Frauen in Indien : Stolz & Vorurteil

Sie müssen schuften, werden belästigt – und haben ihr Selbstbewusstsein nicht verloren. Der Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt hat Frauen in Indien porträtiert.

Jesko zu Dohna
Savita, die Taxifahrerin - und ein skeptischer Blick von rechts.
Savita, die Taxifahrerin - und ein skeptischer Blick von rechts.Foto: Nicolaus Schmidt

Savita schaut auf die Straße. Ihre Hände umklammern das Steuer. Die Taxifahrerin wird von einem Mopedfahrer gemustert. Sein Blick ist voller Verachtung. Die junge Frau schaut einfach weiter auf die Fahrbahn (Foto oben links). Alltag in Delhi. „Vor dem Hotel haben sich die Portiers noch über sie lustig gemacht. Sie hat das einfach ignoriert“, sagt Nicolaus Schmidt.

Der 61-jährige Berliner Fotograf suchte selbstbewusste Frauen wie Savita, als er vor einem Jahr Zentral- und Nordindien bereiste – ein Projekt, aus dem nun ein Bildband geworden ist. Zusammen mit der indischen Journalistin Pryanka Dubey hat Schmidt gerade das Buch „India Women“ (Kerber Photo Art, 192 Seiten, 38 Euro) veröffentlicht.

Schmidt erzählt, dass es vor Jahren noch undenkbar war, eine Frau am Steuer eines Taxi zu sehen. Als eine Firma in Delhi beschloss, Fahrerinnen einzustellen, wurden diese sogar mitten in der City von männlichen Gästen begrapscht oder bespuckt. Trotzdem wollten viele der Frauen weiterfahren – aber nur noch für weibliche Kunden.

„Frauen haben Wahlrecht. Sie sind rechtlich gleichgestellt, aber die Realität sieht oft anders aus“, sagt Schmidt. Sie sind häuslicher Gewalt ausgesetzt, müssen auf Baustellen für einen Hungerlohn schuften oder werden schon als kleine Mädchen gegen ihren Willen verheiratet. Ein Problem ist das uralte Kastensystem: Frauen aus den unteren Kasten werden von sozial besser gestellten Männern drangsaliert oder sexuell belästigt. Erst wenige Monate bevor Nicolaus Schmidt nach Indien kam, am 16. Dezember 2012, hatte die brutale Massenvergewaltigung einer jungen Frau Entsetzen ausgelöst und Diskussionen über das Ansehen der Frau in der indischen Gesellschaft entfacht.

Seitdem hat sich die Lage ein wenig verbessert. In Rajasthan traf Nicolaus Schmidt zum Beispiel die 17-jährige Pinku. Barfuß stand sie vor einer Schiefertafel, vor ihr im Sand saßen Mädchen und hörten der ehrenamtlichen Lehrerin zu. Bis spät in die Nacht unterrichtete die Tochter aus der angesehenen Kriegerkaste der Rajputen Kinder der „unberührbaren“ Dalit-Kaste – gegen den Widerstand ihres Vaters. „Es ist ein absoluter Tabubruch, sich in Indien gegen die eigene Familie zu stellen“, sagt Schmidt.

Wie er ihr Vertrauen und das der Straßenarbeiterinnen oder Bäuerinnen erlangte? „Ich habe mich einfach dazugesetzt. Irgendwann ließen sie den Schleier fallen und erzählten.“

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