Kreative in Paris : Die neue Bohème von Montmartre

Hier malten Picasso, Matisse, van Gogh – heute sieht man überall nur noch billige Imitate. Doch es gibt sie immer noch, die Kreativen. Eine Spurensuche im Pariser Norden

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Der weiße Riese: Die Balisique du Sacré-Coeur überragt alles.
Der weiße Riese: Die Balisique du Sacré-Coeur überragt alles.Foto: Imago

Sie keucht. Obwohl es nur ein paar Meter sind von der Rue des Abesses hinauf zum Atelier. Steil ist der Weg über Kopfsteinpflaster der Rue Ravignan zur kleinen Place Émile Goudeau. Schon draußen sieht hier alles wie gemalt aus: die grünen Bänke, die dichten Bäume, die alten Fassaden, die Kandelaber. Vor dem Schaufenster mit den grünen Fensterrahmen bleibt sie stehen, betrachtet kurz die Auslage, Kunstgeschichte in schwarz-weiß.

Chantal Casanova grinst. Die dunkelblonden Haare der Fotografin, Ende 40, kein Künstlername, bedecken fast ihren gesamten Rücken, der milde Wind des Frühlingsmorgens wirbelt sie sanft umher. „Alle denken, dass das hier das Bateau-Lavoir ist“, sagt sie. Auf der Suche nach dem Ort, an dem Pablo Picasso die ersten Werke des Kubismus malte, bleiben die Nasen der Touristen an dieser Scheibe der Nummer 11bis kleben. Die Mutigen klopfen, hören nichts, ziehen weiter den Berg hinauf zur Place du Tertre, wo sie das zu finden glauben, wofür dieser Hügel im Pariser Norden einst berühmt wurde. Leinwände, Staffeleien, Baskenmützen. Porträtzeichner mit Fantasiepreisen, tausendfache Replikate, in China produziert, am Platze mit ein paar letzten Pinselstrichen verfeinert.

Montmartre, früher Heimat genialer Maler, Bildhauer und Dichter, Sehnsuchtsort der Trinker. Hier malte Picasso seine Demoiselles d’Avignon, van Gogh seine Gemüsegärten, Toulouse-Lautrec seine Plakate fürs Moulin Rouge, das Künstler und Vergnügungssüchtige anzog. Um 1900 fand sich hier eine kreative Energie, die in ihrer Ballung bis heute einmalig ist.

Heute muss man ganz genau hinsehen, um noch ein wenig Bohème zu finden.

Wer den Pfaden der Guides folgt, sieht nur noch Disneyland. Aussteigen bei Anvers, vorbei an tausenden Eiffeltürmen in pink, gelb, grün, blinkend, Kühlschrankmagneten in Baguette-Form, diese Straße will kein Klischee auslassen auf den 150 Metern hinauf zum Karussell, das sich seit der „Fabelhaften Welt der Amélie“ noch typischer dreht. Hier keucht nur der Funiculaire, 2000 Menschen in der Stunde schleppt der schräge Aufzug hoch zur Basilique du Sacré-Cœur, angegrauter weißer Riese auf 130 Metern über Paris. Oben Barden und Bierverkäufer.

Chantal Casanova holt die Schlüssel aus ihrer Umhängetasche und geht eine Tür weiter, Nummer 13. „Ateliers du Bateau-Lavoir“ steht auf einer goldenen Plakette an der grünen Tür. Ein so unscheinbarer Flachbau, dass hier niemand anklopft.

Le Bateau-Lavoir haben sie es genannt, weil man, um zu den Ateliers zu gelangen, eine schmale Holztreppe hinabsteigen musste, wie in den Bauch eines Bootes. Und weil die Ateliers so rudimentär, so erbärmlich waren, dass es keine Heizung gab und nur einen Wasserhahn für alle, ein Lavoir im Innenhof. Benutzt vom Niederländer Kees van Dongen, der Tänzerinnen porträtierte und seine Fauvisten- Freunde empfing. Dem Italiener Amedeo Modigliani, der Akte zeichnete, in ständiger Angst, seine Miete nicht zahlen zu können. Und natürlich Picasso, der hier Gertrude Stein malte, die ein- und ausging wie Guillaume Apollinaire, Henri Matisse und Jean Cocteau. Eine Zeit, die die große Schau „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ in der Frankfurter Schirn gerade einzufangen versucht.

Die grüne Tür öffnet sich, kaum Licht fällt auf die schmale Treppe, die zumindest an den Handläufen noch holzverziert ist. Denn natürlich, sagt Chantal Casanova, ist das hier nicht mehr das Original. Das Gebäude ist Anfang der 70er Jahre abgebrannt, nachdem es jahrelang leergestanden hatte. Vermutlich hat jemand nachgeholfen, ein Streichholz reichte und das Bateau-Lavoir brannte so hell, dass die Flammen bis nach Paris zu sehen waren.

Doch kein Museum hat Paris hierhergebaut, keinen Schrein mit Picasso-Devotionalien. „Kaum jemand weiß, dass hier heute wieder 25 Künstler arbeiten“, sagt Chantal Casanova und tritt in den Innenhof, der sich am Fuße der Treppe öffnet.

Künstler wie sie, moderne Bohème. Mit den hellbraunen Stiefeln über der weißen Jeans, der beigefarbenen Bluse sieht Casanova nicht wie jemand aus, der sich abends am Ofen wärmt und ein Bild gegen ein Essen eintauscht, im Hof Gitanes raucht und billigen Rotwein trinkt.

Wo früher einmal der schiefe Holzschuppen stand, dreckig, staubig, einsturzgefährdet, erhebt sich nun ein heller Kastenbau, drei Etagen mit Außentreppen, weiße Türen, kein Farbspritzer ist zu sehen. Die neue Bohème haust zwar versteckt, aber ordentlich und sauber.

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