Otto Walterspiel : Kindheit im Grand Hotel

Politiker, Künstler, Fürsten wohnten im „Vier Jahreszeiten“. Otto Walterspiel wuchs in Münchens Traditionshaus auf.

Eva Riedmann
Das Hotel Anfang der 30er Jahre. privat
Das Hotel Anfang der 30er Jahre.privat

Wenn Otto Walterspiel das Hotel „Vier Jahreszeiten“ in der Münchner Maximilianstraße betritt, nicken die Empfangsdamen ihm freundlich zu. Wenn er an der Bar der prunkvollen Hotellobby einen Kaffee bestellt, muss er nicht bezahlen. Und fragt man einen der Portiers „Kennen Sie Otto Walterspiel?“, nickt er. „Aber natürlich.“

Otto Walterspiel kam im Hotel „Vier Jahreszeiten“ zur Welt, in Zimmer 449, seinem Zuhause – Hausgeburten waren 1927 üblich. Mit seinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern wohnte er in der sechsten von sieben Etagen des Hotels, in einem Verbund aus mehreren zu Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer umgebauten Gästezimmern. Sein Vater, ebenfalls Otto, war Hotelier, sein Patenonkel Alfred, schon damals ein berühmter Koch, führte das Restaurant. 1926 kauften sie der Stadt München das finanziell ruinierte Haus ab.

Während des Ersten Weltkriegs war das gemeinsame Restaurant der Brüder, „Hiller“ in Berlin, geschlossen worden. In München wagten sie den Neuanfang, engagierten die besten Baufirmen und Dekorateure und machten das „Vier Jahreszeiten“ zu einem Treffpunkt für Politiker, Diplomaten und Künstler aus aller Welt. Heute übernachten dort Königin Elizabeth II. und Wladimir Putin, Robbie Williams und Jennifer Lopez.

Wo andere nur für eine Nacht bleiben, lebte der Fils de Patron, der Sohn des Hausherrn, von allen nur „Ottolein“ genannt, 16 Jahre lang. Das Grand Hotel wurde zu seinem Abenteuerspielplatz. Er schüttelte Adolf Hitler die Hand, indischen Maharadschas und Fliegergrößen – Letztere bei kleinen Jungen so beliebt wie heute Fußballspieler. An Richard Strauß erinnert er sich noch besonders gut. Der saß oft stundenlang im Restaurant, genoss die Walterspiel’sche Kochkunst, bis ihn seine resolute Gattin auf bestem Schwäbisch mit „Richard, nuff! Zum Komponiere!“ abkommandierte.

Tag für Tag pendelte Ottolein zwischen der glamourösen Hotelwelt, der Welt der Angestellten, dem normalen Leben eines Münchner Schuljungen und dem Zuhause im sechsten Stock. „Für mich war das selbstverständlich“, sagt Otto Walterspiel, heute 86 und körperlich wie geistig fit, in bestem Hochdeutsch – seine Mutter war Lehrerin und wollte nicht, dass ihre Kinder bayrisch sprechen. Im dunkelblauen Anzug mit dunkelblauer Krawatte, ein MacBook liegt auf seinem Schoß, sitzt Walterspiel in seiner geschmackvoll mit antiken Möbeln eingerichteten Wohnung im Münchner Stadtteil Pasing. Er scheint fast verwundert zu sein, dass seine Kindheit eine besondere gewesen sein soll. „Otto, du musst ein Buch schreiben“, versuchten ihn Freunde und Verwandte jahrelang zu überreden. Bis er nachgab und seine Kindheitserinnerungen in den Memoiren „Ein offenes Haus“ festhielt.

Mit dem Schulbesuch wurde Otto bewusst, dass er kein normales Zuhause hatte. „Meine Schulkameraden waren erstaunt, dass ich in einem Hotel wohnte.“ Darüber, dass er ein eigenes Zimmer mit Goldfischaquarium hatte. Dass es warmes Wasser gab. Für die anderen Jungen war Ottolein ein Held, weil er den Flieger Ernst Udet traf und die Familie Walterspiel am Wochenende mit Auto und Chauffeur aufs Land fuhr – ein Privileg der Reichen.

Das gesamte Vermögen der Familie steckte im Hotel: Insgesamt 1,6 Millionen Mark gaben die Brüder für den Ausbau des „Vier Jahreszeiten“ aus. Die Zimmerflucht, in der die Familie wohnte, war schlicht und klein im Vergleich zu den geräumigen, herkömmlichen Gästezimmern. „Unser Vermögen steht in krassem Missverhältnis zur Anzahl der Fenster in unserem Hotel.“ Das sollte Otto neidischen Klassenkameraden entgegnen, instruierte ihn Vater Walterspiel.

Ein eigenes Haus konnte sich die Familie nicht leisten. Im Hotel lebte sie relativ bescheiden. An Wochentagen aßen die Kinder oft Brei, wenn auch aus der Hotelküche, nur an Sonntagen durften sie mit den Eltern im Spitzenrestaurant ihres Onkels zu Mittag essen. „Hechtklöße Walterspiel“ aß Ottolein besonders gern, zum Nachtisch Crêpes mit Vanilleeis.

