Ein Ost-West-Trip : Fährmann, hol über

Die Fähre „Ilka“ verbindet Brandenburg mit Niedersachsen – seit genau 25 Jahren. In Schnackenburg zeigt das Grenzlandmuseum, wie es vorher war.

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Die Fähre Ilka verkehrt auf der Elbe zwischen Brandenburg und Niedersachsen, auf dem jenseitigen Ufer liegt Schnackenburg Foto: Austilat
Die Fähre Ilka verkehrt auf der Elbe zwischen Brandenburg und Niedersachsen, auf dem jenseitigen Ufer liegt SchnackenburgFoto: Austilat

Der Mann im grauen Mercedes hat sichtliche Zweifel. „Und Sie meinen wirklich, da kommt eine Fähre?“ Wir sind die Einzigen, die am Ufer warten, er neben seinem Auto, ich auf dem Rad, beide schauen wir die Böschung hinunter der Betonplattenpiste hinterher, die in der Elbe verschwindet. Die Fähre liegt drüben, am jenseitigen Ufer. Natürlich wird sie kommen, muss sie doch, sonst wäre die Grenze zwischen Brandenburg und Niedersachsen ziemlich dicht.
Auf 30 Kilometern trennt die Elbe die beiden Bundesländer, die einzige Stelle, an der sie sich überhaupt berühren. Beinahe wenigstens, die Elbe kann ganz schön breit sein. Und auf diesen 30 Kilometern gibt es keine Brücke, allein zwei Fähren verkehren hin und her. Eine hier zwischen Lütkenwisch und Schnackenburg, die andere ein Stück weiter im Norden, zwischen Lenzen und Pevestorf. Kleine Fähren, gerade sechs Autos passen drauf. Doch so viele warten hier allenfalls an sonnigen Sommerwochenenden.

Kein Fährbetrieb bei Eis oder Hochwasser

In diesem Moment löst sich die „Ilka“ vom gegenüberliegenden Ufer und tuckert langsam zu uns herüber. Ein paar Minuten dauert es, bis sich die Rampe auf unserer Seite knirschend auf das Pflaster schiebt. Ingo Scholz gibt Handzeichen, wir dürfen rauf. Scholz macht das jeden Tag zig-mal, es sei denn, Eis oder Hochwasser würden ihn daran hindern. Scholz lebt vom Betrieb seiner Fähre. Zwei Euro nimmt er von einem Radfahrer, vier für das Auto, plus Passagiere. Kommt er damit über die Runden? „Soll ich Ihnen jetzt was vorjammern?“ Besser nicht.
Die Ilka pendelt seit dem 7. September 1991 über die Elbe, davor ging an dieser Stelle gar nichts zwischen beiden Ufern, nicht seit Ilkas Vorgängerin 1945 in den letzten Kriegstagen versenkt wurde. Seit 25 Jahren also gibt es wieder diese dünne Verbindung. Doch zumindest Schnackenburg auf der niedersächsischen Elbseite bekam das Ende des Grenzregimes nicht wirklich gut. Der Ort büßte rasch seine besondere Bedeutung ein, hat heute deutlich weniger Bürger als 1990.

Im Schnackenburger Museum: Figuren in den Uniformen der DDR-Grenztruppen Foto: Austilat
Im Schnackenburger Museum: Figuren in den Uniformen der DDR-GrenztruppenFoto: Austilat

Schnackenburg darf sich die kleinste Stadt Niedersachsens nennen, seit ihr vor rund 650 Jahren das entsprechende Recht zuerkannt wurde. Die Ministadt mit ihren 500 Einwohnern ist ein hübscher Mix aus Fachwerk und roten Ziegelhäusern. Seinen Titel verdankt der Ort, der eigentlich nicht mehr als ein Dorf ist, seiner über Jahrhunderte wichtigsten Einnahmequelle: dem Zoll. Hier war schon immer ein Dreiländereck zwischen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Und das mit dem Zoll war natürlich auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Riesenthema.
Ulrich Bethge war da schon hier. Heute steht der 75-Jährige in Polohemd und Jeans im Schnackenburger Grenzlandmuseum. Damals trug er die grüne Uniform des westdeutschen Zolls, war einer von 50 Beamten, die mit ihren Familien in Schnackenburg lebten. Die Truppe konnte fünf Boote aufbieten, acht Reiter, die durch das unwegsame Schwemmland auf westdeutscher Seite patrouillierten und 16 Hunde.


Ein Flüchtling kam in der Badehose

Doch anders als die Uniformierten auf der gegenüberliegenden Seite waren sie nicht dazu da, Menschen am Übertreten der Grenze zu hindern, im Gegenteil. Bethge erinnert sich, wie er hier mal einen in der Badehose in Empfang nahm, „der war total durchgefroren, war ja schon Herbst“. Für solche Zwecke hatten sie immer ein paar Kleidungsstücke in ihrer Zollstube. Dass es tatsächlich ein Flüchtling aus der DDR durch die Elbe schaffte, kam hin und wieder vor.
Oft allerdings nicht, denn die von der DDR aufgetürmten Hindernisse waren enorm, mit Stacheldraht, Minengürtel, Selbstschussanlagen und als letzter Hürde einem 3,20 Meter hohen Zaun. Selbst wer den überwand, musste immer noch durch den Fluss, dessen Strömung wurde manchem Flüchtling zum Verhängnis. Im Museum markieren kleine Kreuze auf einer Wandkarte, wo sie die Menschen fanden, die ihre Flucht nicht überlebten.


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