Erster Weltkrieg : Mit Mexiko gegen die USA

Amerika ist 1917 kein Feind Deutschlands. Noch nicht. Wie eine geheime Depesche den Ersten Weltkrieg veränderte.

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Pancho Villa ritt in Mexiko.
Pancho Villa ritt in Mexiko.Foto: Mauritius Images/United Archives/Felicity W

Die Deutschen hungerten, die Bank von England stand vor der Pleite und Frankreich hatte seinen Oberkommandierenden nach verlustreichen Misserfolgen entlassen: Im Frühjahr 1917 war die Westfront des Ersten Weltkriegs zum Stillstand gekommen. Hundertausende Briten, Franzosen und Deutsche waren sinnlos geopfert worden. Könnte ein Telegramm in dieser Situation alles verändern und damit diesen Krieg entscheiden?

Nigel de Grey war davon überzeugt. Es war der 17. Januar 1917. Der Brite, im bürgerlichen Beruf Lektor, sprach neben seiner Muttersprache fließend Deutsch und Französisch, war dabei so unscheinbar, dass ihn seine Kollegen frei übersetzt das „Mäuschen“ nannten. Am Morgen jenes Tages überreichte er seinem Vorgesetzten einen handgeschriebenen Zettel mit der Überschrift „7500“. „D.I.D.“, sagte er zu seinem Chef – D.I.D. stand für Director of the Intelligence Divisons und bezeichnete den Geheimdienstchef der Marine –, „wollen Sie die Amerikaner in den Krieg hineinziehen?“ „Yes, my boy“, antwortete der D.I.D. ungläubig, und de Grey fuhr fort: „Nun, dann habe ich hier eine ziemlich erstaunliche Nachricht.“

De Grey war damals 31 Jahre alt und Mitarbeiter im „Room 40“, dem streng abgeschirmten Quartier des britischen Marinegeheimdienstes. Und „7500“ war der Schlüssel des aktuellsten deutschen Geheimcodes. In Room 40 arbeiteten sie seit Stunden an der Entschlüsselung eines Telegramms, das die Briten in der Nacht abgefangen hatten. Es enthielt zwei Nachrichten aus der Wilhelmstraße – damals Sitz des deutschen Außenministeriums – für den deutschen Botschafter in den USA, das dieser unbedingt nach Mexiko weiterleiten müsse. Die Briten hatten einen gewaltigen Zahlensalat in der Hand, Gruppen aus jeweils vier und fünf Ziffern. Doch inzwischen konnten sie einiges davon lesen.

Der Satz könnte von heute stammen

„Wir beabsichtigen am 1. Februar uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu beginnen“, stand dort. Und, was weitaus wichtiger war: Die Deutschen planten offenbar ein neues Bündnis, das sich gegen die bislang in diesem Konflikt noch neutralen USA richten sollte. Auch der Name des Partners, den sie sich dafür ausgesucht hatten, war entschlüsselt: Mexiko, der arme amerikanische Nachbar. Das klang wie eine heimliche Kriegserklärung an die USA. An dieser Stelle war auch de Greys Chef klar, dass er Sprengstoff in der Hand hielt. Wie konnten die Deutschen nur auf eine derartige Idee kommen?

Arthur Zimmermann, damals Staatssekretär im Berliner Auswärtigen Amt – eine Position, die heute der des Außenministers entspricht –, fand den Gedanken gar nicht absurd. Zimmermann hatte das Telegramm abgeschickt, in dem es im Klartext hieß: „Es wird versucht werden, Amerika neutral zu halten. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, schlagen wir Mexiko ein Bündnis vor.“

Für sich genommen könnte dieser Satz von heute stammen. So sagte vor zwei Wochen der CSU-Politiker Manfred Weber dem Tagesspiegel: „Wenn Trump die Türen schließt, sollten wir eine Partnerschaft mit den Staaten praktizieren, die Trump vor den Kopf stößt.“ Weber, Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, meinte damit ausdrücklich Mexiko.

Zimmermann befand sich 1917 in einer dramatischen Situation. Das mit dem U-Boot-Krieg war nicht seine Idee gewesen. Zwar waren die US-Amerikaner noch neutral, aber man konnte sie auch nicht als Freunde der Deutschen bezeichnen. 1915 hatte ein deutsches U-Boot in der Irischen See den Passagierdampfer Lusitania versenkt. 128 amerikanische Staatsbürger waren dabei ums Leben gekommen. Nur mit Mühe hatten die Deutschen anschließend die USA beschwichtigen können.