Die Sonntage im „Vier Jahreszeiten“ waren sowieso etwas Besonderes. Vater Otto unternahm mit den Kindern Hotel-Spaziergänge, erklärte ihnen, wie die Dampfmaschinen funktionierten, führte die Eismaschine vor und zeigte Wäscherei und Küche.

Was für andere Kinder Wiese oder Innenhof hinterm Haus waren, war für Otto und seine Geschwister die Dachterrasse – mit Blick auf die Türme der Frauenkirche. Dort durften sie toben, nur, wenn Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß zu Gast war, ging das nicht. Der mietete regelmäßig die Zimmer direkt unter der Terrasse und fühlte sich durch das Getrappel gestört. „Der Heß ist da“, war für die Kinder eine Mahnung.

Wenn Otto Walterspiel heute von der Dachterrasse und den Erkundungsgängen erzählt, muss er mitten im Satz loslachen. Auf dem Holztisch in seinem Wohnzimmer stapeln sich alte Fotos, sogar seine ersten Schuhe aus schwarzem Leder, aufbewahrt in einer Pappschachtel, führt der 86-Jährige vor. Er spricht gern über seine Kindheit, seine Stimme überschlägt sich vor Begeisterung.

Ganz anders, wenn er heute seine alte Heimat in der Maximilianstraße besucht, inzwischen Münchens Prachtboulevard mit Gucci-, Armani- und Cartier-Läden. Nostalgie kommt da nicht auf. Die alte Fassade des Hotels steht noch, dahinter ist kaum noch etwas so, wie Otto Walterspiel es aus seiner Kindheit kennt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hotel fast komplett zerstört, Vater und Onkel bauten es wieder auf. 1990 übernahm die Hotelkette Kempinski die Aktienmehrheit. Als Gast war Walterspiel, wenn er auf Geschäftsreise nach München kam, danach einige Mal im „Vier Jahreszeiten“. Wie in jedem anderen Hotel sei das gewesen.

Beruflich war er viel unterwegs, studierte in Weihenstephan Landwirtschaft, promovierte und arbeitete als landwirtschaftlicher Berater für den Chemiekonzern BASF in Lateinamerika. Zwei seiner vier Kinder wurden in Mexiko geboren. Später war er Vorstandsvorsitzender bei der Kali und Salz AG, erst im Ruhestand kehrte er nach München zurück.

Seine Karriere wäre, so sagt er, ohne die Erfahrungen im Hotel bestimmt weniger erfolgreich verlaufen. „Mich konnte niemand aufgrund seines Titels einschüchtern. Ich bin mit allen fertig geworden, egal ob Filmstar, Politiker oder einfacher Arbeiter.“ Manchmal, wenn er aus der Schule kam, stand sein Vater am Eingang und begrüßte Gäste, die mit ihren Limousinen vorfuhren. Er rief seinen Sohn dazu und stellte ihn vor. Otto durfte keinen Diener, die damals übliche, kleine Verbeugung, machen, er sollte den Gästen in die Augen schauen. Uniformen oder Titel spielten keine Rolle, Klein-Otto begegnete jedem Gast mit kindlicher Unbefangenheit.

Selbst Adolf Hitler. Der steckte ihm einmal 20 Reichsmark zu, als der Junge ihn mit einer Sammelbüchse um eine Spende für das Winterhilfswerk bat und damit Hitlers gesamte Entourage erheiterte. „Hitler war also, dachte ich mir, ein eher netter Mensch“, heißt es an einer Stelle in Walterspiels Buch.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Otto Walterspiel zwölf Jahre alt. Schon in den Jahren zuvor wurden Hotel und Restaurant Restriktionen auferlegt. Der Eintopf-Sonntag – deutsche Familien sollten statt des Sonntagsbratens Eintopf kochen – galt für das Restaurant Walterspiel wie für jedes andere. Das Gericht durfte höchstens drei Mark kosten, zwei davon gingen an das Winterhilfswerk. Darunter habe sein Onkel besonders gelitten.

Bei Luftangriffen während des Krieges quetschte sich die Familie mit den Hotelgästen in den zum Bunker umfunktionierten Weinkeller. Und 1943, als Bomben auf die Münchner Innenstadt fielen, zogen die Walterspiels um – in ein Haus nach Krailing, einem Vorort. Eine ungewohnte Situation, musste doch die Mutter plötzlich selbst kochen, putzen und Wäsche waschen.

Neun Monate nach dem Umzug, im April 1944, fuhr Otto Walterspiel mit dem Fahrrad von Krailing in die Innenstadt. Das Hotel war bei einem nächtlichen Bombenangriff getroffen worden. Er drängte sich an den Feuerwehrmännern vorbei, alles brannte. „Ich war vor allem froh, dass meine Familie heil davongekommen ist“, sagt er. Es war ein Abschied. Das Zuhause seiner Kindheit lebte fortan nur in seinen Erinnerungen.

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