefert wurde. Das Kind könne unmöglich von ihm gewesen sein.
In Rage fährt Linda King zum Carlton Way, Bukowski wohnt ganz in der Nähe des Sunset Boulevards. Als niemand auf ihr Klingeln und Klopfen reagiert, klettert sie durchs hochgeschobene Küchenfenster, greift sich Bukowskis schwere Schreibmaschine, rennt mit ihr auf die Straße, stemmt sie mit beiden Händen über ihren Kopf und schmettert sie brüllend auf ein parkendes Auto.
Guter Stoff für „Women“. Der Roman erscheint 1978, in Deutschland unter dem Titel „Das Liebesleben der Hyäne“. Geschrieben im Suff, auf einer nagelneuen Schreibmaschine, die sein Verleger ihm längst schuldig war.
Hunderte solcher Storys existieren über den selbst ernannten „Dirty Old Man“. Es sind Geschichten vom angeblich versehentlichen Beischlaf mit einem Mann, vom Masturbieren hinter vertikalen Lamellen, von Vergewaltigungen und Katerschweiß. Bukowski braucht das Drama genauso wie das Bier, den Whiskey und die Zigaretten. Der Mann, der Mitte 20 für seinen ersten Sex bezahlen muss und dessen Haut nicht nur in der Pubertät mit tischtennisballgroßen Pusteln übersät ist, zieht in seinen 30ern und 40ern die Frauen an wie ein Kühlschrank Magneten.
Vertieft man sich in Howard Sounes’ aufwendig recherchierte, sehr empfehlenswerte Biografie „Bukowski – Locked In The Arms Of A Crazy Life“, entsteht der Verdacht, der Schriftsteller habe sich zeitweilig kaum gegen das überbordende Interesse wehren können. Frauen, die nachts plötzlich auf der Veranda stehen, Frauen, die Fanbriefe schreiben und Besuche anbieten, Frauen bei Lesungen, die aufmerksame Schülerinnen sein wollen. Nachbarinnen, Bar-Bekanntschaften. Dicke, Dünne, Alte, Junge. Bukowskis erster Ehefrau, Barbara Frye, fehlen zwei Halswirbel, was der Redakteurin des „Harlequin“-Magazins etwas Schildkrötenhaftes verleiht. Er säuft sie sich alle schön, und umgekehrt.
Sesshaft wird Bukowski erst mit Linda Lee Beighle. Sie treffen sich 1976, führen lange eine On-off-Beziehung, heiraten 1985 und bleiben trotz diverser Kapriolen Bukowskis bis zum Tod des Schriftstellers vor 20 Jahren ein Paar. Im gemeinsamen Haus in San Pedro, dem verhältnismäßig beschaulichen Wohnviertel von Los Angeles, entdeckt Bukowski erstmals den Reiz der Gemüseküche und des Sonnenbadens im eigenen Garten.
Da ist das dauerverkaterte Testosteronopfer längst unsterblich – als Bukowskis literarisches Alter Ego Henry Chinaski.
Im literarischen Untergrund wird er gefeiert für sein Werk, dessen Vorlage das eigene Leben ist. Das lästige Malochen bei der Post, das Außenseitertum, Pferderennen ohne Ende, Prügeleien vor der Bar, ein wild gewordener, sexbesessener Teufel in der Stadt der Engel. Pose und Leben verschmelzen zur Off-Legende. Doch es muss erst die eigentlich verhasste Mainstream-Filmindustrie anklopfen, damit Charles – oder „Hank“, wie ihn seine Freunde nennen – Bukowski einer breiten amerikanischen Öffentlichkeit bekannt wird.
Ob er sich vorstellen könne, ein Drehbuch zu schreiben, fragt ein Filmproduzent Bukowski Anfang der 80er Jahre. Nein. – 10 000 Dollar Vorschuss? Er willigt sofort ein. Ein großer Batzen Geld. Endlich muss Bukowski keine öffentlichen Lesungen mehr halten, das wünscht er sich doch schon so lange! Der Mann, der an seiner Schreibmaschine am glücklichsten ist, ist all die Jahre nur wegen des Geldes auf die Bühne gegangen.

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