Ein besonderes Verhältnis zum Fest : Wie ich lernte, Weihnachten zu lieben

Honigkerzen, Gänsebraten – jedes Jahr das Gleiche. Mit 16 findet man das doof, mit 27 steigt man aus. Aber das Fest verändert sich mit dem Leben. Und dann muss plötzlich ein eigener Christbaum her.

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Festliche Konventionen: Die Geschenke kommen zum Schluss, wer sie gebracht hat, ist dann auch egal.
Festliche Konventionen: Die Geschenke kommen zum Schluss, wer sie gebracht hat, ist dann auch egal.Foto: Thilo Rückeis

Da lag sie. Und sie hatte diese Streifen.

Ja, diese Streifen waren eigentlich der Grund, warum sie da lag. Denn diese Streifen waren das Schönste auf der Welt. Und deshalb ein Wunsch, der einfach in Erfüllung gehen musste, koste es, was es wolle.

Genau genommen hießen diese Streifen Rennstreifen, und sie gehörten zu einer Hose, die genau genommen Rennhose hieß. Oder um es noch ein wenig präziser zu sagen: Es handelte sich ganz einfach um eine Skihose, aber weil diese Geschichte im Jahr 1960 spielt, war es eine revolutionäre Skihose.

Denn soeben war eine Erfindung in die Welt gekommen, die den alten, unförmigen, im Wind schlabbernden Skihosen den Garaus machte: ein etwa fünf Zentimeter breiter elastischer Streifen , der sich vom Hosenbund bis zum Fuß zog und durch seine Stretchwirkung den Stoff wie eine zweite Haut über die Beine spannte. Natürlich trugen alle Skirennläufer solche Hosen, weil ihre Windschlüpfrigkeit entscheidende Zehntelsekunden versprach. Und natürlich wünschte der Skirennläufer in mir sogleich nichts sehnlicher, als ebenfalls eine solche Hose zu besitzen.

Nun muss gesagt werden, dass ich für ein damals zwölfjähriges Kind einen außergewöhnlich entschiedenen Geschmackswillen besaß. Diese Rennhosen gab es nämlich in den buntesten Farben mit blauen, gelben, grünen Streifen oder gar mit roten nach Art der italienischen Carabinieri. Derlei verabscheute ich zutiefst, meine Hose musste selbstverständlich schwarz sein, und die Streifen – dezent im Farbton abgesetzt – anthrazit.

Das Dumme daran war nur: So eine Hose gab es nicht. Da lag sie nun. Hingebreitet, gleich neben dem Christbaum, über einen Sessel, auf dem noch manch andere Geschenke gestapelt lagen, aber ich hatte kein Auge dafür und starrte nur ungläubig auf dieses Wunderwerk. Farbe: schwarz. Streifen: anthrazit.

Ich weiß nicht, wo meine Eltern die Hose aufgetrieben hatten, ich weiß nur noch, dass das Weihnachtsglück des Zwölfjährigen vollkommen war. Nicht zu übertreffen, nicht zu steigern.

Vielleicht ist ja das Weihnachtsglück in diesem Alter, für Zehnjährige, Elfjährige, Zwölfjährige, ohnehin so groß wie vorher noch nie und hinterher nie wieder. Weil mit diesen Jahren das Bewusstsein dafür einsetzt, dass dieses Glück etwas Kostbares ist, weil es auch nicht geschehen könnte. Weil die Wünsche Kontakt mit der Wirklichkeit bekommen.

Bestechungsgeschenke

Davor ist das anders. Da glänzen die Kinderaugen, da strahlen die Lichter, und ganz Weihnachten ist eigentlich eine Art Lawine, von der man nicht weiß, wer sie ausgelöst hat, woher sie kommt, sie ist nur plötzlich da, fällt über einen her, und man ist mittendrin. Auch die Geschenke sind einfach da, ganz von alleine, wer hat sie gebracht? Das Christkind? Der Weihnachtsmann? Egal.

