Modetrend Health Goth : Black Power

Man trägt jetzt „Health Goth“ – schwarz, sportlich und futuristisch. Diese Mode zeigt, wie fix Jugendkultur im Internet entsteht und sich durchsetzt.

Carl Jakob Haupt,David Kurt Karl Roth
Dunkel ist das neue Schick.
Dunkel ist das neue Schick.Fotos: Promo, Getty

Es gab Zeiten, da war von Teenagern noch ziemlicher Einsatz gefragt, um Teil einer Jugendkultur zu werden. Mitte der 1970er Jahren rebellierten Punks gegen das eigene Elternhaus, das Establishment und den Idealismus der Hippie-Bewegung, indem sie sich einen Irokesen-Haarschnitt rasierten, das eigene Gesicht mit Sicherheitsnadeln zerstachen und mindestens zwei Haarfarben auf dem Kopf trugen. Man tanzte Pogo zu den Sex Pistols, pöbelte, soff und frönte der Anarchie auch mit voller Härte gegen sich selbst.

Heute braucht ein Jugendlicher nur das Internet. Er muss nicht auf der Straße auffallen, sich nicht mit den Eltern fetzen oder mit gegnerischen Jugendgangs prügeln (Punks vs. Skinheads). Will er zu einer Strömung aufschließen, klickt er auf Webseiten, wo die Jugend, die kritische Masse für eine solche Bewegung, sich aufhält oder miteinander kommuniziert. Nicht mehr in der Disco, nicht mehr auf dem Friedhof, sondern auf Plattformen und in Netzwerken wie Tumblr, Instagram, Youtube, Twitter, Facebook oder Snapchat. Im Internet kommt es zu einem Culture-Clash aus Musik, Kunst und Mode, wie ihn die Straße seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Es findet ein permanenter Austausch statt, gemeinsame Sichtweisen entstehen, zwischen Los Angeles und Brandenburg ergeben sich Synergien, die bestenfalls in Trends gipfeln – wie „Health Goth“.

Die Gesundheits- Grufties (grobe Übersetzung) propagieren einen schwarzen, futuristischen und körperbetonten Look. Im Gegensatz zu jüngeren modischen Bewegungen wie dem Hipstertum wird im Health Goth nicht die Vergangenheit neu interpretiert, sondern ein Aussehen für den Übermenschen der Zukunft erschaffen. Es geht um Perfektion: stärker, schneller, besser zu sein. Health Goth ist der stilistische Ausdruck des aus den USA stammenden „Quantified Self“ – in dem man durch die tägliche Vermessung des Körpers (Schlafdauer, Kalorienzahl, Fettanteil) die bestmögliche Selbstoptimierung erreichen will. Das Smartphone registriert inzwischen Pulsfrequenz und Herzschlag, dieser Technik ordnet sich das Outfit unter: körperbetonte Funktionsbekleidung aus dem Leistungssport von Marken wie X-Bionic oder Under Armour zu Sicherheitswesten aus dem Military-Shop und Hightech-Sneakern aus Neopren – alles in Schwarz selbstverständlich.

Die Idee ist nicht grundsätzlich neu, sondern eine Weiterentwicklung der nach wie vor beliebten Herangehensweise, sportliche Komponenten zu verwenden. Seit den Olympischen Spielen von London 2012 ließen sich Modeschöpfer für ihre Entwürfe von Laufsport, Basketball oder Taekwondo inspirieren. Selbst eine traditionsverliebte Luxusmarke wie Chanel zeigte auf dem Laufsteg Turnschuhe zu opulenten Kleidern.

Neben jungen Marken wie Cottweiler und Whatever21 ist es vor allem Kleidung von Sportartikelherstellern wie Nike, Puma, Adidas oder deren von Yohji Yamamoto betreuter Linie Y-3, die für den Zukunftstechno von Health Goth stehen. Die „New York Times“ betitelte daher ihren Trendbericht über Health Goth im Dezember mit „When Darkness and Gym Rats Meet.“ Wo Düsternis und Fitness-Freaks aufeinandertreffen.

Den übergeordneten Begriff ausgedacht haben sich drei Männer aus Portland. Mike Grabarek und Jeremy Scott, zwei Musiker der R-&-B-Band „Magic Fades“, sowie der Video-Künstler Chris Cantino. Zusammen erstellten sie im April 2013 eine Facebook-Seite, auf der sie Bilder und Videos veröffentlichten, die ihrer Vorstellung nach eine düster-dystopische Welt vorhersagten: futuristische Beinprothesen, luftdurchlässiges Textilgewebe wie Mesh, Synthetikoberflächen, von denen Wasser abperlt, ein durchtrainierter Mann im transparenten Netzoberteil, eine Jacke, die in der Dunkelheit Licht reflektiert, oder Handschuhe, mit denen sich dank rutschhemmendem Silikon das Touchscreen des Smartphones auch an kalten Tagen bedienen lässt.

Die Bilderwelten, die auf der Facebook-Seite von Health Goth erschienen, waren nicht selbst produziert. Das Trio nutzte bereits vorhandenes Material aus Werbung oder Internetkunst, das es unter Eingabe von Suchkriterien wie „ Body Enhancement Tech“, „gerenderte Umgebung und Objekte“ oder „feuchtigkeitsabweisende Stoffe“ fand. Die Eigenleistung bestand nicht mehr in der Kreation eines Originals, sondern in der Suche nach bestimmten Merkmalen und deren Auswahl. Die Erfinder des Health Goth waren wie Kuratoren, ihr Museum war das Facebook-Profil.

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