Pilgerwanderung : Nimm dir Essen mit

Auf dem Pilgerweg nach Bad Wilsnack besänftigt Reizarmut die Großstadtseele. Nur ein Brandenburger will wissen: „Und warum macht man so wat?“.

Susanne Laser
Ich und mein Rucksack. Der Pilgerweg nach Bad Wilsnack war einst so bekannt wie der Jakobsweg nach Santiago de Compostela (im Bild).
Ich und mein Rucksack. Der Pilgerweg nach Bad Wilsnack war einst so bekannt wie der Jakobsweg nach Santiago de Compostela (im...Foto: imago/blickwinkel

Ich weiß nicht mehr, wo es war – kurz hinter Fehrbellin oder auf dem Weg nach Kyritz? Die Tage auf Wanderschaft verschwimmen zu einem einzigen, und ich weiß abends nicht mehr, wo ich morgens losgelaufen bin. Jedenfalls schleppte ich mich und meinen Rucksack gerade über eine der endlosen Brandenburger Alleen, die ich als Kind so oft von der Rückbank des Autos aus an mir vorbeiziehen ließ. Damals sah ich nicht mehr als Tristesse in dieser Landschaft, die schwer ohne Zynismus zu beschreiben ist. Eine Landschaft, die so unspektakulär, einsam und mir doch so vertraut ist, als wäre auch ein Teil von mir aus ihr gemacht.

Dort nun hatte mich ein Radfahrer überholt und war bereits ein verschwindender Punkt am Horizont, als er plötzlich umdrehte, um schließlich neben mir herzufahren. Aus den Augenwinkeln versuchte ich, ihn unauffällig zu beobachten, während er mich unverblümt anstarrte. Ging ich schneller, setzte er nach. Ging ich langsamer, ließ er sich rollen. Als ich mich schon darauf einstellte, vor einem Triebtäter davonzurennen, rief er mir eine Frage zu: „Und warum macht man so wat?“

Der Pilgerweg von Berlin nach Wilsnack ist eine puristischere Reise

Sechs Jahre zuvor war ich zu meiner ersten Pilgerwanderung auf den camino françes aufgebrochen und seither hat jeder Weg zu einem neuen Weg geführt. Von dem Pilgerweg in meiner Heimat hatte ich zufällig erfahren. Das heute unbekannte Bad Wilsnack gehörte neben Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela und Aachen zu den am höchsten frequentierten Wallfahrtsorten des Mittelalters. Der Mythos des Wilsnacker Wunderbluts entstand im 14. Jahrhundert durch einen Brand, der die Dorfkirche vollkommen zerstörte. Nur drei Hostien, seltsam mit Blut befleckt, sollen auf unerklärliche Weise die Flammen überstanden haben und wurden aufgrund ihrer offenkundigen Wunderkraft verehrt – bis sie zwei Jahrhunderte später dem Feuer der Säkularisierung und Aufklärung zum Opfer fielen. Seitdem steht die Monstranz leer.

Heute erinnern nur noch die absurd üppigen Feldsteinkirchen der stillen märkischen Dörfer an den Glanz vergessener Pilgerjahre. Die Wanderschaft auf dem seit 2005 neuinstallierten Pilgerweg von Berlin nach Wilsnack ist eine puristischere Reise. Ohne Reliquien, Prunk, Prestige oder Spektakel. Nur ein Pfad zu verlorenen Idealen wie Langsamkeit, Abgeschiedenheit und Verzicht.

Im Grunde ist es mir egal, ob ich über die Pyrenäen oder durchs Havelländische Luch laufe, um mich von Großstadt, Leistungsdruck und Selbstzweifeln zu erholen. Ich suche die Reizarmut, die meine hektische Seele besänftigt und liebe das Wandern durch Gegenden, die sich mir nicht aufgetakelt aufdrängen. Jede Reise fängt in der Fantasie an und endet in einer neu erfundenen Version meiner selbst. Tourismusindustrie und konventionelle Reiseführer beginnen mit Sehenswürdigkeiten und enden in schönen Aussichten statt in Einsichten.

Und warum macht man sowat?

Was also antwortet man auf eine Frage wie: „Und warum macht man sowat?“

„Zum Entspannen!“, war die knappste und ehrlichste Antwort, die mir einfiel.

„Na, ick weeß ja nich. Und wo jeht's hin?“, fragte der Eingeborene skeptisch.

„Nach Bad Wilsnack.“

„Wat jibt’s denn da“

„Eine große Pilgerkirche.“

„Aha, und denn jeht’s wieder nach Hause?“

„Ich gehe noch ein Stück weiter bis Tangermünde.“

„Tangermünde? Sacht mir nüscht? Und da is denn Ende Jelände?“

„Naja, theoretisch führt der Weg von dort weiter bis Santiago de Compostela.“

„Wo iss’n dit?“

„In Spanien.“

„Ach du Scheiße!“

Abrupt und ohne ein Wort des Abschieds trat er ein paar Mal kräftig in die Pedale und war auf und davon.

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