Mörderische Ideen : Erfindungen mit Todesfolge

Sie schenkten der Welt U-Boot, Radium, Druckmaschine, Segway... und starben daran. Sieben Pioniere des Fortschritts, denen ihre Visionen zum Verhängnis wurden

von
Franz Reichelt sprang in diesem Kostüm vom Eiffelturm.
Franz Reichelt sprang in diesem Kostüm vom Eiffelturm.Foto: bpk

Franz Reichelt (1879-1912). Reporter und Fotografen sind gekommen, na klar, er hat sie schließlich eigens herbestellt. In seinem selbstgeschneiderten Anzug posiert Franz Reichelt auf dem Rasen vorm Eiffelturm, dreht sich um die eigene Achse, lässt sich ausgiebig von allen Seiten filmen. Dann betritt er den Aufzug, rauf zur ersten Plattform. Von hier oben will er sich aus 57 Metern in die Tiefe stürzen. Das Stoffungetüm, so der Plan, werde durch den Luftwiderstand seinen Fall bremsen. Die Pariser Stadtverwaltung hat den Sprung genehmigt, auch wenn es später heißen wird, der zuständige Sachbearbeiter habe nur deshalb zugestimmt, weil er glaubte, Reichelt wolle statt sich selbst eine lebensgroße Puppe fallen lassen. Es ist Sonntag, der 4. Februar 1912, und Franz Reichelt, ein österreichischer Tüftler und Draufgänger, möchte sich endlich die 10 000 Franc Belohnung verdienen. Der Aéro-Club de France hat sie demjenigen versprochen, der einen Fallschirm mit höchstens 25 Kilo Gewicht baut – und dann auch ausprobiert. Dass die Selbstversuche von Flugpionieren leicht tödlich enden, ist bekannt: 16 Jahre zuvor hat sich der Berliner Otto Lilienthal am Hängegleiter in den Tod gestürzt. Reichelt verfügt zwar über wenig Physikkenntnisse, ist dafür ein erfahrener Schneider. Ein Journalist will wissen, ob Reichelt sein Fledermauskostüm ausreichend getestet habe. Hat er. Dabei brach sich Reichelt zwar das Bein, doch der Erfinder glaubt, dies habe nur an der zu geringen Sprungdistanz gelegen. Oben auf der Plattform steht der 33-Jährige mehr als eine Minute unschlüssig auf dem Geländer,  wippt vor und zurück, setzt wiederholt zum Sprung an, hält jedes Mal inne. Dann kippt er doch nach vorn und stürzt senkrecht in die Tiefe. Der Stoff flattert nicht einmal, Franz Reichelt schlägt ungebremst auf dem Rasen auf und ist sofort tot.

Alexander Bogdanow (1873-1928). Die Idee zur Bluttransfusion gibt es seit dem Mittelalter. Frühe Versuche enden meist tödlich, was auch daran liegt, dass Spender und Empfänger höchstens durch Zufall dieselbe Blutgruppe haben – die Existenz der vier verschiedenen Klassen wird erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Wiener Pathologen Karl Landsteiner entdeckt. Alexander Bogdanow, ein renommierter russischer Arzt, Philosoph, Marxist und Science-Fiction-Autor, möchte das Transfusionsverfahren weiter verbessern. Er ist davon überzeugt, dass auch gesunde Menschen vom Blutaustausch profitieren – Bogdanow hofft auf eine stimulierende Wirkung und einen Jungbrunnen-Effekt. Um das zu beweisen, gründet er 1926 in Moskau das „Institut der Blutlehre und Bluttransfusion“. Finanziell unterstützt wird er von Stalin, dem er zuvor die Verjüngung der gesamten Sowjetspitze versprochen hat, auch ein militärischer Nutzen scheint greifbar. Alexander Bogdanow beginnt eine Reihe von Selbstversuchen. Nach elf Transfusionen zieht der 54-Jährige ein euphorisches Zwischenfazit: Seine Sehstärke habe sich durch die Aufnahme fremden Bluts verbessert, der Haarausfall nachgelassen. Ein Kollege attestiert Bogdanow, er wirke nun „sieben, nein, zehn Jahre jünger“. Für seinen zwölften Selbstversuch lässt sich Bogdanow einen Liter Blut eines Tuberkulose- und Malariakranken spritzen. Erst versagt seine Niere, später auch das Herz. Weshalb genau Bogdanow stirbt, ist bis heute umstritten. Der Tuberkulosekranke überlebt und wird geheilt.



