Die Mitfahrer : Fritteuse auf Rädern

Von: Jever nach Freiburg Dauer: 9 Stunden Auto: Mercedes-Benz W 123, weiß Insassen: 3.

Cetin Demirci

Wir wollen nach Freiburg, Freunde besuchen. Mein Mitfahrer heißt P., ein sehr guter Freund. Morgens um zehn parkt sein weißer Benz am vereinbarten Treffpunkt, vor seiner Haustür. Nur von P. fehlt jede Spur. Nach einer gefühlten halben Stunde kommt er um die Ecke geschlendert. P. hat die Nacht offenbar nicht zu Hause verbracht. Dann fliegen mir auch schon die Autoschlüssel entgegen. Damit ist beschlossen, dass ich die erste Hälfte der Strecke fahre. P. lässt sich lässig in den Beifahrersitz fallen. Ich starte den Motor, er den CD Player.

Über die Jahre hatte der Innenraum des Autos einen merkwürdigen Duft angenommen: eine Mischung aus einigen Litern Bier, mit Tabak eingerieben und sonnengetrocknet.

Nach einer Stunde sind wir auf der Autobahn Höhe Bremen. Mein Beifahrer weist mich an, in die Stadt zu fahren, weil wir noch jemanden mitnehmen müssen. „Wen denn?“, frage ich. „Keine Ahnung“, sagt P. Er habe nicht mit ihm gesprochen, sondern nur über SMS einen Treffpunkt vereinbart, den Parkplatz eines Supermarktes. „Hier können wir tanken“, sagt P., als wir auf den Parkplatz fahren. Ich suche vergeblich nach einer Tankstelle. „Brauchen wir nicht“, sagt P. „Wir tanken Rapsöl.“ Sein Benz braucht Diesel. Oder, wenn man für den kein Geld hat, Öl.

Im Supermarkt besorgen wir mehrere Flaschen Pflanzenöl – bei 50 höre ich auf zu zählen. Während P. die Flaschen sorgfältig auf das Kassenband legt, blicke ich in Gesichter von Menschen, die nicht wissen, ob sie schreien oder schweigen sollen.

Zurück am Wagen beginnt P. zu tanken. Ich bemerke einen Typen, der betont unauffällig herumsteht. Ich winke. Er winkt nicht zurück. Dann kommt er auf uns zu und fragt, ob wir die Mitfahrgelegenheit nach Freiburg sind. Wir nicken. Er stellt sich unbescheiden als „Student der Physik“ vor. „Cool!“, sagt P. Wir steigen ein, P. sitzt hinten. Nach zwei, drei Startversuchen springt der Motor ohne Probleme an.

Später, auf der Autobahn, macht sich ein stechender Geruch im Wagen breit. Wir kurbeln die Fenster runter, doch es hilft nichts: Wir fahren in einer Fritteuse auf vier Rädern. „Bier“, seufzt P., als könne er den Gestank nur aushalten, wenn er sich betrinkt. „So läuft das nicht“, sage ich. „Ich fahre nicht den ganzen Weg nach Freiburg, während du dich betrinkst.“ „Ich kann fahren“, schlägt der Student der Physik vor. Das tut er dann auch, er bringt uns bis vor die Tür. Wir verabschieden uns, können grade noch stehen. Dann macht er sich auf den Weg. Wir winken ihm zu, er winkt zurück.

Çetin Demirci

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