Der Schriftsteller Hugo Hamilton : Was sucht ein Ire in Berlin?

Er ist ein Mann mit zwei Heimaten, und seine Frau sagt, in Schöneberg sei Hugo Hamilton viel lustiger als in Dublin. Begegnung mit dem Schriftsteller in seinem deutschen Domizil.

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Hugo Hamilton in seiner Schöneberger Wohnung
Hugo Hamilton in seiner Schöneberger WohnungFoto: Mike Wolff

Berlin sehen und sterben: Das war der Plan. Nuala O’Faolain wusste, dass ihr nicht viel Zeit blieb, und die wollte sie nutzen. Um noch einmal zu verreisen, in eine ihr unbekannte Stadt, zusammen mit Hugo Hamilton, dem guten Freund. Er war es, der Berlin ausgesucht hatte, die Stadt, die er so gut kennt. In der er seinen Frieden fand.

Der Plan ging auf. Die Freunde verbrachten ein paar Tage hier, stiegen im Adlon ab, die irische Schriftstellerin hatte in Amerika viel Geld verdient, jetzt war sie entschlossen, es mit vollen Händen zu verschwenden, sie gingen in den Botanischen Garten, die Paris Bar, die Oper. Das wiederum waren ihre Ideen gewesen. Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr starb Nuala O’Faolain 2008 am Krebs. Die Erlebnisse, Gespräche, Erinnerungen verdichtete Hamilton zu einem eindringlich-poetischen, auch humorvollen Roman, „Jede einzelne Minute“, der kürzlich auf Deutsch erschien (im Luchterhand-Verlag). Darin geht es ebenso sehr um die eigenwillige Freundin mit den roten Segeltuchschuhen wie um seine eigene Familie und Identität.

Hugo Hamilton kommt regelmäßig nach Berlin: um zu leben und zu schreiben. „Ich fühle mich sehr zu Hause hier“, sagt der 61-Jährige, auf dem Sofa seiner Schöneberger Wohnung sitzend, die so aufgeräumt wirkt, als wäre er eigentlich nur zu Gast. In Dublin hat Hamilton, wie die meisten seiner Landsleute, ein Haus. „Jeder muss sein eigenes Gärtchen, seine eigene Haustür haben, das ist ein ganz starkes Gefühl.“ Als irische Krankheit hat die „Irish Times“ das mal bezeichnet. Nirgendwo sonst, erzählt der Schriftsteller, ist der Anteil an Wohnbesitz so hoch wie in Irland. Es ist eine politische Demonstration der Unabhängigkeit. Denn früher waren die Briten die Besitzhabenden. Die Besatzer. So hat Hamiltons Vater sie erlebt.

Als Sohn einer Deutschen und eines extrem nationalistischen Ingenieurs war Hamiltons Kindheit in Dublin so paradox wie sein eigentlicher Name: Johannes Ó’Urmoltaigh. Zu Hause durften die sechs Kinder auf Geheiß des Vaters nur gälisch sprechen. „Deine Sprache ist dein Zuhause“, hat der Senior erklärt. Aber wenn „Hanni“, wie die Mutter ihren Johannes nannte, auf die Straße kam, verjagten die anderen Kinder ihn als „Deutschen“, ja, „Nazi“. Dabei war seine Mutter, eine warmherzige Frau, wie Hamilton sie in seinen Büchern schildert, nach dem Krieg vom Niederrhein nach Irland gezogen, um eben dieser faschistischen Heimat zu entkommen. Dass ihr Mann dann daheim wie ein Diktator regierte, gehört zu den Familien-Paradoxien.

Beim Schöneberger Bäcker um die Ecke hat Hamilton Kuchen gekauft. Kuchen ist für ihn der Inbegriff von Zuhause, eine warme Erinnerung; der Duft wehte immer durch die Räume, wenn die Mutter nach deutschen Rezepten buk. „Als kleiner Junge zog ich einmal eine Linie auf dem Küchenfußboden und verkündete meiner Mutter, auf dieser Seite sei Irland, auf jener Deutschland“, schreibt Hamilton in seinem Buch „Die redselige Insel“, mit dem er sich auf die Spuren Heinrich Bölls begab, zum 50. Geburtstag von dessen „Irischem Tagebuch“. „Sie lachte und meinte, auf diese Weise dürfe ich das Haus nicht teilen, denn wie solle sie sonst ihre Kuchen backen?“

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