Regisseur Erwin Piscator : Ein Moralist der Bühne

Flucht und Triumph: Erwin Piscators Leben war großes Theater. In Berlin brachte er Proletarier auf die Bühne, in New York unterrichtete er Marlon Brando. Von einem Regisseur, der sich nie unterkriegen ließ.

Michael Schophaus
Salonkommunist. Erwin Piscator im Jahr 1959.
Salonkommunist. Erwin Piscator im Jahr 1959.Foto: ullstein bild

Es ist Sonntag, der 7. Oktober 1951, als Erwin Piscator in der Vergangenheit landet. Irgendwo da draußen hat sie ihn eingeholt, über dem stürmischen Atlantik. Als er nach seinem Flug von New York nach Hamburg deutschen Boden betritt, wackeln die Beine des schmächtigen Mannes. Er ist 57, kraftlos, müde und enttäuscht, weil er mit seiner Karriere wieder ganz von vorne anfangen muss. Vor fast 20 Jahren war er vor Adolf Hitler geflohen. Jetzt hat ihn der Kommunistenjäger Joseph McCarthy aus Amerika vertrieben.

Erwin Piscator ist bereits berühmt, als er Deutschland 1931 verlässt. Ein aufsässiger, alles infrage stellender Regisseur, ein Revoluzzer des Schauspiels. Selbst Bertolt Brecht bewundert ihn. Er gilt als der Gründer des proletarischen Theaters. Bringt Arbeiter nicht nur von der Fabrik in die Stuhlreihen, lässt sie sogar an der Berliner Volksbühne in „Die Räuber“ von Schiller spielen. Er will die Kunst zum Volke tragen, „das Drama soll endlich wieder im Mutterboden der Menschheit keimen“. So pathetisch nennt er das damals.

Er macht keine Kunst um der Kunst willen. Piscator will immer auch einen Zweck damit verbinden. Den Zweck, Massen zu aktivieren. Politisch zu denken. Nicht bloß zu unterhalten. Dazu nutzt er den frischen Geist der Zwanziger. Theater als blankgeputzter Spiegel der Wirklichkeit. Theater als Propaganda.

Eigentlich ist der stramme Linke mit dieser Haltung gar nicht weit weg von den Nazis, wenn auch mit einer ganz anderen Botschaft. Aber noch sind die Nazis weit genug weg von ihm.

Der Vater hält nichts von den Flausen seines Sohnes

Im Jahr 1893 wird Erwin Piscator in Ulm bei Wetzlar geboren. Schon als Kind will er auf die Bühne. Ein Westerwälder Dickschädel, der gern mit dem Kopf durch die Wand geht. Im Matrosenanzug und Rüschenbluse geht er zum ersten Mal ins Gießener Stadtheater, sieht mit großen Augen „Maria Stuart“. Danach ist es um ihn geschehen. Schauspieler! Sein kleiner Bruder Paul steht Schmiere, wenn er auf dem Dachboden des elterlichen Hauses elendig lange Monologe aus „Der Widerspenstigen Zähmung“ hält. Paul muss klatschen, sonst setzt es Prügel.

Vater Carl besitzt ein Warengeschäft und handelt mit Textilien. Er hält nichts von den Flausen seines Sohnes. Statt auf die Bühne muss Erwin in die Knabenbürgerschule, später ins Königliche Gymnasium von Marburg. Kein großes Theater wie auf dem Speicher, eher ein echtes Trauerspiel. Erwin ist ein miserabler Schüler, bleibt in der Quarta zweimal sitzen. Im Zeugnis steht: „Aufmerksamkeit und Fleiß genügend, aber ohne Erfolg“. In Geschichte kriegt er eine glatte Fünf.

Irgendwie schafft er das Abitur und beginnt 1913 eine Schauspielausbildung in München. Weißer Stehkragen, Maßanzug, dicker Ring am Mittelfinger. Piscator sieht glänzend aus, hat sich zur Bewerbung heimlich in Papas beste Klamotten geschmissen. Man attestiert ihm großes Talent. Nebenbei studiert er Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik. Liest Oscar Wilde und Friedrich Nietzsche und „alle jene, die diese morbide bürgerliche Gesellschaft ironisiert und bekämpft haben“.

Der Krieg macht ihn zum Kommunisten

Zu den Proben erscheint er im Zweireiher, in Hosen mit Bügelfalte. Ein Salonkommunist mit wirren Ideen, aber feinen Manieren. Er will keine Ballonmütze, keine roten Schlipse wie seine Gesinnungsgenossen. Er will den Zuschauern als überzeugter Ästhet die Welt vor Augen führen. „Nicht mit einem schmutzigen Knebelbart, wie ihn Mephisto in unserem Stadttheater trägt“, sagt er. Er will, verdammt noch mal, ein bedeutender Lyriker werden. Sein Theater soll die Menschen ändern, mindestens! Piscator birst vor Selbstvertrauen.

Dann kommt ein Krieg, der ihn völlig verändert. Er springt als junger Kerl in den Frontgraben und kriecht als ängstlicher, alter Mann wieder heraus. 1915 wird er nach Westflandern berufen und einer Infanterie-Einheit zugeteilt, erlebt monatelange Stellungskämpfe. In Feuerpausen schreibt er traurige Gedichte, zittrig, auf feuchtem Papier. Sie werden später in der politischen Wochenschrift „Die Aktion“ veröffentlicht. In seinem Kopf spuken Bilder von Blut, Tod und Verzweiflung. Er ist Zeuge einer Tragödie, wie sie selbst Shakespeare nicht grauenhafter schreiben könnte. Piscator wird schwer verwundet, „der Tod klopfte laut bei mir an“, sagt er später. Im Herbst 1917 beteiligt er sich an einem Fronttheater. Man spielt Heiteres, Leichtes, einfach nur vergessen. Er schmeißt den ganzen Laden, ist gleichzeitig Schauspieler und Regisseur.

Der Krieg macht ihn noch mehr zum Kommunisten, zum Pazifisten sowieso. Freunde rufen ihn „roter Pis“. Nach der Novemberrevolution tritt er in die KPD ein und feiert das Ende der deutschen Monarchie.

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