Aber dieses Kleinkinderglück wird groß und zum ausgewachsenen Kinderglück, weil auf einmal die Ahnung da ist: Es könnte ja auch eine Riesenenttäuschung werden, oh Gott, das falsche Geschenk. Aber wenn es das richtige ist, dann weiß man jetzt auch: Ich bin gemeint, in meiner ganzen schwarz-anthrazitenen Individualität.

Ich weiß nicht, ob das in jeder Familie so ist, aber bei uns waren in das übliche Weihnachtsritual eine ganz Reihe hinterlistiger, aber vermutlich luststeigernder Verzögerungen des Glücksempfindens eingebaut. Der ganze Tag, der 24. Dezember, zog sich mühsam und zäh dahin, Betreten des Wohnzimmers verboten, nachmittags Kirchgang, Eintreffen der Großeltern, warten, anziehen festlicher Gewänder, wieder warten, und dann ertönte plötzlich ein Glöckchen, das sich einzig und allein zu diesem Zweck in unserem Haushalt befand: um am 24. Dezember gegen 18 Uhr 30 ein einziges Mal zu läuten.

Ein zweites Mal war nicht nötig. Denn überhört hätten wir Kinder es ganz gewiss nicht.

Und nun nahm Weihnachten seinen unabänderlichen Lauf: Betreten des Wohnzimmers, abgedunkelt, Kerzen (natürlich echte, am besten Honig) brennen am Baum (natürlich Tanne), darunter, auf der linken Seite, steht die Krippe. Neben dem Baum liegt am Boden oder auf Stühlen und Sesseln die Maßlosigkeit der Geschenke, teils verpackt, teils hüllenlos den gierigen Kinderblicken preisgegeben.

Aber wehe, wer sich nun mit Entzückensschreien ungestüm darauf stürzen wollte. Nein, erneut erfolgte eine Lektion in bürgerlicher Triebbeherrschung. Da waren die Hände zum Gebet zu falten und die Stimmen zu erheben, „Stille Nacht“ und „Es ist ein Ros' entsprungen“, in dieser Reihenfolge, und da vorne beim Baum, da lag sie doch, die Hose oder der Plattenspieler, da stand es doch, das Fahrrad, aber nichts da, jetzt liest die Mutter noch das Weihnachtsevangelium, Lukas, 2, 1–14. Es war der spirituelle Höhepunkt des Abends.

Sodann gerührte Umarmung aller Familienmitglieder, ein vielfach gemurmeltes „Frohe Weihnachten“. Das Ritual ist jedes Jahr gleich. Es läuft exakt so ab und niemals anders. Und jetzt endlich ab zu den Hosen!

Zeit der Kompromisse

Später, viel später im Leben lernt man manchmal die Gebräuche anderer Familien kennen und stellt mit Staunen fest: Die machen das ganz anders. Und tief im Herzen findet man, dass das eigentlich nicht sein darf. Weihnachten geht doch gar nicht so.

Aber man stellt außerdem fest, dass es in der Verschiedenheit etwas Gemeinsames gibt: Auch die machen das jedes Jahr völlig gleich. Weihnachten macht die Menschen konservativ.

Wer älter als zwölf Jahre ist, der ist nicht konservativ. Weil im Leben jetzt Dinge geschehen, mit denen man zuvor nicht unbedingt gerechnet hatte. Weihnachten aber ist das Berechenbare. Deshalb nervt Weihnachten. Jedenfalls wenn man über zwölf ist. Eigentlich ist es nicht auszuhalten. Und es ist nicht zu verstehen, warum man ausgerechnet mit denselben Menschen, die sowieso das ganze Jahr um einen sind, jetzt auch noch einen ganzen Abend zusammensitzen soll und nicht einmal streiten darf. Und das Fernsehen ist auch nicht an.

Es ist die Zeit, in der Geschenke zu Bestechungsgeschenken werden: ruhig bleiben, durchhalten, ist ja nur für einen Abend, Opa hat einen Umschlag, da sind Geldscheine drin. Später nützt auch das nicht mehr. Und es beginnt die Zeit der Kompromisse.