Diplomaten hoffen, Amerika aus diesem Krieg halten zu können

Seit dem Lusitania-Zwischenfall mussten sich U-Boot-Kommandanten vergewissern, dass sie kein neutrales Schiff vor den Torpedorohren hatten. Das bedeutete im Einzelfall geringere Erfolgsaussichten, weil sie auftauchen mussten. Jetzt, das kündigte das Telegramm an, würde damit Schluss sein. Vom 1. Februar an hieß es wieder: Feuer frei auf alles, was schwimmt. Denn seit Beginn des Krieges hatten die Briten mit ihrer Flotte Deutschland vom internationalen Warenverkehr abgeschnitten. Nun hofften das Kaiserreich und seine Heeresleitung mit den U-Booten umgekehrt, die Briten zur Aufgabe zu zwingen.

Natürlich war das Risiko groß, wieder neutrale Schiffe zu treffen, weshalb der Botschafter in Washington schon mal vorgewarnt werden sollte. Irgendwie hofften die Diplomaten, die Amerikaner trotzdem aus diesem Krieg halten zu können. Und wenn nicht? Für diesen Fall war Zimmermann also auf Mexiko verfallen, das mit den USA mehr als eine Rechnung offen hatte.

Arthur Zimmermann, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, machte Pläne in Berlin.
Arthur Zimmermann, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, machte Pläne in Berlin.Foto: mauritius images/United Archives

Viele Mexikaner hatten nicht vergessen, dass Kalifornien, Colorado, New Mexiko und Texas mexikanisch gewesen waren, bevor die USA diese Territorien für sich reklamierten. Und machtlos mussten sie mitansehen, wie US-Truppen immer wieder auf ihrem Staatsgebiet operierten.

Das war in Deutschland 1917 nicht unbemerkt geblieben. Wie auch, mehrere mexikanische Abgesandte hatten in Berlin ihrerseits für ein Bündnis geworben. Darunter waren allerdings dubiose Gestalten, die kaum für ihre Regierung sprechen konnten. Und wenn doch, für welche Regierung? Mexiko war seit Jahren durch einen Bürgerkrieg zerrissen, der deutsche Botschafter in Mexiko-City meldete „ein Bild unschildbarer Verwüstung, elenden Ruins“. Man musste schon ziemlich verzweifelt sein, um anzunehmen, dieses Land käme jetzt als Verbündeter infrage.

Die Deutschen hatten nicht viel zu bieten

Eine Person hatte das besondere Interesse der Deutschen erregt: Pancho Villa. Für die einen war der Schnauzbartträger so etwas wie ein Revolutionär im Bürgerkrieg, für die anderen der Anführer einer Banditentruppe. Pancho Villa hatte 1916 seinerseits die Grenze zwischen Mexiko und den USA überquert und eine US-Kleinstadt einschließlich Militärgarnison angegriffen. Er wurde zurückgeschlagen, seitdem versuchte eine immer größere nordamerikanische Expeditionstruppe erfolglos, ihn in Mexiko einzufangen. Sollten sich die Amerikaner auf diese Weise dort in einen Krieg verstricken, hätten sie weniger Kapazitäten für Europa übrig.

Konkret hatten die Deutschen nicht viel zu bieten. Der Generalstab signalisierte, 30 000 Gewehre, 100 Maschinengewehre und zehn Geschütze bereitstellen zu können. Reichlich wenig für die Eroberung von Texas und New Mexico. Genau das versprach Zimmermann in seinem Telegramm: „Gemeinsame Kriegführung. Gemeinsamer Friedensschluss. Reichlich finanzielle Unterstützung und Einverständnis unsererseits, dass Mexiko in Texas, Neumexiko, Arizona früher verlorenes Gebiet zurückerobert.“

Falls das nicht reichen sollte, holte er noch weiter aus: Kalifornien könne man leider nicht den Mexikanern überlassen, das wäre für Japan zu reservieren. Im Übrigen wolle man Mexiko bitten, zwischen Japan und dem deutschen Kaiserreich zu vermitteln. Schon damals gab es in Deutschland Stimmen, die das Telegramm für Irrsinn hielten. Die Chance, dass die Sache nach hinten losging, war groß.

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