Das Keret-Mini-Haus in Warschau : Die Ritze

Ein Gebäude, nur einen Meter breit. Absurd? In Warschau gibt’s das, dem israelischen Autor Etgar Keret gewidmet. Und viele wollen rein.

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Etgar Keret im Mini-Haus.
Etgar Keret im Mini-Haus.Bartek Warzecha/Polish Modern Art Foundation

Wenn Weimar ein Goethe-Haus hat und London ein Dickens-Haus, dann kann Warschau auch ein Keret-Haus haben. Nun ja, ein Häuschen. Ach was, nicht einmal das, für die polnische Behörde ist es zu schmal, um als Gebäude durchzugehen: 1,22 Meter an der breitesten Stelle, 72 Zentimeter an der engsten. Als Kunstwerk firmiert der Bau daher, dabei hat ein richtiger Architekt die stabile Stahlkonstruktion entworfen, besitzt das Gebäude alles, was zu einem Zuhause gehört: Tisch, Bett und Stuhl, Küche und Bad. Ja, sogar noch mehr: einen orangenen Sitzsack. In den Kühlschrank passen zwei Bierdosen, das Bad hat Flugzeugklogröße. Zwei Stockwerke, 14,5 Quadratmeter.

Allerdings ist der Mann, dessen Name das wohl schmalste Haus der Welt trägt, kein toter Klassiker, sondern ein quicklebendiger israelischer Schriftsteller, einer der populärsten seiner Generation, berühmt für seine Kurzgeschichten, die so sind wie das Haus: aufs Wesentliche reduziert. Etgar Keret heißt der Mann, der auch in Polen Bestsellerautor ist.

Man könnte das Gebäude für einen Witz halten. Keret liebt Witze, er reißt sie am liebsten, wenn es prekär wird, sie sind seine Form des Entwaffnens. Der heute 46-Jährige glaubte selber an einen Scherz, als ihm eines Tages in Tel Aviv ein Mann mit schwerem polnischen Akzent am Telefon erklärte: Er sei in Warschau an einer Lücke zwischen zwei Häusern vorbeigekommen, von der er sofort wusste, dass er sie füllen muss, und zwar, das habe die Lücke ihm gesagt, mit einem Haus für Keret. Der dachte, ein Freund will ihn verschaukeln. Dabei passieren in seinen Erzählungen dauernd solche Sachen. „Plötzlich klopft es an der Tür“ heißt eins seiner Bücher, und wenn es bei Keret klopft, kann alles passieren. Meist etwas Absurdes, Fantastisches.

Modellansicht
ModellansichtBartek Warzecha/Polish Modern Art Foundation

Aber Jakub Szczesny, Mitglied eines experimentellen Architekturkollektivs und selber Bewohner eines 21,5-Quadratmeter-Appartements in Warschau, meinte es ernst. Es dauerte dann trotzdem noch drei Jahre von der Idee bis zur Vollendung, bis die Gelder zusammen und alle technischen Probleme gelöst waren.

Zur Eröffnung im letzten Oktober kam Keret mit schwerem Gepäck. Seine Mutter hatte ihm Familienfotos eingepackt, die er aufstellen wollte, damit es nach zu Hause aussieht. Mitkommen wollte sie auf keinen Fall. „Aus Angst vor den Erinnerungen“, erzählt ihr Sohn im Telefoninterview. Als kleines Mädchen hat sie genau dort gelebt, wo heute das Keret-Haus steht – im Warschauer Ghetto. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden ermordet, sie hat den Auftrag des Vaters erfüllt: zu überleben. Den Nazis sollte es nicht gelingen, die Familie und ihren Namen für immer auszulöschen. Für den Schriftsteller und seine Mutter hat sich ein Kreis geschlossen. Jetzt steht an dem Bau neben der Chlodna-Straße 22: „Keret.“

Dem Israeli gefällt sein Haus. Hell findet er es und warm, von oben und durch die transluzente Front fällt viel Licht auf die schneeweißen, reflektierenden Wände. Eine Woche hat Keret dort verbracht, ist durch die Falltür in den Bau geklettert, der auf Pfählen steht, fast schwebt, hat sich einen Tee gekocht und ist unter die Ikea-Decke geschlüpft, aber schlafen konnte er kaum, zu groß waren die Aufregung und der Krach von der Straße, ein Besoffener lud ihn zum Trinken ein.

Als klaustrophobisch hat er den Bau nicht erlebt, eher als sehr offen. Aber Keret ist Enge auch gewöhnt. Als er klein war, teilte er sich das Zimmer mit Bruder und Schwester. Es hat ihnen nichts ausgemacht, „wir waren gern zusammen“. Bis heute haben sie, über die politischen Differenzen hinweg, ein enges Verhältnis – der Bruder ist Pazifist und Anarchist, die Schwester ultraorthodoxe Mutter von elf Kindern. Seinem Vater dagegen war es wichtig, dass jedes Kind dann doch ein eigenes Zimmer bekam. Immobilien waren seine Obsession. Er selbst hatte sich zwei Jahre lang in einem Erdloch versteckt. Nur so hat er den Holocaust in Polen überlebt.