Ich war 16, als ich meinen ersten schloss: bis 22 Uhr Familienglück, und dann hinaus ins wirkliche Leben, Freunde treffen. Was gar nicht so einfach war damals. Geöffnete Kneipen am 24. Dezember – undenkbar. Aber irgendwo fand sich trotzdem immer ein Ort, an dem selbst an einem so heiligen Abend so profane Zusammenrottungen möglich wurden. Und ich fühle noch heute die denkwürdige Atmosphäre dieser Treffen, diese Großspurigkeit, all den festlichen Konventionen eine unheilige Stirn zu bieten, und zugleich das nagende Gewissen, das genau von dieser Unheiligkeit kam.

Das Problem erledigte sich dadurch, dass erstaunlich viel getrunken wurde. Noch ein paar Jahre später begann sich Weihnachten auf das Problem der Mobilität zu reduzieren. Ganze Studentenstädte leerten sich über die Feiertage schlagartig, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Weihnachten nicht nur ein Familienereignis ist, sondern beinahe ebenso sehr ein Bahnereignis. Was von eisigen Stunden in ungeheizten Abteils, von überfüllten Wartesälen, von Oberleitungs- und Nervenzusammenbrüchen zu berichten wäre, ach, es soll der Zorn der Erinnerungen die weihnachtlichen Gedanken doch nicht trüben.

Weihnachten jedenfalls war jetzt ein Besuchstermin geworden, der 24. Dezember eine Art Familienzusammenführung, man sah die, die man fast nie mehr sah, und die trotzige Attitüde des 16-Jährigen hatte man längst nicht mehr nötig. Man war schließlich erwachsen. Und genau das war das Problem.

Auf fatale Weise rief nämlich jede Weihnachtsreise immer wieder die eigene Sohnhaftigkeit ins Bewusstsein: Der fährt Weihnachten noch immer zu seinen Eltern – das klang beinahe so wie: Der wohnt immer noch bei seinen Eltern. Das hatte etwas Abwertendes, und ich weiß noch genau, dass wir uns damals immer wieder darin bestärkten, dass es doch der schönste Ausdruck von Selbstständigkeit und Erwachsensein sei, wenn man an Heiligabend nicht nach Hause führe.

Aber es half nichts. Am 24. Dezember wurden aus Frauen Töchter und aus Männern Söhne. Ich glaube, ich bin 27 geworden, bis ich es geschafft habe. Es war an der Universität eine wichtige Arbeit fertig zu stellen, es herrschte wohl irgendeine Art von Zeitdruck und sonstiger Panik, ich weiß es nicht mehr, jedenfalls beschloss ich und kam mir heroisch dabei vor, den Weihnachtsabend ortsfest am Schreibtisch zu verbringen. Keine Plätzchen, keine Sentimentalitäten, kein Glühwein.

Es ist einer der unschöneren Abende meines Lebens geworden. Schon als es draußen dunkel wurde, fühlte ich, dass sich im Hals etwas ausbreitete, was später ein Kloß werden sollte. Bis gegen 20 Uhr immerhin trug mich noch die Dringlichkeit der Arbeit und das Gefühl des Heroismus, dann war ich der bedauernswerteste Mensch auf Erden, und es war keine Abhilfe in Sicht, weil all die besten Freunde und guten Bekannten an diesem Tag getan hatten, was man eben an diesem Tag tut. Sie saßen in elterlichen Häusern vor elterlichen Christbäumen, verspeisten womöglich elterliche Gänsebraten, und ich hatte nicht einmal einen Tannenzweig. Dass der Abend doch noch ein glimpfliches Ende nahm, ist einerseits der Erfindung des Telefons zu verdanken, und andererseits einem gut gefüllten Kühlschrank. Es musste ja nicht unbedingt Glühwein sein.

Im Jahr danach fuhr ich wieder nach Hause. Der nächste Weihnachtswendepunkt hing eng zusammen mit einem anderen Wendepunkt im Leben: Als ich verheiratet war, stellte sich die Elternfrage verschärft, nämlich doppelt – gehen wir zu dir oder zu mir? Eine Frage, von der jeder in Familienangelegenheiten Erfahrene weiß, dass sie voller Fallen steckt.

