Dr. Wewetzer über die gesundheitsfördernde Wirkung von Sonnenschein : Länger leben dank Licht

Gut möglich, dass wir es mit dem Sonnenschutz übertreiben. Die Strahlen mindern das Risiko für Herzleiden und Diabetes

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Sonnenbaden für die Gesundheit
Sonnenbaden für die GesundheitFoto: Arno Burgi/dpa

Wochenend und Sonnenschein, weiter brauch’ ich nichts zum Glücklichsein“, hieß es 1930 noch ganz unschuldig im Lied der Comedian Harmonists. Das mit der Sonne ist inzwischen so eine Sache. Haben wir doch gelernt, ihre Strahlen zu fürchten. Wenn wir uns ihnen zu lange aussetzen, altert die Haut schneller, und die Gefahr von Hauttumoren steigt (obwohl diese zu einem hohen Prozentsatz heilbar sind). Auf der anderen Seite könnte es auch sein, dass wir es mit dem Lichtschutz übertreiben. Denn schlimmer als in die Sonne zu gehen, ist – nicht in die Sonne zu gehen! Das ist das überraschende Ergebnis einer schwedischen Studie.

Fast 30 000 Frauen nahmen an der Untersuchung teil, in der der Einfluss des Sonnenlichts auf die Gesundheit über einen Zeitraum von 20 Jahren beobachtet wurde. Ergebnis der im Fachblatt „Journal of Internal Medicine“ veröffentlichten Studie: Frauen, die dem Sonnenlicht aus dem Weg gingen, hatten ein höheres Sterberisiko, das dem durch Rauchen vergleichbar war. Verglichen mit jenen, die häufig Sonnenbäder nahmen, sank ihre Lebenserwartung um 0,6 bis 2,1 Jahre.

Je mehr Sonne, desto größer der Nutzen

Je mehr Sonne, umso größer der gesundheitliche Nutzen. Sonnenanbeterinnen hatten ein geringeres Risiko für Herz- und Gefäßleiden und für chronische Krankheiten wie Diabetes (Zucker), Multiple Sklerose und Lungenleiden. Auf der anderen Seite war Hautkrebs bei ihnen etwas häufiger, doch hatte dieser im Allgemeinen gute Heilungschancen und schränkte die Lebenserwartung nicht ein, berichtete der Studienleiter Pelle Lindqvist von der Karolinska-Universitätsklinik in Huddinge dem Online-Magazin „Medscape Medical News“. Zu den drei großen Lebensstilfaktoren, die die Gesundheit gefährden – Rauchen, zu starkes Übergewicht und Trägheit – könnte aus Sicht von Lindqvist eine vierte treten: zu wenig Sonnenlicht. Das gilt natürlich vor allem für die lichtarmen nordeuropäischen Länder, zu denen auch Deutschland zählt.

Einschränkend muss gesagt werden, dass die Studie keine letzte Sicherheit bietet. Aufgrund ihres Designs ist es nicht möglich, den Zusammenhang von Sonne und Lebenserwartung zweifelsfrei in ursächliche Beziehung zu setzen. Ein weiterer, nicht berücksichtigter Faktor wie ein gesunder Lebensstil bei den Sonnenfreunden mag eine Rolle spielen.

Der Blutdruck wird so gesenkt

Nicht endgültig geklärt ist auch, warum Sonne gesund ist. Doch dürfte das in der Haut gebildete „Sonnenhormon“ Vitamin D eine Rolle spielen. Es senkt vermutlich das Risiko für Diabetes und das Nervenleiden Multiple Sklerose. Zu geringe Vitamin-D-Spiegel werden zudem mit einem höheren Risiko für Herz- und Gefäßleiden in Verbindung gebracht. Auch die ultraviolette Strahlung der Sonne könnte sich in Maßen günstig auswirken, den Blutdruck senken und herzschädlichen Stress mildern. Vielleicht hat es einen tieferen evolutionären Sinn, dass es uns Bleichgesichter in sonnige Gefilde zieht. Ein längeres Leben könnte ein guter Grund für diesen Trieb sein.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel und schreibt an dieser Stelle an jedem ersten Sonntag des Monats. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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