Reise nach Schweden : 48 Stunden Metal in Göteborg

Ein Hafen, ein Musikstil: Gothenburg-Metal. In der zweitgrößten Stadt Schwedens gibt’s seltenes Vinyl, Iron-Maiden-Bier – und Hot Dogs aus der Hölle.

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At the Gates gelten als Erfinder des Göteborg-Sounds.
At the Gates gelten als Erfinder des Göteborg-Sounds.Foto: Ester Segarra www.e-segarra.com

10 UHR „The Gallery“ / Dark Tranquillity

Der Rock’n’Roll erreichte Göteborg am 3. Dezember 1955. Bei einem Konzert in einer Mädchenschule unterbrach der Jazzmusiker Chris Lennert plötzlich sein übliches Set und spielte „Rock around the Clock“. Das Publikum drehte komplett durch, lernt der Besucher der Ausstellung „Die Göteborger Musikszene 1955–2018“ im Stadtmuseum (Norra Hamngatan 12).

Ein Auftritt mit Folgen. Denn Schwedens zweitgrößte Stadt brachte später nicht nur zahlreiche Bands, sondern auch eine eigene, nach ihr benannte Spielart des Heavy Metal hervor: „Beim Göteborg-Sound handelt es sich um eine melodische Form des Death Metal, inspiriert von Bands wie Iron Maiden, Folk und Klassischer Musik“, klären Tafeln neben den Exponaten und Kopfhörerstationen auf. Merkmale sind Tempobrüche, der Wechsel zwischen Gesang und Gebrüll sowie zweistimmige Gitarrenharmonien.

Quasi erfunden hat diese Mixtur die Band At the Gates im Jahr 1995 auf ihrem Album „Slaughter of the Souls“, populär gemacht wurde sie später von Bands wie Dark Tranquillity oder In Flames.

Warum sich ausgerechnet hier im Westen Schwedens dieser Sound so festgesetzt hat, ist nur schwer zu ergründen. Aber dass Göteborg mit 560 000 Einwohnern recht überschaubar ist, sich viele Bands notgedrungen Mitglieder teilten und etliche Alben im örtlichen Studio Fredman aufgenommen wurden, dürfte mitentscheidend gewesen sein.

Noch bis 2018 läuft eine Ausstellung zur heimischen Musikgeschichte im Stadtmuseum.
Noch bis 2018 läuft eine Ausstellung zur heimischen Musikgeschichte im Stadtmuseum.Copyright: Kjell Holmner/Göteborg & Co

12 UHR „Watch Them Feed“ / In Flames

Das mit den Hot Dogs ist kein Witz, den sich Ikea ausgedacht hat. Die Schweden lieben Würstchen. Die Kette Gourmetkorv, die ihre Tresen mit Büscheln von Petersilie schmückt, hat gleich mehrere Filialen in der Stadt. Metalfans wählen natürlich die „Höllenwurst“: eine Krakauer mit Chili, die man mit Whiskeysenf für 45 Kronen (rund 5 Euro) im Brötchen serviert bekommt.

13 UHR „Give It A Try“ / Death Destruction

Wer jetzt die Oberbekleidung wechseln muss, wird bei „Shock“ (Södra Hamngatan 49) fündig. Seit 30 Jahren versorgt der Laden Rockfans mit Band-Shirts. Für den Nachwuchs gibt es auch Strampler. Exotischeres findet sich bei „Grothica“ (Västra Hamngatan 9), ein paar Meter den Kanal entlang. Eine Kellertreppe führt hinab in ein Gewölbe voll mit Gothic-Kleidern und Silberschmuck. Betrieben wird der Laden von Janet Björklund, mit der man beim Anprobieren gerne über ihre Lieblingsband „Dark Tranquillity“ fachsimpeln kann.

14 UHR „The Chase“ / In Flames

Die Tour durch die Plattenläden beginnt man auf der Andra Långgatan. Bei der Linné Skivbörs (Hausnummer 20) gibt es eine ausgesuchte Auswahl an Metal-Vinyl, zum Teil limitierte Stücke. 100 Meter weiter liegt Andra Långgatans Skivhandel (Hausnummer 33). Hier stehen in gelben Holzkisten tausende von gebrauchten CDs. In Flames’ Album „Come Clarity“ bekommt man schon für 50 Kronen. Die erste Wahl ist jedoch Bengans (Stigbergstorget 1). Der Laden im Keller verkauft nicht nur CDs und Schallplatten, sondern auch Kühlschrankmagneten von „Iron Maiden“, Untersetzer von „Ghost“ und damit man das nachher auch alles nach Hause bekommt, hat man auch noch Koffer mit Kiss- oder AC/DC-Aufdrucken im Angebot.

Wer bei Bengans einkauft, wird an manchen Tagen von Dark-Tranquillity-Bassist Anders Iwers bedient.
Wer bei Bengans einkauft, wird an manchen Tagen von Dark-Tranquillity-Bassist Anders Iwers bedient.Foto: Moritz Honert

17 UHR „Howl From The Coffin“ / Vampire

Einheimische empfehlen zum Bummeln gern den Stadtpark Slottsskogen, passender aber ist ein Besuch auf dem zentralen Friedhof an der Stampgatan. Unter schattigen Bäumen kann man zwischen den verwitterten Obelisken wandeln und angesichts des Grabes eines gewissen Axel von Rosen über den am Friedhofstor eingemeißelten Spruch „Tänk på döden“ („Denk an den Tod“) sinnieren.

Auf dem zentralen Friedhof an der Stampgatan kann man über den am Tor eingemeißelten Spruch „Tänk på döden“ („Denk an den Tod“) sinnieren.
Auf dem zentralen Friedhof an der Stampgatan kann man über den am Tor eingemeißelten Spruch „Tänk på döden“ („Denk an den Tod“)...Foto: Moritz Honert

19 UHR „The Number Of The Beast“ / Iron Maiden

Peter Iwers ist als Bassist von In Flames ordentlich in der Welt herumgekommen. Auch kulinarisch. Dabei musste er feststellen: „In vielen Restaurants wird man immer noch komisch angeschaut, wenn man mit langen Haaren und Tätowierungen erscheint.“

Also wollte er gemeinsam mit seinem Bandkollegen Björn Gelotte einen Ort schaffen, an dem jeder willkommen ist. Vor sechs Jahren eröffneten sie den nach einem Album der Band Rush benannten und mit Kerzen, Teppichen und Plattencovern dekorierten Burgerladen „2112“ (Magasinsgatan 5). Iwers Favorit ist der „Smoke on the Water“ mit geräuchertem Bauchspeck und Trüffelmayonnaise (198 Kronen), der ein Stück fettiges Glück ist. Wer wirklich Hunger hat, kann sich an „The Number of the Beast“ versuchen – ein Burger mit 666 Gramm Fleisch.

22 UHR „Killing My Sleep“ / Dimension Zero

Bier ist in Skandinavien Grundnahrungsmittel, auch dank etlicher Kleinbrauereien. Einen guten Überblick gibt die Brewers Beer Bar (Tredje Långgatan 8), die ein Dutzend Biere vom Fass und mehr als 80 Imperial Stouts oder Red Ales zwischen 40 und 400 Kronen aus der Flasche anbietet. Gleich ums Eck hat kürzlich The Abyss (Andra Långgatan 35) aufgemacht. Dort hängen Motörhead-Poster an der Wand, rumpelt Thin Lizzy aus den Boxen, trägt der Tresennachbar Tätowierungen im Gesicht, und aus dem Zapfhahn läuft Iron-Maidens „The Trooper“-Bier.

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