Thomas Midgley (1889-1944). Er ist studierter Maschinenbauingenieur, arbeitet aber als Chemiker bei „General Motors“. Insgesamt 170 Patente meldet der US-Amerikaner im Laufe seines Lebens an, darunter auch zwei folgenschwere: 1921 entdeckt er die Wirksamkeit von Tetraethylblei als Antiklopfmittel in Ottomotoren, fortan wird es standardmäßig Benzin beigemischt. Bei der Abfüllung klagen Arbeiter über Wahnvorstellungen und Gleichgewichtsstörungen, doch Midgley ist fest von der Ungefährlichkeit seines Zusatzstoffes überzeugt: Vor Zeugen inhaliert er absichtlich Bleidämpfe. Es dauert zehn Monate, bis die schwere Vergiftung auskuriert ist. 1924 gelingt Midgley die Synthetisierung des ersten Fluorchlorkohlenwasserstoffes (FCKW). Erneut will er die Unschädlichkeit seiner Erfindung beweisen, auch das neue Gemisch atmet er vor Publikum ein. Diesmal bleibt er gesund, das Mittel wird bald weltweit in Millionen Kühlschränken eingesetzt und Midgley gefeiert, weil nun auf explosive und giftige Kühlmittel verzichtet werden kann. Die ozonschädigende Wirkung des FCKW werden Wissenschaftler erst nachweisen, als Thomas Midgley schon lange tot ist. Im Alter von 51 Jahren erkrankt dieser an Kinderlähmung. Er entwirft seine finale Erfindung: eine Vorrichtung aus Seilen und Rollen, mit der er sich künftig vom Bett in den Rollstuhl heben lassen kann. Wochen später verheddert sich der Mann, dem der US-Historiker John Robert McNeill einen „größeren Einfluss auf die Atmosphäre“ zusprechen wird „als jedem anderen Organismus der Erdgeschichte“, in einem Seil und stranguliert sich selbst.

Jimi Heselden (1948-2010). Zwei Räder, senkrechte Lenkstange, kleine Plattform zum Draufstehen. Ob das Segway ein topmodernes oder eher peinliches Fortbewegungsmittel ist, wird schon kurz nach Markteinführung im Jahr 2001 kontrovers diskutiert. Gegen Ende der Nullerjahre sieht man die elektrobetriebenen Geräte auch auf deutschen Straßen vermehrt, in Berlin kommen sie vor allem bei geführten Touristentouren zum Einsatz, anderswo werden sie auch von Polizei und Ordnungsamt benutzt. Dies soll erst der Anfang sein: Jimi Heselden, britischer Unternehmer und Multimillionär, möchte das Segway zum Massenprodukt machen. Als Besitzer der Herstellerfirma „Segway Inc.“ verwendet er das Gerät, das sich ausschließlich durch Gewichtsverlagerung steuern lässt, auch privat. Am 26. September 2010, es ist Sonntagvormittag, ist Heselden in seiner Heimat West Yorkshire unterwegs. Unweit seines Wohnhauses rollt er einen unebenen, schmalen Weg am Rand eines Steilhangs entlang. Dabei verliert er die Kontrolle und stürzt 13 Meter in die Tiefe. Seine Leiche wird später in einem Flussbett gefunden, der Gerichtsmediziner stellt Verletzungen an Brustkorb und Wirbelsäule fest. Ermittler rekonstruieren den Unglückshergang: Offenbar kam dem 62-Jährigen auf seiner Fahrt ein Spaziergänger mit Hund entgegen. Aus Höflichkeit habe Heselden den Fremden passieren lassen wollen und deshalb, auch das kann ein Segway, ein Stück zurückgesetzt. Leider zu weit. Einen Technikfehler schließen die Ermittler aus.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben