Wohnt hier ein Rechtsextremer?

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Nazijäger Erardo Rautenberg im Interview : "Es bringt nichts, den Nationalismus nur abzulehnen"
Wahlkampf 2017. SPD-Kandidat Rautenberg und seine Frau Katrin.
Wahlkampf 2017. SPD-Kandidat Rautenberg und seine Frau Katrin.Foto: MAZ/Benno Rougk

Um was ging es im Gros der Verfahren? Hakenkreuzschmierereien?

Das hätte mich nicht groß beunruhigt. Es handelte sich meist um Gewalt gegen Personen. Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem Rechte einen Afrikaner aus dem Zug geworfen haben sollen. Dabei verlor er ein Bein. Die Täter wurden nie ermittelt. Der Afrikaner sollte später abgeschoben werden. Da habe ich mit der Ausländerbeauftragten darauf hingewirkt, dass er als potenzieller Zeuge in Deutschland bleibt, weil die Täter ja noch gefasst werden könnten. Jemanden mit einer Prothese nach Afrika zurückzuschicken, ist doch unerträglich.

Sie haben selbst mehrmals Morddrohungen bekommen, zum Beispiel von einer Gruppe namens „White Aryan Rebels“.

Man weiß, dass man Angriffsflächen bietet, wenn man einer Behörde vorsteht, die diese Straftaten konsequent verfolgt.

Wie gingen Sie gegen die Rechten vor?

Zunächst versuchte ich, das Ganze in den Griff zu bekommen, indem ich die Strafverfolgung intensivierte.

Der Kirsten-Heisig-Ansatz: schnelle Urteile, harte Strafen.

Sich auf die besonders Schlimmen konzentrieren und aus dem Verkehr ziehen. In Neuruppin habe ich angefangen, rechte Straftäter namentlich zu erfassen. Das Furchtbare war: Es standen immer wieder neue Namen auf der Liste.

Damals waren rechte Vorstellungen Teil der Jugendkultur.

Sehr diplomatisch ausgedrückt. Die Jugendkultur wurde von rechtsextremem Gedankengut dominiert. Mich hatte mal 1994 eine Lehrerin gebeten, mit ihren Oberstufenschülern zu diskutieren. Doch ich stieß auf eine Front der Ablehnung. Einigen sah ich an, dass sie anders dachten, aber die trauten sich nicht, etwas zu sagen. Damals kam bei mir der Gedanke auf: Es bringt nichts, den Nationalismus nur abzulehnen, man muss ihm etwas entgegensetzen, einen Patriotismus der Demokraten. So wie ich die Stimmung im Klassenraum erlebte, habe ich den Verdacht, dass es sich bei den Wählern der AfD um denselben Personenkreis handelt, nämlich die Neonazis der Nachwendejahre, die älter geworden sind.

Ihnen schwebt vor, den Patriotismus durch Symbole aufzuladen, unter anderem mit einem Gedenktag an das Hambacher Fest von 1832.

Die Menschen wollen Europa, sie wollen nur als Nation oder Region nicht darin untergehen. Hambach symbolisiert, dass Nation, Demokratie und Europa historisch zusammengehören. Meinen Vorschlag, am letzten Sonntag im Mai den Geburtstag der deutschen Demokratie mit Bürgerfesten zu feiern, habe ich bereits den Präsidenten Köhler, Wulff, Gauck, Steinmeier unterbreitet.

Bekamen Sie Antworten?

Ablehnende. Steinmeiers Reaktion steht noch aus.

Für Ihren Amtssitz haben Sie eine Deutschlandflagge mit goldfarbenem statt gelbem Streifen angeschafft. Ist es erlaubt, vor einer Behörde seine eigene Flagge aufzuhängen?

In der Verfassung steht: Die „Bundesflagge ist schwarz-rot-gold“. Ich war natürlich so schlau, sie selbst zu bezahlen.

Globale Unternehmen ebnen in hoher Geschwindigkeit regionale Eigenarten ein. Vor diesem Hintergrund muten ein paar Flaggen niedlich an.

Ich habe auch gelesen, dass das Konzept der Nation in den Metropolen überholt sei. Hier in der Provinz ist die Befindlichkeit eine andere.

Sie wohnen seit fast 20 Jahren in Brandenburg an der Havel, in einem selbst renovierten Haus mit Plattensammlung und einem Willy-Brandt-Porträt von Andy Warhol im Arbeitszimmer. Ein Idyll am Fluss, über dem ebenfalls eine Deutschlandflagge flattert.

Mich amüsiert, wie die Leute auf ihren Ausflugsbooten zu rätseln beginnen: Wohnt hier ein Rechtsextremer? Falsch. Die Farben der Nazis waren und sind Schwarz-Weiß-Rot.

Sie sind in Patagonien geboren. Von dort aus ist es ein weiter Weg bis nach Brandenburg.

Mein Vater ging nach dem Krieg nach Südamerika, um die Farm eines verstorbenen Onkels zu verwalten und später die Nachbarfarm zu übernehmen. Doch der nationalistische Kurs von Perón hatte sich verschärft, das war nicht mehr möglich. Meine Eltern kehrten zurück, als ich zwei war.

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