Patricia Thielemann macht sich locker : Meditation gegen den Marmeladenglas-Wahnsinn

Ganz egal, wie erschöpft man ist: Wer einmal dort gewesen ist, will nicht wieder zurück.

Patricia Thielemann
Für Bruchteile von Sekunden öffnet sich während der Meditation die grenzenlose Weite des tiefen Getragenseins.
Für Bruchteile von Sekunden öffnet sich während der Meditation die grenzenlose Weite des tiefen Getragenseins.Foto: imago/Westend61

Wenn ich in meiner Klasse eine Mini-Meditation anbiete, haben einige der Teilnehmer irgendwie das Gefühl, das sei verlorenes Geld. Sie wünschen sich eine Domina, die ihnen den Schweinehund aus dem Leib treibt, fürs Rumsitzen haben sie nicht bezahlt! Meine Versuche, denen Meditation anzubieten, laufen oft ins Leere.

Leider. Denn ich halte es für wesentlich, der alltäglichen Reizüberflutung etwas entgegenzusetzen. Den Stecker ziehen und still werden – selbst, wenn das nicht hundertprozentig gelingt, schafft es doch einen Gegenpol zu dem Impuls, schnell das Handy zu checken oder die Küche aufzuräumen.

Wenn ich also nach so einer Übung wissen will, wie es war, höre ich oft: „Jaaaa, ich hab’ jetzt gehofft, ich höre endlich die Englein singen. Oder mir erscheint der pinkfarbene Glitzerbuddha von Rathaus, der bei mir zu Hause steht. Doch leider geht mir stattdessen durch den Kopf, was ich bei Rewe einholen muss und dass ich dringend die Quittungen aus meinen fünf Handtaschen pfriemeln sollte. Dann fällt mir auf, was ich eigentlich für einen Stuss denke und schäme mich dafür. Und DANN fängt es irgendwo an zu jucken, ich möchte mich nicht kratzen, allein dieses Geräusch …“.

Tja, auch klugen Köpfen geht das so. Der Geist schlägt gerne Kapriolen.

Als ich mit der Ausbildung zur Yoga-Lehrerin begonnen habe, war Meditation auch für mich eher ein Pflichtprogramm. Seitdem ich das zweite Kind habe, ist das anders. Wenn die sich zu Hause die Köpfe einhauen und das Marmeladenglas täglich runterfällt – hätte ich da nicht die Möglichkeit, mich nervlich wieder einzunorden, wäre mir längst eine Sicherung durchgebrannt. Ganz egal, wie erschöpft man ist, sich gegen die Wand lehnen und bewusst nach innen gehen, ist immer machbar.

Deswegen finde ich es auch so absurd, wenn ich von beruflich sehr eingespannten Menschen höre: „Interessant, aber ich, nee, ich hätte gar keine Zeit, zu meditieren!“

Wenn man dort einmal gewesen ist, will nicht wieder zurück

Meditation gilt vielen immer noch als nebulöses, merkwürdiges Dings, das für die Leute bestimmt ist, die nicht dem normalen Alltagstempo standhalten können.

Aber bitte, wenn man das Gefühl hat, gerade in einer leitenden Position, man hat nie Zeit, dann hat man sich restlos selbst versklavt. Wer täglich nur 20 Minuten seine Sinne zurückzieht, es einfach mal gut sein lässt, ist danach leistungsfähiger, weil er wieder klar denken kann. Man könnte unter „Pause“ natürlich auch verstehen, den vierten Kaffee zu trinken, dazu einen dicken Keks in sich reinzustopfen und Mails zu beantworten.

Mit der Zeit lernt man, diese kreisenden Gedanken bei der Meditation so zu betrachten wie der Zuschauer im Kino den Film. Mit gesundem Abstand.

Und irgendwann, für Bruchteile von Sekunden, so wie zwischen zwei Zeilen, öffnet sich während der Meditation tatsächlich die grenzenlose Weite des tiefen Getragenseins. Das sind so kleine Ahnungen, dass hinter all dem Wirrwarr vielleicht doch was ist. Das erschließt sich aber nur, indem man sich Raum und Zeit gibt und jegliche Erwartungshaltung ablegt. Wenn man dort einmal gewesen ist, will man nicht wieder zurück. Und irgendwann wird man einsichtig und sieht die Welt mit anderen Augen. Vielleicht entscheidet man sich auch, zu schreiten statt zu hetzen, und mit gelegentlichem Arschloch-Verhalten ist es auch vorbei.

Die Autorin ist Chefin von spirityoga.de und vertritt Katja Demirci.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben