In-Vitro-Kinder : Es ist ein Junge!

Die Autorin Sibylle Lewitscharoff nannte In-Vitro-Kinder „Halbwesen“. Hier antwortet ihr eine Mutter – und erzählt von Verzweiflung und Tortur.

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Oliver (rechts, mit Mutter Maria) kam 1982 in Erlangen als erstes deutsches Retortenbaby zur Welt.
Oliver (rechts, mit Mutter Maria) kam 1982 in Erlangen als erstes deutsches Retortenbaby zur Welt.Foto: picture-alliance/ dpa

Wenn mein Sohn wüsste, wie sehr er gewünscht war, würde er sich freuen. Wenn mein Sohn wüsste, wie er gezeugt wurde, könnte er sich komisch fühlen. Deshalb möchte ich nicht, dass er erfährt, dass er ein In-Vitro-Kind ist. Er ist jetzt 18 Jahre alt, eigentlich sind wir immer ehrlich, aber was würde ihm diese Wahrheit nutzen?

Kürzlich hat die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff Kinder wie ihn als „Halbwesen“ bezeichnet und seine Zeugung mit Nazi-Methoden verglichen. Die Schriftstellerin kennt weder meine damalige Verzweiflung noch meinen Sohn.

Oktober 1990, ich heirate meinen Freund aus Unizeiten, im Januar 1991 lasse ich mir die Spirale rausnehmen. Mein Mann und ich feiern den Schritt mit einem Abendessen beim Italiener. Ich bin überzeugt, dass ich in den nächsten zwei Monaten schwanger werde. Wir essen Pizza und entwerfen unser Leben. Ich würde ein Kind bekommen, dann ein zweites, vielleicht ein drittes. Wir würden ein Haus kaufen, irgendwann einen Hund. Als ich klein war, hatten meine Eltern immer recht. Ich aber würde mich immer entschuldigen, wenn ich etwas falsch mache. Ich würde mein Kind besser erziehen.

Februar 1991, März, April, wir schlafen oft miteinander. Wenn die Periode einen Tag ausbleibt, rase ich in die Apotheke und hole einen Schwangerschaftstest. Nichts passiert. Mai, Juni, Juli. Ich beginne, die Temperatur zu messen. An den fruchtbaren Tagen ist mein Körper wärmer. Morgens um acht rufe ich meinen Mann aus dem Badezimmer herauf ins Bett, weil es gerade günstig ist. Wir lachen darüber.

August, September, Oktober. Ich wollte doch immer eine junge Mutter sein, meine kam mir als Kind mit 39 steinalt vor. Ich weine jetzt häufig.

Mein Frauenarzt schickt mich in eine Kinderwunschpraxis. Ich sitze zwischen depressiven Frauen, keine spricht. Wahrscheinlich schämen sie sich, glauben, so wie ich, versagt zu haben.

Der Arzt, braun gebrannt, Typ Segler, empfängt mich im Ledersessel hinter seinem schweren Schreibtisch. Das ist keine Beratung, das ist eine Audienz, denke ich. Wie am Fließband verschreibt er Hormone. Was der an mir verdienen muss?

November, Dezember, neues Jahr. Ich male Temperaturtabellen. Mein Mann und ich lachen längst nicht mehr über unseren Sex nach Plan; Lust haben wir auch keine mehr. Der unfreundliche Frauenarzt verschreibt mir Inseminationen, „introzytoplasmatische Spermieninjektionen“. Ich sitze auf einem gynäkologischen Stuhl, der schnöselige Arzt führt einen beweglichen Schlauch zu meiner Gebärmutter. Ich denke nicht darüber nach, wie komisch das aussieht, es ist notwendig.

Mein Mann masturbiert im Nebenzimmer. Wie er sich dabei fühlt, besprechen wir nie. Einmal sagt der Arzt: „Die sind aber auch schlapp, diese Spermien.“ Mein Mann macht ein Spermiogramm, man testet, wie viele, wie beweglich seine Spermien sind. Es liegt nicht an ihm. Es liegt an mir.

Morgens wache ich heulend auf. Um mich herum werden alle Freundinnen schwanger, ich sehe nur noch Bäuche und Kinderwagen. Auf dem Weg zum Flughafen breche ich weinend zusammen. „Soll das jetzt immer so weitergehen?“, fragt mein Mann. „Ja“, schreie ich. „Bis wir ein Kind bekommen.“

Mein Psychoanalytiker sagt: „Sie müssen erst ihr Problem mit ihrer Mutter lösen, bevor sie selbst eine werden können.“ Ich glaube ihm, er kennt mich schon so lange. Ich lese Ratgeber. Ich gebe mir die Schuld. Ich arbeite an mir. Ein anderer Arzt rät mir zu autogenem Training. Und dazu meinen Beruf aufzugeben. Wird man am Herd leichter schwanger?

Mein Mann und ich reden über Adoption. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber wer weiß, wie ich darüber denke, wenn es weiter nicht klappt. Mein Mann sagt, dass das Leben auch ohne Kind schön werden kann. „Wir können reisen, teuer essen gehen, in schicken Hotels wohnen.“ Ich weine immer weiter.

Dann bekommen wir einen Termin bei einer anderen Kinderwunschpraxis. Ich ziehe mein schönstes Kleid an, schwarz, knöchellang, binde ein oranges Tuch um meine Hüften. „Haben Sie schon mal eine Bauchspiegelung gemacht?“, fragt der Arzt als Erstes. Ich könnte ihn umarmen. Endlich tut jemand was. Tage später blasen sie meinen Bauch auf, machen Fotos und Videos von meinen Eileitern.