Während seiner Zeit bei der israelischen Armee wurde Keret wegen Ungehorsams in einen fensterlosen Kellerraum strafversetzt, wo er 48-Stunden-Schichten schieben musste. Damals, sein bester Freund hatte sich gerade das Leben genommen, fing er mit dem Schreiben an.

Dazu ist er in Warschau nicht gekommen. Der internationale Medienrummel zur Eröffnung war gewaltig, viele Neugierige kamen vorbei und nicht mal alle rein: Nur vier Menschen ist gleichzeitig der Zutritt erlaubt. Anwohner, Architekten, Touristen klopften an die Tür – und Holocaustüberlebende. Überachtzigjährige, die dem Schriftsteller ihre Geschichten aus dem Ghetto erzählten.

Auch wenn er ein Fremdkörper ist: Der Bau schließt eine Wunde in der schwer zerstörten, zusammengeflickten Stadt. Dort, wo das Haus heute im Dunkeln leuchtet, war früher, im Ghetto, eine Brücke. Als solche will auch Architekt Szczesny sein Werk verstanden wissen: als Verbindung zwischen dem Altbau auf der einen, dem Nachkriegsbau auf der anderen Seite. Als „lebendiges Mahnmal“ hat ein Besucher den Bau bezeichnet.

Kleine Häuser haben gerade Konjunktur. In einer Welt, die immer unüberschaubarer wird, tut so viel Übersichtlichkeit gut. Angesichts des Überflusses sucht man Zuflucht in der Reduktion, zumindest ein paar Tage lang. Diese neuen Architektenhütten sind freilich keine putzigen Puppenstuben, sondern oft radikale Bauten, die ein extremes Wohnerlebnis versprechen. Auch Renzo Piano hat, nachdem er in London mit Europas höchstem Hochhaus fertig war, jetzt eine hoch moderne, energieeffiziente und mobile Sechsquadratmeterhütte als Rückzugsort entworfen. Darin lässt es sich nach Ansicht des italienischen Stararchitekten so prima denken, dass er das Häuschen nach dem Philosophen Diogenes benannt hat.

Der Raum ist so klein, „dass du noch nicht mal die Gedanken verlieren kannst“, meint Renzo Piano. In einem solchen Haus der Einsamkeit sammeln die Gedanken sich. Das war auch Etgar Kerets Gefühl in Warschau. „An einem Ort, der so anders ist, denkt man anders.“

Und fühlt anders. Das Keret-Haus scheint fast wie ein Jungbrunnen zu funktionieren, die Besucher kommen anders raus als sie reingegangen sind: „Mit einem Lächeln auf dem Gesicht.“ So hat es Valerio Millefoglie beobachtet, außer Keret der bisher einzige Bewohner. Drei glückliche Tage und Nächte hat der italienische Autor und Sänger dort verbracht, hat kaum geschlafen, aus lauter Angst, etwas zu verpassen. Lieber guckte er den Schattenspielen zu, die die Straßenlaternen auf seine Bettdecke warfen. „Magisch.“ Mal kam er sich wie im Raumschiff vor, dann wieder wie in einem „Baumhaus ohne Baum“. Ein Versteck, aus dem er Menschen und Vögel beobachtete. Die einzige Empfehlung, die der 36-Jährige für seinen Aufenthalt bekommen hatte: vor dem Insbettgehen nicht zu viel zu trinken. Der Aufstieg ist steil.

Zum Lesen dagegen hatte Millefoglie in diesem Haus der Literatur keine rechte Lust, er fand die noch ungeschriebenen Geschichten der Nachbarn spannender. Also befragte er sie nach den historischen Momenten in ihrem Leben.

„Ein merkwürdiges Zugehörigkeitsgefühl“ empfand er für das Haus. Noch bevor er es verlassen hatte, sehnte er sich zurück. Aber er musste weiter: Der Autor recherchiert ein Buch über winzige Orte.

Ganz bald wird ein Strom neuer Bewohner einziehen und das Haus, das von der polnischen Stiftung für moderne Kunst betreut wird, seine Bestimmung erfüllen: Künstlerresidenz zu sein. Es hat ein Jahr gedauert, bis alles organisiert, das Geld zusammen war, unter anderem von der Stadt Warschau. Ein bis drei Wochen können junge Schriftsteller und Filmemacher, Künstler, Musiker, Architekten nun im Keret-Haus leben und vor allem arbeiten. 800 Bewerbungen aus 48 verschiedenen Ländern trafen bei der Stiftung ein.

Etgar Keret wird Warschau im November wieder besuchen, und diesmal bringt er seine Familie mit. Man hört ihm die Freude durchs Telefon an. Der Israeli ist Vater aus Leidenschaft, auch darüber hat er gerade ein Buch geschrieben: „Die sieben guten Jahre“. Kinder, so hat er im letzten Herbst beobachtet, sind von dem schmalen Haus besonders begeistert. Für sie ist es ein Piratenschiff.

Man kann das Haus nach Voranmeldung besichtigen: www.kerethouse.com.

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