Der tapfere Schneider von Mülheim : Helge und wie er die Welt sieht

Helge Schneider führt durch seinen Heimatort an der Ruhr. Unserem Reporter zeigt er viel Hässliches. Und trotzdem: Er fühlt sich hier wohl.

Niklas Hofmann
Neues Schmuckstück: Das Rennrad. Alter Schatz: Helge Schneider.
Neues Schmuckstück: Das Rennrad. Alter Schatz: Helge Schneider.Foto: Joe Kramer

Blendendes Wetter, das könnte jetzt eine schöne gemeinsame Radtour werden – wenn man selbst auch ein Fahrrad mitgebracht hätte. So wird Helge Schneider sein Pinarello-Rennrad eben schieben, während er durch Mülheim an der Ruhr führt. Die Stadt, von der aus er sich seinen Ruf als „singende Herrentorte“ ertingelt hat, viele Jahre bevor jedes Kind „Katzeklo“ mitsingen konnte. Die Stadt, in der er bis heute seine Filme dreht. Die Stadt, in der er 1955 geboren wurde und der er seither die Treue hält – warum eigentlich?

Wer mit dem Zug in Mülheim ankommt, erblickt sofort breitschultrige Wohnhaustürme, die in den 70er-Jahren neben dem Hauptbahnhof hingesetzt wurden. 22 Stockwerke hoch, so groß wie das Europa-Center, nur gleich viermal nebeneinander, ragen sie über der 166 000-Einwohner-Stadt auf. Die Türme sind Landmarken des Reviers wie der Gasometer von Oberhausen – bloß dass bei ihrem Anblick keine Industrieromantik aufkommt. Die Innenstadt, winkt Helge Schneider ab, „das ist schon 1972, 73 kaputt gegangen.“ So vieles habe man damals rund um den Bahnhof abgerissen.

Der Stadthafen soll ja auch ganz schön sein

Mit dem Rad, mit Pilotenbrille, langem Haar und grau gewordenem Schnurrbart sieht der Stadtführer fast aus wie ein alternder Hipster. Zu den Orten, die Schneider vorstellen will – nicht unbedingt aus Begeisterung, wie sich zeigen wird –, gehört Mülheims neues Prestigeobjekt: „Ruhrbania“. Die Nachkriegsanbauten des Rathauses unweit der Ruhr, samt Stadtbibliothek, wurden in den vergangenen Jahren abgerissen. Stattdessen entstehen nun Apartmenthäuser, gehobenes Wohnen am Wasser. Einige Gebäude sind schon fertig, ein Block ist noch Baugrube.

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Portrait: Helge Schneider - 20 Jahre Katzeklo
Portrait: Helge Schneider - 20 Jahre Katzeklo

„In Berlin, wenn ich da rumlaufe, da werde ich ständig angesprochen“, erzählt Helge Schneider. „Da steige ich um halb vier morgens aus dem Auto nach ner langen Autofahrt, dann stehen da direkt zwei: Ey Helge. Und dat is hier eben nicht so.“

Im Mai wurde Ruhrbanias Schmuckstück eingeweiht, der „Stadthafen“, eine Anlegestelle, die die Stadt ausdrücklich nicht Marina nennen möchte. Der Makler, der im alten, nun geschlossenen Stadtbad „hochwertige Eigentumswohnungen an der Marina“ anbietet, tut es sehr wohl. Helge Schneider rollt sein Rad über den leeren Bootssteg. 5,95 Euro pro Tag beträgt die Liegegebühr im Hafen, den an diesem sonnig-warmen Augusttag kein einziges Boot angelaufen hat. Es fehlt, mosern Skipper, an vernünftigen Möglichkeiten, die Schiffe zu vertäuen. Und flussaufwärts legt man umsonst an.

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