„Ich habe schlechte Nachrichten“, sagt der Arzt. „Ihre Eileiter sind komplett dicht.“ Ich scheine eine Chlamydieninfektion gehabt zu haben, als ich jünger war, bis heute weiß ich nicht, von welchem Mann. Ein ganzes Jahrzehnt hatte ich mit einer Kupferspirale verhütet, weil ich die Pille nicht vertrug. Dass die Spirale Infektionen begünstigt, dass junge Frauen, die noch Kinder bekommen wollen, deshalb auf keinen Fall so verhüten sollen, hat man mir damals nicht gesagt. Vielleicht hatte man es einfach noch nicht erforscht. Eine amerikanische Studie hat inzwischen ergeben, dass 16 Prozent unfruchtbarer Frauen ihre Kinderlosigkeit der Spirale zu verdanken haben.

„Sie können niemals auf normalem Weg schwanger werden“, sagt der Arzt noch. Ich erschrecke weniger, als ich dachte. Immerhin eine Antwort. „Sie können aber eine In-Vitro-Befruchtung versuchen.“ Endlich ein Fahrplan!

Der Arzt klärt mich auf: das Risiko, dass mein Kind eine Behinderung hat, ist ganz leicht erhöht, weil bei dieser Methode Samen zur Eizelle gebracht werden, die es sonst nie geschafft hätten. Auch das Risiko für Mehrlingsschwangerschaften steigt. Jedes zweite Zwillingspärchen in Deutschland hat eine In-Vitro-Geschichte. Gefäße könnten bei der Eizellenentnahme verletzt werden, Eileiterschwangerschaften werden wahrscheinlicher. Und die Hormonkur wird nicht angenehm. Ist mir alles egal.

Ich erzähle meinem Vater von unserem neuen Fahrplan. Die katholische Kirche hat die künstliche Befruchtung verurteilt, als Eingriff in Gottes Schöpfung. Mein Vater findet, die Kirche hat recht. Künstlich, sage ich, sei der falsche Begriff. Echte Eizelle, echter Samen, nur der Ort der Zeugung, die Petrischale, ist unnatürlich. Erst später, als die Kirche ihre Meinung ändert, kann auch mein Vater meine Entscheidung gutheißen.

Ich bekomme Hormontabletten, ab dem neunten Zyklustag jeden Tag eine Spritze. Bestimmte Hormone werden unterdrückt, andere stimuliert. Die Hormone bringen die Eileiter dazu, mehr als eine Eizelle zu produzieren. Ich fühle mich wie ein Backrohr, mein Unterleib ist warm und aufgebläht. Ich schwitze mehr als sonst und bin gereizt.

Um Mitternacht muss ich zur Klinik fahren. Sie spritzen mir das Hormon HCG. Das löst nach 36 Stunden den Eisprung aus. Von einem Ultraschall begleitet stechen die Ärzte mit einer Nadel durch meine Scheidenwand und saugen die Eizellen ab. Es dauert nur ein paar Minuten. Die Zellen kommen in ein Reagenzglas mit dem Sperma meines Mannes. Zwei davon befruchten sich, eine, sagt die Ärztin, sei wunderschön. Ich freue mich so sehr. Das, denke ich, wird mein Kind werden.

Nach 48 Stunden werden beide Eizellen an meine Gebärmutter gespritzt. Die Märzsonne scheint in mein Einzelzimmer, ich habe die Beine hochgelegt und spreche zu meinen ungeborenen Kindern. „Krallt euch fest“, sage ich. „Bleibt bei mir.“ Die Eier sollen an der Gebärmutter anwachsen. Das klappt nur etwa in 30 Prozent aller Fälle. Wenn, dann weiß ich exakt, an welchem Tag mein Sohn gezeugt wurde. Wer kann das schon von sich sagen?

Etwa zwei Wochen später, meine Brust schmerzt. Wieder nichts, denke ich und schluchze. Es ist das typische Ziehen, das meine Regel ankündigt. Aber die Blutung bleibt aus. Ich bin tatsächlich schwanger. Nun nehme ich 16 Kilo zu, mir ist nie übel, das Kind bewegt sich in meinem Bauch wie ganz viele Schmetterlinge. Ich rauche keine Zigarette mehr, trinke keinen Alkohol, tue nichts, was dieses hart erlittene Kind gefährden könnte. Meine Psychoanalyse breche ich ab.

Es ist ein Junge, und ich bin eine ältere Mutter, als ich es sein wollte. 36, aber so glücklich wie noch nie. Als mein Sohn ein Jahr ist, versuchen wir es noch mal. Ich spüre, dass es nichts mehr wird, ich bin nicht mehr bereit zu einer erneuten Tortur. Umso älter, umso geringer die Chance.

Ich verstehe, dass die neue Technologie Fragen aufwirft: Ist es Mord, befruchtete Embryonen zu vernichten? Darf man Designerbabys schaffen, blaue Augen, schwarze Haare, wie bestellt? Dürfen Kinder als Spender für andere gezeugt werden wie neulich in Frankreich? Dürfen geschlechtsoperierte Frauen Mütter werden? Wird es bald künstliche Gebärmütter geben?

Ich weiß die Antworten nicht.

Die Geschichte der Mutter und ihrer Familie hat Julia Prosinger protokolliert.

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