Die Entdeckung der Tanne

Meine neu erworbenen Schwiegereltern allerdings lösten das Problem auf die denkbar einfachste Weise, indem sie mitteilten, sie wollten das junge Glück äußerst gerne zu Heiligabend mit ihrem Besuch beehren. Man solle keine großen Umstände machen, aber ein Christbaum, darauf würden sie schon einen gewissen Wert legen. Da hatte man sich also in all den Jahren unter etlichen Mühen von dieser Weihnachtsseligkeit wenigstens ein bisschen emanzipiert, und jetzt sollte man einen Christbaum in die eigenen vier Wände …

Aber weil Weihnachten das Fest des Friedens ist, begab ich mich schließlich doch zu einer der städtischen Baumverkaufsstellen, allerdings aus einem letzten Rest an Protest erst am 23. Dezember, und erstand dort den ersten Christbaum meines Erwachsenenlebens (natürlich Tanne), ein wirklich prächtiges Stück, wie ich fand.

Ich blieb mit meiner Meinung ziemlich allein. Und musste nach und nach einsehen lernen, dass mir der Verkäufer etwas angedreht hatte, was sich beim besten Willen nur als krumme, kahle Katastrophe beschreiben ließ. Ich betrachtete meinen Christbaum mit finsteren Blicken und dachte, dass an der Existenz des Unterbewussten von nun nicht mehr gezweifelt werden könne. Der Baum gewann durch das Schmücken nicht merklich.

Obwohl ich mich nun doch etwas ins Zeug legte und mich dabei ertappte, dass ich die gleichen Dekorationen ausgesucht hatte, die in meinem Elternhaus zu Weihnachten Pflicht waren. Silberne Kugeln, andere Farben waren nicht erlaubt, Honigkerzen und natürlich kein Lametta. Es nützte nichts. Der Baum blieb ein Ungetüm.

Zum Glück lernt der Mensch. Im Lauf der folgenden Jahre brachte ich es zu einer richtigen Christbaum-Aussuch-Meisterschaft, kerzengerade, sattgrün, dicht, regelmäßig gewachsen, so sahen jetzt die Prachtstücke aus. Und selbstverständlich kaufte ich längst nicht mehr bei irgendwelchen Verkäufern in der Stadt, sondern hatte draußen auf dem Dorf meinen Bauern, der mich Jahr für Jahr mit bester Ware aus seinem Wald versorgte.

Es war nämlich so, dass es von nun an jedes Jahr elterlichen Besuch gab, mal von der einen, mal von der anderen Seite, und jedesmal stand da ein Christbaum, und jedesmal hingen silberne Kugeln daran und nie Lametta. Bald fand ich, es sei an der Zeit, eine Krippe zu kaufen, holzgeschnitzte Figuren, Die könne man dann links unter den Christbaum stellen, auf jeden Fall links.

Als Jana und Julia auf der Welt waren, hieß es am 24. Dezember, Betreten des Wohnzimmers verboten, nachmittags Kirchgang, Eintreffen der Großeltern, anziehen festlicher Gewänder, und dann, gegen 18 Uhr 30 ertönte ein Glöckchen, das sich einzig zu diesem Zweck in unserem Haushalt befand.

Dann standen Jana und Julia mit großen Augen vor dem kerzengeraden Tannenbaum, und vor ihnen lag die Maßlosigkeit der Geschenke. Wir umarmten uns und murmelten „Frohe Weihnachten“, und ich fand, dass etwas fehlte.

Ein paar Jahre später wagte ich es. Ob sie nicht das Weihnachtsevangelium vorlesen wolle, fragte ich meine Frau, Lukas, 2, 1–14.

Wir veröffentlichen diesen Beitrag in Erinnerung an unseren Kollegen Wolfgang Prosinger, der in diesem Jahr verstarb.

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