Filmstart: "Girl on the Train" : Die Pendlerin

Den Bestseller „Girl on the Train“ gibt es nun als Film. Ein Gespräch mit der Autorin Paula Hawkins übers Zugfahren, den Grusel in Tunneln und gereizte Reisende.

Susanne Kippenberger
Fantasien. Emily Blunt als Rachel, die Hauptfigur in „Girl on the Train“, kurz: „GOTT“ genannt. Der Film kommt am Donnerstag ins Kino.
Fantasien. Emily Blunt als Rachel, die Hauptfigur in „Girl on the Train“, kurz: „GOTT“ genannt. Der Film kommt jetzt ins Kino.Foto: ©2016 Constantin Film/Storyteller Distribution Co., LLC

In Ihrem Roman „Girl on the Train“ fährt die Hauptfigur, Rachel, jeden Tag aus einem hässlichen Vorort nach London. Warum wurde die Handlung für den Film nach New York, ins Hudson Valley verlegt?

Das funktioniert visuell einfach gut. Die Strecke, den Hudson lang, ist sehr malerisch – viel schöner als Londons Suburbia. Auch Grand Central Station ist erheblich ansehnlicher als Euston Station. Aber der Schauplatz ist fast mehr der Zug selbst als die Umgebung.

Jagen Sie mit Ihrem Noir-Thriller Bahnfahrern keine Angst ein?

Glaube ich nicht. Ich denke, den Lesern gefällt diese Vorstellung: Was, wenn in meinem eigenen, langweiligen Leben was Interessantes passiert? Die Situation, die ich beschreibe, ist Pendlern ja sehr vertraut, dass man jeden Tag hin und her fährt und dabei ständig dieselben Leute sieht. Sie sind einem so vertraut, dass man den Eindruck hat, man kennt sie – ohne es tatsächlich zu tun.

Ein komisches Gefühl.

Das ist genauso wie bei Prominenten, die man bemerkt und zu kennen meint, in Wirklichkeit weiß man eigentlich nichts über sie. Das ist das, was Rachel glaubt ...

... eine Alkoholikerin mit zerrütteter Ehe und ausgeprägter Fantasie, die sich Leben und Tod von Anwohnern der Bahnstrecke ausmalt.

Sie sieht diese Menschen immer wieder und denkt sich Geschichten für sie aus, weil sie tatsächlich meint, sie zu kennen.

Im Roman schildern Sie die Bahnfahrt wie eine Kamerfahrt – haben Sie beim Schreiben schon die Verfilmung im Kopf gehabt?

Nein, so habe ich zu der Zeit auch gar nicht gedacht. Aber das Bahnfahren hat ja etwas extrem Filmisches. Wenn Landschaft und Häuser draußen vorbeiziehen, kommt man sich vor wie im Kino. Und in unserem kulturellen Bewusstsein sind Zugreisen und Thriller eng miteinander verknüpft, man denkt sofort an Patricia Highsmith und Agatha Christie...

... „Zwei Fremde im Zug“, „16 Uhr 50 ab Paddington“, „Mord im Orientexpress“.

Ja, auch wenn das noch andere Züge waren bei Agatha Christie – dieses Gefühl, mit Fremden eingeschlossen zu sein, durch einen Tunnel zu fahren und plötzlich wird es dunkel, überhaupt die Vorstellung, irgendwohin zu reisen, das erzeugt eine bestimmte Stimmung.

Sie sind Agatha Christie-Fan?

Als ich klein war, hab ich all ihre Bücher gelesen, das waren meine ersten Krimis. Da muss ich 12, 13 gewesen sein. Wir haben in Afrika gelebt, aber ich habe viele Bücher gelesen, die sehr englisch waren. Die kamen mir ziemlich exotisch vor. Andererseits haben diese Geschichten etwas Universelles. Und die Handlungsführung ist großartig. Mir gefällt dieses Tüfteln an der Lösung.

Hat es heutzutage nicht fast was Altmodisches, einen Krimi im Zug spielen zu lassen?

Schon, der Roman hat durchaus altmodische Aspekte. Dazu zählt auch Rachels Art des Voyeurismus – dass sie Menschen sozusagen live beobachtet. Heute macht man das ja meist online, über die sozialen Netzwerke wie Facebook. Auch im Zug gucken die meisten Leute nicht aus dem Fenster, sondern aufs Handy. Aber es ist etwas, was ich selber sehr gern mache. Es gefällt mir, rauszuschauen und mir auszumalen, was sich in den Häusern abspielt, die da an mir vorbeiziehen. So fängt man ja an, sich eine Geschichte auszudenken: indem man sich vorstellt, was Menschen treiben, wie das eigene Leben aussähe, wenn man in diesem Haus leben würde.

Ihre Kollegin, die Krimiautorin Val McDermid, hat kürzlich erzählt, wie gerne sie im Zug schreibt: „Das W-Lan ist meist katastrophal, der Handyempfang bestenfalls unregelmäßig, und die anderen Leute respektieren in der Regel Kopfhörer und geöffnete Laptops.“ Wie erleben Sie das?

Für mich ist der Zug ein richtig guter Ort zum Schreiben, vor allem bei längeren Fahrten. Wie ein fahrendes Büro. Ich könnte nie im Flugzeug schreiben, da kann ich nur Filme angucken oder lesen. Wenn es geht, nehme ich den Zug, ich fliege nicht gern.

Val McDermid hat sich fast dafür entschuldigt, Erste Klasse zu fahren.

Ich fürchte, ich sitze ebenfalls in der Ersten. Wenn man seine Ruhe haben und bequem sitzen will, hat man eigentlich keine Wahl. Und wenn man früh bucht, ist der Preis-Unterschied gar nicht so groß. Bahnfahren ist in England sowieso teuer.

Im Zug sieht man immer noch erstaunlich viele Leute lesen.

Ich liebe das selber, beim Schreiben wie beim Lesen, immer wieder den Blick zu heben. Das ist ja Teil des Vergnügens, dass die Szenerie sich ständig ändert. Man sitzt nicht da und starrt gegen die immerselbe Wand, die Landschaft wandelt sich. Das ist sehr inspirierend.

Der Zug im Roman ist verdammt langsam, rumpelt mehr als dass er fährt – kaum schneller als ein guter Jogger, schreiben Sie.

Das ist ein Problem der britischen Bahn, auf einigen Strecken ist es ganz schlimm. Ich bin früher selber gependelt, mit einem Zug innerhalb Londons. Und der ist dauernd stehen geblieben – Signalstörungen, Repaturarbeiten, immer war was. Wir hielten dann direkt neben den Häusern, so dass ich in die Gärten und Wohnzimmer gucken konnte. Die typische Pendlererfahrung: Man steckt fest, starrt aus dem Fenster, ist gereizt.

Die britische Bahn scheint ungefähr so zuverlässig wie Rachels Beobachtungen zu sein. Man bekommt häufiger Durchsagen zu hören, dass der Zug sich verspätet, weil Blätter auf den Gleisen liegen. Anfangs denkt man, das sei ein Witz.

Blätter auf den Gleisen oder die falsche Sorte Schnee, lauter Ausreden.

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