Miley Cyrus auf der Abrissbirne : Die nackte Kanone

Miley Cyrus hat dieses Jahr ihr Image gewechselt – vom anständigen Mädchen zur Skandalnudel. Doch womit kann ein Popstar noch schocken?

Tim Renner
Miley Cyrus’ „Wrecking Ball“ ist das meistgeklickte Video des Jahres.
Miley Cyrus’ „Wrecking Ball“ ist das meistgeklickte Video des Jahres.Foto: pa/Photoshot

Na toll, dieses Bild werden wir jetzt ewig im Kopf haben: Miley Cyrus nackt auf der Abrissbirne. Sehen wir künftig eine Stahlkugel mit Kette, werden wir uns automatisch Frau Cyrus dazudenken. Ihr Musikvideo „Wrecking Ball“ ist 371 Millionen Mal angeklickt worden und damit das meistgesehene des Jahres. Aber ich denke, das war gar nicht ihre primäre Absicht. Das Video steht eher für das verzweifelte Bemühen einer Generation, sich von ihren leider ziemlich coolen, weil popsozialisierten Eltern abzugrenzen.

Es ist ja natürlich, dass sich eine heranwachsende Generation von der vorigen abgrenzen will. Das bedeutet: ein Geheimnis schaffen, eigene Codes kreieren, Konflikte inszenieren. Früher gab es dafür ein einfaches, effektives Mittel – nämlich Pop- und Rockmusik. Hier griff die Zehn-Jahres-Regel, also: Etwa alle zehn Jahre tauchte eine neue, die Alten verstörende Stilrichtung auf.

Das lässt sich durchdeklinieren von Rock’n’Roll über Beat und die Hippie-Bewegung, über Punk und Techno bis hin zur Übertragung der US-amerikanischen Hip-Hop-Gangstarapper nach Deutschland. Dass Jugendliche mit neuen Musikstilen so gut provozieren konnten, lag auch daran, dass die Erwachsenen mit ihrem Eintritt ins wahre Leben, also mit Job, Partner, Kindern und Haus, auch ihren eigenen Rock-’n’-Roll-Lifestyle abgelegt haben – und sich dann entweder der Hochkultur, sprich Klassik und Jazz, zugewandt haben oder aber, bei geringerer Bildung, freiwillig ins Schlager- und Volksmusiklager gewechselt sind. Die waren dann saturiert, und man konnte sie gut schocken mit neuartiger Musik.

Den Gefallen tun wir heutigen Erwachsenen unseren Kindern leider nicht mehr. Wir interessieren uns weiterhin für Pop- und Rockmusik, informieren uns auch. Im Gegensatz zu unseren eigenen Eltern früher haben wir den massiven Vorteil, dass wir dank des Internets sehr schnell direkte Zugänge in alle Szenen bekommen, die uns sonst womöglich verschlossen blieben. Ich sehe das an mir selbst: Ich kenne keinen Musikstil von Dubstep bis Minimal Techno, bei dem ich der Meinung wäre, ich hätte ihn nicht verstanden. Klar mag ich das nicht alles, aber ich begreife, worum es jeweils geht, was die Akteure wollen.

Unsere Generation ist extrem übergriffig. Wir eignen uns Codes der Jugendlichen einfach an, besetzen sie, auch sprachlich. Da gibt es jetzt zum Beispiel das blöde Wort „Babo“. Das verstehen wir vielleicht nicht direkt, aber küren es dann eben zum „Jugendwort des Jahres“ und adaptieren es somit. Ein anderes Beispiel: Wenn ich im Hotel einchecke, sagen mir Menschen in meinem Alter Sätze ins Gesicht wie „Da drüben können Sie gut chillen“. Chillen! Die reden wie meine Töchter, sind aber 20 Jahre älter.

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