Der Grüne Finanzexperte Gerhard Schick : „Mein Team und ich, wir sind unser Geld wert“

Er ist katholisch, er glaubt an den Markt und nennt sich selbst einen Ordoliberalen. Trotzdem wurde Gerhard Schick zum linken Störenfried. Wie kam das denn?

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Foto: Mike Wolff
Gerhard Schick, Grüner FinanzexperteFoto: Mike Wolff

Der Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, hat Sie mal in der Aufregung bei einer Debatte zu einer Vorstandssitzung eingeladen, damit Sie lernen, wie’s da zugeht. Waren Sie von dem Gremium sehr beeindruckt?

Ich war gar nicht dort, die Einladung wurde nie eingelöst. Herr Fitschen wollte damit ja nur unterstellen, dass Kritiker wie ich keine Ahnung haben.

Immerhin sieht er Sie als kompetenten Gesprächspartner. Das muss Ihnen doch schmeicheln.

Ich werde ernst genommen, weil meine Vorschläge machbar und plausibel sind, auch wenn sie Herrn Fitschen oder anderen Bankern nicht passen.

Da gelten Sie als Ausnahme im Bundestag. Kaum ein Abgeordneter verstehe so viel von Finanzen wie Sie, lobte die „Frankfurter Allgemeine“, und das „manager-magazin“ schrieb, Sie würden sich in komplexen Themen auskennen wie kein anderer. Für einen Politiker, der gegen die „Machtwirtschaft“ kämpft, sind das überraschende Komplimente .

Vielleicht wird honoriert, dass ich nicht billiges Banker-Bashing betreibe, sondern mich in die Materie einarbeite, um auf die Missstände hinzuweisen und dann praktikable Reformen voranzubringen.

Ihre Texte lesen sich eher nüchtern, Worte wie „Raubtierkapitalismus“ oder „Spekulanten“ kommen da nicht vor.

Ich will nicht nur die erreichen, die sowieso protestieren. Die viel gefährlichere Kritik ist es doch, nachzuweisen, wie die Finanzindustrie uns über den Tisch zieht oder die Agrarbranche so läuft, dass es gar nichts mehr mit Marktwirtschaft zu tun hat. Den Menschen wird vorgegaukelt, die Wirtschaft folge den Regeln des Marktes, während gleichzeitig Milliardensubventionen an die Großbanken fließen und Großunternehmen wie etwa der Allianz-Konzern direkten Zugriff auf die Politik haben. Meine Kritik zwingt die Verantwortlichen, sich damit auseinanderzusetzen, die Fakten sind meine Freunde.

Zum Beispiel?

Die Sache mit den Bewertungsreserven bei den Lebensversicherungen. Ende 2012 sollte die Beteiligung der Kunden an diesen Reserven abgeschafft werden. Da ging es insgesamt um mehrere Milliarden Euro und für viele Kunden um vier- bis fünfstellige Beträge. Aber das wurde gar nicht öffentlich erklärt. Ich habe nachgefragt. Und als die Fakten bekannt wurden, kam eine große Debatte in Gang, die sogar den CDU-Parteitag erreichte. Das Gesetz wurde gestoppt. Da braucht’s keine Kraftausdrücke, Lautstärke allein ist kein Argument.

Sie bezeichnen sich selbst als Freund der Marktwirtschaft und „linken Ordoliberalen“. Das klingt so stimmig wie „protestantischer Atheist“.

Der Ordoliberalismus sagt nur, wir überlassen die Wirtschaft nicht sich selbst, wir machen auch keinen Sozialismus, wo der Staat alles macht, sondern es gibt eine Arbeitsteilung. Die Unternehmen produzieren im Wettbewerb, und der Staat setzt die Regeln dafür. Das heißt: Er muss mit starker Hand dafür sorgen, dass der Wettbewerb nicht durch Marktmacht von Großkonzernen außer Kraft gesetzt wird.

Sagen das nicht alle Parteien im Bundestag?

Aber nur in der Theorie. Praktisch tun sie nichts dagegen, dass Staat und Wirtschaft viel zu eng verflochten sind und die Macht den Markt aushebelt. Für diese Kritik kriege ich eher Applaus von links, zumal ich auch sage, dass diese Machtkonzentration natürlich die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen verstärkt.

Das klingt nach linker Verschwörungstheorie.

Ach was. Wenn etwa Großbanken de facto einen Bestandsschutz genießen, also vom Staat gerettet werden, nachdem das Management sie an die Wand gefahren hat, dann nützt das Bankaktionären und Anlegern in Bankanleihen, während die übrige Bevölkerung die Lasten trägt. Da findet Verteilung von unten nach oben statt. Darum bieten Ordoliberale wie Walter Eucken, der geistige Begründer der sozialen Marktwirtschaft, nützliche Analyseansätze auch für Linke.

Da sind Sie aber auch nicht auf geradem Weg hingekommen. Nach Ihrer Promotion haben Sie für die Stiftung Marktwirtschaft gearbeitet, eine Denkfabrik der Neoliberalen. Viele werden mit dem Alter konservativ. Warum ist es bei Ihnen umgekehrt?

Ich habe viel dazugelernt. Die Macht der Finanzindustrie wird im Studium nicht gelehrt. Das habe ich erst in der politischen Praxis erfahren. Aber ich habe mich auch während meiner Zeit bei der Stiftung Marktwirtschaft schon für mehr Steuergerechtigkeit engagiert.

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