Jens Mühling lernt Türkisch : „Siyah-beyaz“ heißt „schwarz-weiß“

Etwa in der Mitte des Gesprächs verlor Herr Yilmaz merklich die Geduld. Er sprach mit mir, wie man mit einem Vierjährigen spricht: ein bisschen langsamer als nötig, ein bisschen bildreicher als nötig.

„Du musst es dir vorstellen wie die Geschichte mit dem Stadtschloss in Berlin“, sagte er. „Manche finden es gut, dass es wiederaufgebaut wird, andere nicht so gut.“

Ich nickte wie ein Vierjähriger.

„Und jetzt stell dir vor, dass diejenigen, die es nicht so gut finden, auf dem Schlossplatz demonstrieren, und die Frau Merkel schickt denen dann die Polizei auf den Hals, und das finden die natürlich erst recht nicht gut, und dann ketten die sich an den Bäumen fest ...“

Ich sah Herrn Yilmaz an wie ein Schaf. „Welche Bäume?“

Herr Yilmaz ist ein türkischer Gemüsehändler aus meiner Kreuzberger Nachbarschaft, und meine Begriffstutzigkeit hatte einen einfachen Grund: Während einer mehrmonatigen Asien-Reise waren die Ereignisse auf dem Taksim-Platz in Istanbul weitgehend an mir vorbeigegangen.

Seit meiner Rückkehr vor ein paar Tagen versuche ich nun, mich durch Gespräche mit meinen türkischen Nachbarn auf den aktuellen Stand zu bringen. Leider ist es ein bisschen wie bei einer Seifenoper: Wenn man die ersten hundert Folgen verpasst hat, kommt man einfach nicht mehr rein.

„Aber mit den Bäumen hat doch alles angefangen!“, rief Herr Yilmaz verzweifelt.

„Ja“, sagte ich. „Aber das war im Pilotfilm!“

Das sagte ich natürlich nicht wirklich, ich dachte es nur. In Wirklichkeit nickte ich wie ein vierjähriges Schaf.

Erschwerend kommt hinzu, dass über die Ereignisse auf dem Taksim-Platz offenbar wenig Einigkeit besteht – jedenfalls nicht in den Straßenzügen rund um den Viktoriapark. Beim Bäcker in der Kreuzbergstraße zum Beispiel erklärten mir wechselnde Gesprächspartner, die Schuld an den eskalierten Auseinandersetzungen liege allein bei:

– Premierminister Erdogan;

– der türkischen Opposition;

– gottlosen Krawallmachern;

– westlichen Geheimdiensten;

– dem Kapitalismus;

– Claudia Roth.

Der Bäckereibetreiber vertraute mir außerdem eine komplizierte Theorie an, die mit den Schwankungen des internationalen Goldpreises zu tun hat. Ich habe sie nicht ganz verstanden, aber sie klang für mich auch nicht unplausibler als die Titelgeschichte des aktuellen „Spiegel“, oder vielmehr das, was mir der kurdische Kioskbetreiber in der Yorckstraße über die Titelgeschichte des „Spiegel“ erzählt hat, von der ich bisher nur die Überschrift kenne: „Weiße Türken, schwarze Türken“.

Diese Schwarz-Weiß-Formel teilt, wenn ich den kurdischen Kioskbetreiber richtig verstanden habe, die Türkei in zwei Lager auf: Türken, die „Spiegel“-Redakteuren ähneln (weltgewandte, aufgeklärte, sexuell freizügige Großstädter) und Türken, die „Spiegel“-Redakteuren nicht ähneln (frömmelnde, anatolische Kopftuchbäuerinnen). Der kurdische Kioskbetreiber, der ein kluger Mann ist, findet diese Aufteilung begreiflicherweise etwas schwarz-weiß, nicht zuletzt deshalb, weil er selbst unter „weißen Türken“ eher minderheitenfeindliche Atatürk-Fanatiker versteht und unter „schwarzen Türken“ Kurden, Aleviten, Roma und sonstige Außenseiter des großtürkischen Gedankens.

Zusammenfassend kann ich nach meiner Nachbarschaftsrecherche über die Ereignisse auf dem Taksim-Platz bisher nur sagen, dass es unter Türken offenbar mehr Meinungsschattierungen gibt als der Regenbogen Farben hat.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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